"Jeder sagt: Boah, was da los ist? Gsindel", bringt es eine Wiener im ORF auf dem Punkt. Ihr Zuhause: der Rennbahnweg 27 in der Donaustadt. 8.000 Menschen finden hier im bekanntesten Plattenbau der Stadt ein Zuhause. Und was für eines. "Am Anfang hab ich mir gedacht, ich zieh' lieber unter die Reichsbrücke. Aber es ist ja gar nicht so schlecht", tröstet sich die Bewohnerin.
Für eine "Am Schauplatz"-Reportage begab sich ORF-Journalist Ed Moschitz an den Stadtrand von Wien. Die 57 Wohntürme ragen hier bis zu 16 Stockwerke hoch in den Himmel. Es ist ein sozialer Brennpunkt: Viele Mieter hier leben von einem geringen Einkommen, haben eine schwierige Lebensgeschichte oder Fluchtbiografie.
Friedl etwa wohnt hier seit 46 Jahren – oder, wie er es ausdrückt: "Zwei Mal lebenslänglich." Er fühlt sich aber wohl: "I mog den Rennbahnweg", sagt er im ORF. Und gibt auch zu, schon zwei Mal im Häf'n gesessen zu sein: "23 Tage wegen steuerlichem Desinteresse".
Eine langjährige Bewohnerin – selbst vor Jahrzehnten aus dem ehemaligen Jugoslawien gekommen – ärgert sich über die heutige Generation von Migranten: "Schade, dass solche Menschen so schöne Wohnungen gekriegt haben", sagt sie in das ORF-Mikro. Der Pensionistin "gefallen die Wohnungen am Rennbahnweg". Weniger schön findet sie eine Begegnung im Stiegenhaus, an die sie sich im "Schauplatz"-Interview zurückerinnert: "Da waren drei Ausländer – ein Syrer, ein Pakistani, ein Afghane – die im sechsten Stock in den Lift eingestiegen sind." Sie selbst sei "die vierte Ausländerin" gewesen, wie sie bemerkt. Die Dame habe laut eigener Aussage "Spaß gemacht" und gelacht: "Bumm, vier Ausländer."
„"Wer braucht Österreicher?"“
Mehr brauchte sie nicht. "Wissen Sie, wos der sogt: Wer braucht Österreicher?", ärgert sie sich. Nachsatz: "Seitdem will ich den nicht einmal sehen. Ich habe zu ihm gesagt: Österreich hat dir alles gegeben. Du hast sechs Kinder gehabt, hast deine Frau stehen gelassen und dir eine andere und unser Geld geholt."
Sie "werde Österreich immer verteidigen", sagte die Mieterin dem ORF. Begründung: "Österreich hat mir alles gegeben, nicht Jugoslawien. Österreich ist für mich das schönste und beste Land auf der ganzen Welt. Auch die Leute, wie sie sind – ihre Kultur … Ich bin schon lange Österreicherin. Über Österreich lasse ich kein Wort kommen."
Was man angesichts solcher Integrations-Mängel tun könne? Am Rennbahnweg hat man wenig Hoffnung: "Jetzt ist es zu spät." Just in jenem Moment kommt eine Nachbarin aus dem Irak hinzu. Wie sie über Österreich denkt? "Sehr gut. Sicherheit."
Dann platzt der langjährigen Mieterin der Kragen: In der Zeitung lese man "nur über Ausländer": "Der Roz geht rauben und vergewaltigen", drückt sie sich politisch wenig korrekt aus und gerät prompt in eine hitzige Diskussion mit mehreren Teenagern, die darauf pochen "hier geboren zu sein".
In der Plattensiedlung hat jeder seine Probleme. Ein Nachbar, Ur-Wiener, pendelt etwa zwischen Rennbahnweg und Gefängnis: "Wie soll ich ihre Geldstrafen zahlen, wenn ich 643 Euro Pension bekomme? Das geht sich alles ned aus …", klagt Gerhard Pawlata, der 1979 hierher gezogen ist. Wegen Trunkenheit am Steuer ("zwei, drei Bier") ist ihm der Führerschein entzogen worden. Danach sei er "handfest mit einem Polizisten zusammengekracht", es folgten saftige Geldstrafen, die sich der Mindestpensionist jedoch nicht leisten kann. Daher muss der 66-Jährige immer noch – regelmäßig für je sechs Wochen – "sitzen gehen".
Sitzen tut auch das harte Urteil einer Frau aus Belgrad mit der heimischen Politik: "Kurz ist weg, ein Trottel ist gekommen", donnert sie in die Kamera. Die Frau fragt: "Was hat der gemacht mit uns? Nix." Die Schuldfrage hat sie für sich geklärt: "Russland hat uns kaputtgemacht. Der Präsident muss was machen."
Auch eine andere Mieterin, die seit 33 Jahren am Rennbahnweg logiert, hat die Nase voll: "Es wird immer ärger", sagt sie. Was genau? "Wohnen'S amoi da. Nach zwei Tagen ziehen Sie aus. Wenn die Möglichkeit besteht, bin i weg."
Doch nicht alle gehen mit ihrem Zuhause derart hart in die Kritik: Inge Thier, 69, und ihr Mann Wolfgang, 68, haben sich am Rennbahnweg verliebt. Im Lift. "Uiuiui" habe es gemacht, erzählt er. So sehr, dass er sich von seiner damaligen Frau gleich scheiden ließ. Das war vor 45 Jahren. Bis heute verbringen die Thiers jede Minute gemeinsam. Egal ob Schnäppchenjagd beim Penny-Markt, kochen oder spazieren gehen. "Wir sind so deppert, dass wir sogar händchenhaltend schlafen gehen", erzählen sie – verliebt wie am ersten Tag.
„"Wie redst du? Wie i hoid mit an Trottel red …"“
Sehr häufig kommt jedoch der hohe Migranten-Anteil im Bau als Kritikpunkt: "Seit Ausländer da sind, haben wir keine Ruhe mehr. Mir tun die Kinder leid – 3- bis 4-Jährige, die alleine in den Hof hinuntergehen", so eine Bewohnerin. Doch auch unter Einheimischen ist der Ton nicht immer wie beim Elmayer-Kränzchen: "Wie redst du mit mir?", wird ein Mieter gefragt. Antwort: "Wie i hoid mit an Trottel red …"