"Wenn Bordelle schließen, gehe ich zurück nach Ungarn"

Sexarbeiterinnen und Betreiber fürchten um ihre Existenz. "Einen Arbeitsstopp kann ich mir nicht leisten", sagt Sexarbeiterin Tanja.

Existenzängste, Schulden und Tabuisierung: Diese Corona-Kombi macht Sexarbeiterin Tanja* (30) das Leben in der Schweiz schwer. Denn Bordelle, Swingerclubs, und ähnliche Erotik-Betriebe sind in den meisten Kantonen bereits geschlossen, in anderen steht die Schließung kurz bevor. Tanja kann das nicht nachvollziehen: "Bei meinen Dienstleistungen befolge ich ein striktes Schutzkonzept."

Die Maßnahmen einzuhalten, sei für die Ungarin kein Problem. "Ich arbeite in einem privaten Studio und habe schon vor Corona sehr auf Sauberkeit geachtet", sagt Tanja. Gemäß dem geltenden Schutzkonzept trage sie, ebenso wie ihre Kunden, die ganze Zeit Maske. Regelmäßig desinfiziere sie sich die Hände, lüfte und putze das Zimmer nach jedem Kunden. Zudem würde vor jedem Kontakt geduscht. "Wir erfassen die Kontaktdaten der Kunden und müssen diese sogar verifizieren", so Tanja. Das seien strengere Regeln, als für Tattoo-Studios oder Restaurants gelten.

An der Prostitution hängen Existenzen

Tanja versteht die Ungleichbehandlung nicht. "Corona ist keine sexuell übertragbare Krankheit. Es handelt sich zwar um eine körpernahe Dienstleistung, aber im Supermarkt ist es nicht sauberer als im Puff." Sie ließe sich wöchentlich auf das Coronavirus testen, bisher sei sie immer negativ gewesen. Die Polizei habe sie schon mehrmals kontrolliert. Nie hätte es etwas zu beanstanden gegeben. "Warum müssen viele Betriebe schließen? In der Politik interessiert es niemanden, dass auch in unserer Branche Existenzen gefährdet sind. Wir fühlen uns im Stich gelassen."

Das Schlimmste sei die ständige Unsicherheit: "Ich habe Angst, dass es von einem Tag auf den anderen heißt, dass ich nicht mehr arbeiten kann." Während des Lockdown im Frühling hätte sie schon drei Monate lang durch den Arbeits-Stopp keine Einnahmen gehabt. "Das kann ich mir nicht nochmals leisten. Ich muss schließlich auch meine Miete bezahlen."

"Bei einer Schließung muss ich zurück nach Ungarn"

Sie bietet ihre Dienste zurzeit nur im Kanton Aargau an, da dort die Sexarbeit in Etablissements nach wie vor erlaubt ist. Falls im Aargau sowie den restlichen Kantonen eine Schliessung der Sex-Betriebe angeordnet wird, bleibe ihr keine andere Wahl, als zurück in ihre Heimat in Ungarn zu gehen.

Dies wäre für sie eine "finanzielle Katastrophe": "In Ungarn gibt es für mich keine Möglichkeit, um Geld zu verdienen, da dort zurzeit eine Ausgangssperre herrscht." Trotzdem hätte eine Rückkehr in ihre Heimat auch positive Seiten: "Da die Lebensunterhaltungskosten tiefer sind, kann ich dort ohne Einkünfte besser leben. Es wäre aber trotzdem sehr unangenehm."

"Die Betroffenen sind verzweifelt"

Obwohl in ein paar Kantonen die Bordelle nach wie vor offen sind, sei das Geschäft zusammengebrochen, so Doro Winkler von der Fachstelle Frauenhandel und Frauenmigration FIZ. "Solange die Bordelle offen bleiben dürfen, können die Sexarbeiterinnen keine Hilfe beantragen. Sie verschulden sich, weil sie die Miete und Krankenkasse weiter bezahlen müssen."

Im Moment könnten Migrantinnen, die in der Sexarbeit arbeiten, zwar noch in ihr Heimatland zurückreisen – nützen tue ihnen das aber gemäss Winkler nichts: "In ihren Heimatländern haben sie nicht unbedingt ein Einkommen." Die Lebenssituationen der Betroffenen seien "prekär und schwierig": "Die Betroffenen sind verzweifelt."

Winkler plädiert deswegen dafür, dass im Schweizer Sexgewerbe eine einheitliche Lösung eingeführt werde: "Es ist wichtig, dass nicht ein einzelnes Gewerbe diskriminiert wird." Die Erotikbetriebe sollten aber nicht einfach geschlossen werden: "Es gibt keine Hinweise darauf, dass im Sexgewerbe besonders viele Ansteckungen geschehen. Zudem gibt es ein Schutzkonzept, das funktioniert."

"Es ist wichtig, dass die Hygieneregelungen eingehalten werden"

Die Epidemiologin Olivia Keiser von der Uni Genf schätzt das Risiko einer Corona-Ansteckung während sexueller Kontakte hingegen als erhöht ein: "Wie bei allen nahen Kontakten in Innenräumen ist die Gefahr sicher erhöht – besonders bei längerem nahem Körperkontakt."

Auch Andreas Cerny, Infektiologe am Moncucco-Spital in Lugano, bewertet sexuelle Kontakte als nicht unbedenklich: "Bei einem sexuellen Kontakt ist das Übertragungsrisiko relativ hoch, falls eine der beiden Personen das Virus trägt." Deswegen sei es wichtig, dass die Hygieneregelungen eingehalten und befolgt würden: "Die Kantone haben spezifische Vorgaben und Schutzkonzepte erarbeitet die – korrekt umgesetzt – die Risiken der Verbreitung des Virus verhindern sollten."

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