Fulminanter Auftakt! Italien zeigte am Freitag im Auftaktmatch der EURO 2020 – die mit einem Jahr Verspätung startete – gehörig auf. Die einstige Top-Nation war lange Jahre in der Versenkung, scheint derzeit ihre Renaissance zu erleben.
Italien fertigte die Türkei im Eröffnungsspiel in Rom mit 3:0 ab. Dabei dominierten die Gastgeber das Match von der ersten bis zur letzten Minute. Die Sieger verzeichneten 24:3 Torschüsse, ließen gegen die im Vorfeld als Geheimtipp gehandelten Türken hinten nichts anbrennen. Italien ist unter Teamchef Roberto Mancini seit neun Länderspielen ohne Gegentor! Auf der Gegenseite wirbelten Ciro Immobile, Lorenzo Insigne und Co., durchbrachen in der zweiten Hälfte den dichten türkischen Abwehrriegel.
Mit dem Auftaktsieg schossen sich die Italiener endgültig in die Rolle des Turnier-Mitfavoriten. Wir zeigen, warum man sie tatsächliche auf dem Zettel haben muss, was diese Truppe heuer so stark macht.
Ein oft zitiertes Sprichwort aus dem US-Sport besagt: "Die Offensive gewinnt Spiele, die Defensive gewinnt Meisterschaften." Mit Leonardo Bonucci und Giorgio Chiellini stellen die Italiener zwei Innenverteidiger, die sich in und auswendig kennen. Zusammen bilden sie seit Jahren das Innenverteidiger-Duo bei Juventus Turin. Auch wenn die zwei nicht mehr die Jüngsten sind, können sie dafür auf jahrelange Erfahrung zurückgreifen. Bonucci sagte in einem Interview jüngst: "Wir haben keinen Weltstar in unseren Reihen. Aber gegen große Mannschaften hat das Team den Unterschied gemacht".
Im Tor steht Gianluigi Donnarumma. Nur schon der Vorname lässt aufhorchen – wegen seines Namensvetters und Goalie-Legende Gianluigi Buffon. Donnarumma ist Jahrgang 1999, ist somit erst 22-jährig. Doch der Italiener hat für seinen Stammklub, die AC Milan, schon über 220 Spiele absolviert, für die italienische Nationalmannschaft sind es bereits 26 – Milan wird er im Sommer übrigens verlassen, sein Vertrag ist ausgelaufen. Für viele Experten ist er ein Kandidat für den besten Torhüter der Welt in den nächsten Jahren. Angeblich zieht es ihn nach der EURO nach Paris.
Auf den Außenverteidigerpositionen haben sie mit Alessandro Florenzi und Leonardo Spinazzola auch zwei gestandene Spieler, die bei ihren Vereinen in der Ligue1 (PSG) und der Serie A (AS Roma) beide Stammspieler sind. Spezielle Spinazzola hat am Freitag eine Duftmarke hinterlassen. Auf der linken Außenbahn sorgte er mit Tempodribblings und Kombinationen mit Insigne ständig für Gefahr, leitete mit seinem zunächst abgewehrten Schuss das 2:0 von Immobile ein.
Der 29-jährige Jorginho, geboren in Brasilien, reiste mit breiter Brust zur Squadra Azzurra. Der Mittelfeldspieler hat gerade eben mit Chelsea die Champions League gewonnen und dürfte somit großes Selbstvertrauen mitbringen. Jorginho gilt im Spiel von Roberto Mancini als Dreh und Angelpunkt im Mittelfeld der Italiener. Mancini hat ihn jüngst als "Herzstück" der Mannschaft betitelt. Er kann defensiv das Spiel des Gegners kaputtmachen, kann aber auch das Spiel ankurbeln und die Bälle verteilen.
Dazu kommt noch Nicolò Barella. Der 24-jährige Italiener hat in der abgelaufenen Saison mit Inter Mailand die Meisterschaft gewonnen und spielte eine starke Saison.
Die beiden dominierten gegen die Türkei gemeinsam mit Sassuolo-Kicker Manuel Locatelli das Mittelfeld.
Auch in der Offensive haben die Italiener unglaublich viel Potenzial. Und vor allem eines: Torgefahr! Alleine Ciro Immobile, Lorenzo Insigne und Domenico Berardi haben in der abgelaufenen Saison der Serie A zusammen 56 Tore geschossen. Mit Insigne und Berardi haben die Italiener extrem torgefährliche und vor allem schnelle Flügelspieler. Und Ciro Immobile ist sowieso seit Jahren für Lazio in Hochform.
In der Saison 19/20 schoss der Ex-BVB-Spieler 36 Tore. Letzte Saison waren es zwar "nur" deren 20, trotzdem braucht der bullige Stürmer kaum Chancen, er ist eiskalt vor dem gegnerischen Tor. Und dann ist da noch Federico Chiesa. Der 23-jährige Spieler von Juventus Turin war einer der konstantesten Spieler der Alten Dame letzte Saison. Er hat auch schon 25 Einsätze für die Squadra auf dem Konto und bringt somit auch internationale Erfahrung mit.
Roberto Mancini hat vor drei Jahren die italienische Nationalmannschaft übernommen. Seither hat die Squadra vor der EURO in 30 Partien nur gerade zweimal verloren. Auch das Torverhältnis von 73:14 in diesen 30 Spielen unterstreicht die Ausgewogenheit zwischen starker Offensive und solider Defensive in der Mannschaft. Spannend ist auch der Fakt, dass fast alle Akteure in der heimischen Liga spielen. Nur gerade vier Spieler verdienen ihre Brötchen im Ausland. (Verratti und Florenzi bei PSG, Jorginho und Emerson bei Chelsea)
Vincenzo Grifo, Spieler des SC Freiburg, der es in den vorläufigen EM-Kader der Italiener geschafft hat, dann aber von Mancini für die EM nicht berücksichtig wurde, sagte jüngst in der Sportschau: "Er hat viel Erfahrung und weiß genau, wie er mit Menschen umgehen muss. Ihm ist bewusst, dass er viele unterschiedliche Charaktere in der Mannschaft hat und geht genau auf jeden einzelnen ein, soweit ihm das möglich ist." Mancini habe so unheimlich viel Atmosphäre und Charme in diese Mannschaft gebracht, deswegen seien sie ja auch auf einem so guten Weg. Grifo weiter: "Die Spieler würden für ihn durchs Feuer gehen."
Ein weiterer Faktor für ein erfolgreiches Turnier könnte der Heimvorteil sein. Die Italiener spielen alle drei Gruppenspiele zu Hause im Stadio Olimpico in Rom. Zugelassen sind 16.000 Fans. Wenn die Squadra Azzurra die Gruppenphase erfolgreich übersteht, ist ihr alles zuzutrauen. An der Europameisterschaft vor fünf Jahren besiegten die Italiener in der Gruppenphase die hochgelobten Belgier. Im Achtelfinale warf man Spanien aus dem Turnier. Erst im Viertelfinale scheiterte man im Elfmeterschießen gegen Deutschland. Wenn die Truppe von Roberto Mancini also einmal ins Rollen gerät, sind sie nur schwer zu stoppen.
Wer den Italienern beim Singen der Hymne oder Vereiteln einer Torchance sieht, weiß: Diese Herren sind mit Leidenschaft am Werk. Chiellini und Co. feiern einen geblockten Schuss wie einen Lotto-Sechser – auch beim Spielstand von 3:0. Beim Torjubel fallen den Stars die Ersatzspieler um den Hals. Der Teamgeist stimmt und könnte zur Geheimwaffe werden. Der absolute Superstar mag den Italienern fehlen, dafür ist diese Mannschaft eine Einheit.