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Warum Italien zu den großen EM-Favoriten zählt

Frankreich, Belgien oder Spanien sind erstgenannte Favoriten für die EM. Ein weiterer Kandidat ist die Squadra Azzurra.
20 Minuten
11.06.2021, 14:36

Italien bestreitet am Freitag (21 Uhr, "Heute" berichtet live) gegen die Türkei in London das Auftaktmatch der EURO. Wir zeigen euch auf, was die Italiener so stark macht und warum man an dieser EM mit ihnen rechnen muss.

Wenn man sich die Mannschaften vor der Europameisterschaft genauer anschaut, ist Frankreich der absolute Top-Favorit auf den EM-Titel. Zum Favoritenkreis gehören üblicherweise auch die Spanier und England. Belgien ist sowieso der ewige Geheimfavorit. Doch wie sieht es mit dem Gruppengegner der Schweiz, Italien aus? Unsere südlichen Nachbarn haben in der EM-Quali kein einziges Spiel verloren, sie haben gar alle zehn Partien gewonnen. Sehen wir also in diesem Turnier die vielleicht beste italienische Mannschaft der letzten Jahre? 

Erfahrene Abwehr

Ein oft zitiertes Sprichwort aus dem US-Sport besagt: "Die Offensive gewinnt Spiele, die Defensive gewinnt Meisterschaften." Mit Leonardo Bonucci und Giorgio Chiellini stellen die Italiener zwei Innenverteidiger, die sich in und auswendig kennen. Zusammen bilden sie seit Jahren das Innenverteidiger-Duo bei Juventus Turin. Auch wenn die zwei nicht mehr die Jüngsten sind, können sie dafür auf jahrelange Erfahrung zurückgreifen. Bonucci sagte in einem Interview jüngst: "Wir haben keinen Weltstar in unseren Reihen. Aber gegen große Mannschaften hat das Team den Unterschied gemacht".

Im Tor steht Gianluigi Donnarumma. Nur schon der Vorname lässt aufhorchen – wegen seines Namensvetters und Goalie-Legende Gianluigi Buffon. Donnarumma ist Jahrgang 1999, ist somit erst 22-jährig. Doch der Italiener hat für seinen Stammklub, die AC Milan, schon über 220 Spiele absolviert, für die italienische Nationalmannschaft sind es bereits 26 – Milan wird er im Sommer übrigens verlassen, sein Vertrag ist ausgelaufen. Für viele Experten ist er ein Kandidat für den besten Torhüter der Welt in den nächsten Jahren.

Auf den Außenverteidigerpositionen haben sie mit Alessandro Florenzi und Leonardo Spinazzola auch zwei gestandene Spieler, die bei ihren Vereinen in der Ligue1 (PSG) und der Serie A (AS Roma) beide Stammspieler sind.

Prunkstück Mittelfeld

Der 29-jährige Jorginho, geboren in Brasilien, reiste mit breiter Brust zur Squadra Azzurra. Der Mittelfeldspieler hat gerade eben mit Chelsea die Champions League gewonnen und dürfte somit großes Selbstvertrauen mitbringen. Jorginho gilt im Spiel von Roberto Mancini als Dreh und Angelpunkt im Mittelfeld der Italiener. Mancini hat ihn jüngst als "Herzstück" der Mannschaft betitelt. Er kann defensiv das Spiel des Gegners kaputtmachen, kann aber auch das Spiel ankurbeln und die Bälle verteilen.

Marco Verratti, seit Jahren Stammspieler bei PSG, ist für den offensiveren Part zuständig. Der 28-Jährige ist unglaublich stark am Ball und kann mit seinen Dribblings auch mal zwei Gegenspieler stehen lassen und dann den tödlichen Pass in die Spitze spielen. Dazu kommt noch Nicolò Barella. Der 24-jährige Italiener hat in der abgelaufenen Saison mit Inter Mailand die Meisterschaft gewonnen und spielte eine starke Saison.

56-Tore-Offensive

Auch in der Offensive haben die Italiener unglaublich viel Potenzial. Und vor allem eines: Torgefahr! Alleine Ciro Immobile, Lorenzo Insigne und Domenico Berardi haben in der abgelaufenen Saison der Serie A zusammen 56 Tore geschossen. Mit Insigne und Berardi haben die Italiener extrem torgefährliche und vor allem schnelle Flügelspieler. Und Ciro Immobile ist sowieso seit Jahren für Lazio in Hochform.

In der Saison 19/20 schoss der Ex-BVB-Spieler 36 Tore. Letzte Saison waren es zwar "nur" deren 20, trotzdem braucht der bullige Stürmer kaum Chancen, er ist eiskalt vor dem gegnerischen Tor. Und dann ist da noch Federico Chiesa. Der 23-jährige Spieler von Juventus Turin war einer der konstantesten Spieler der Alten Dame letzte Saison. Er hat auch schon 25 Einsätze für die Squadra auf dem Konto und bringt somit auch internationale Erfahrung mit.

Überragende Form seit Mancinis Übernahme

Roberto Mancini hat vor drei Jahren die italienische Nationalmannschaft übernommen. Seither hat die Squadra in 30 Partien nur gerade zweimal verloren. Auch das Torverhältnis von 73:14 in diesen 30 Spielen unterstreicht die Ausgewogenheit zwischen starker Offensive und solider Defensive in der Mannschaft. Spannend ist auch der Fakt, dass fast alle Akteure in der heimischen Liga spielen. Nur gerade vier Spieler verdienen ihre Brötchen im Ausland. (Verratti und Florenzi bei PSG, Jorginho und Emerson bei Chelsea)

Vincenzo Grifo, Spieler des SC Freiburg, der es in den vorläufigen EM-Kader der Italiener geschafft hat, dann aber von Mancini für die EM nicht berücksichtig wurde, sagte jüngst in der Sportschau: "Er hat viel Erfahrung und weiß genau, wie er mit Menschen umgehen muss. Ihm ist bewusst, dass er viele unterschiedliche Charaktere in der Mannschaft hat und geht genau auf jeden einzelnen ein, soweit ihm das möglich ist." Mancini habe so unheimlich viel Atmosphäre und Charme in diese Mannschaft gebracht, deswegen seien sie ja auch auf einem so guten Weg. Grifo weiter: "Die Spieler würden für ihn durchs Feuer gehen."

Ein weiterer Faktor für ein erfolgreiches Turnier könnte der Heimvorteil sein. Die Italiener spielen alle drei Gruppenspiele zu Hause im Stadio Olimpico in Rom. Zugelassen sind 16.000 Fans. Wenn die Squadra Azzurra die Gruppenphase erfolgreich übersteht, ist ihr alles zuzutrauen. An der Europameisterschaft vor fünf Jahren besiegten die Italiener in der Gruppenphase die hochgelobten Belgier. Im Achtelfinale warf man Spanien aus dem Turnier. Erst im Viertelfinale scheiterte man im Elfmeterschießen gegen Deutschland. Wenn die Truppe von Roberto Mancini also einmal ins Rollen gerät, sind sie nur schwer zu stoppen.

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