"Widows": Hilf dir selbst, sonst tut es sicher keiner

Vier ganz normale Frauen müssen, um die Schulden ihrer getöteten Männer zu begleichen, 2 Millionen stehlen. Weiter weg von "Oceans 11" geht kaum.

Veronica (Viola Davis) und ihren Mann Harry (Liam Neeson) verbindet eine große Liebe und ein tolles gemeinsames Leben. Das endet abrupt, als Harry und seine Crew bei einem Raubzug mitsamt ihrem Fluchtauto in die Luft gesprengt werden. Plötzlich klopfen der brutale Jamal Manning (Brian Tyree Henry) und sein Bruder Jatemme (Daniel Kaluuya) bei Veronica an und wollen zwei Millionen Dollar, die Harry ihnen gestohlen hat und die mit ihm verbrannten.

Rauben, um zu überleben

Die Witwe steht vor dem nichts und muss um ihr Leben fürchten. Als sie jenes Buch in die Finger bekommt, in dem Harry detailliert Pläne für einen neuen Raubzug aufgezeichnet hat, erkennt sie nur einen Ausweg: In seine Fußstapfen zu treten.

Vier Opfer wollen fünf Millionen

Veronica nimmt Kontakt zu den Witwen der anderen Bandenmitglieder auf (Michelle Rodriguez, Elizabeth Debicki). Gemeinsam mit der alleinerziehenden und bitterarmen Frisörin Belle (Cynthia Erivo) wollen sie dem Politiker Jack Mulligan (Colin Farrell), der in einem Viertel Chicagos gegen die Mannigans antritt, die Wahlkampfkasse von 5 Millionen Dollar stehlen.

Ein Zungenkuss, der Barrieren durchbricht

"Widows - Tödliche Witwen" ist Regisseur Steve McQueens erster Film seit seinem Oscar-Gewinner "12 Years a Slave". Wieder beeindruckt McQueen schon mit der ersten Szene. Er zeigt in der ersten Einstellung des Filmes einen leidenschaftlichen Zungenkuss zwischen Liam Neeson und seiner Frau Viola Davis. Schon diese erste Szene bricht mit vielen Konventionen. Beide Liebende sind jenseits der 50, einer ist schwarz, der andere weiß und statt akrobatischer Verrenkungen schöner Körper sieht man viel Zunge und anscheinend echte Gefühle. Schon wenige Minuten später platzt die Illusion der heilen Welt. Neesons Auto fliegt in die Luft, Davis bleibt allein zurück.

Trailer:

Die Kehrseite von "Oceans 11"

Der Film hat alle Zutaten eines klassischen "Heist-Films ", hat mit Streifen a la "Oceans 11" und Co aber genauso wenig zu tun wie ein Disneyfilm mit der Wirklichkeit. Die "Heldinnen" werden nicht plötzlich zu Meistereinbrecherinnen. Was sie treibt, ist Verzweiflung, die Sorge um ihre Kinder und der Wille zu überleben.

Witwen stehen ihren Mann

Keiner traut der Schwarzen, der Latina und der hübschen Blonden etwas zu - nicht einmal sie selbst. Zwischen korrupten Politikern und brutalen Gangs bleibt den Frauen nichts anderes übrig als gegen die Feinde ihren Mann zu stehen und über sich hinauszuwachsen. Glamourös geht es dabei nicht zu, und bis kurz vor dem Ende erkennen weder die Witwen noch die Zuschauer das große Ganze.

Weiße Frauen als Vorbilder für ein schwarzes Kind

Als McQueen in den 1980ern als schwarzes Kind in London die Serie, auf der "Widows" basiert, zum ersten Mal sah, konnte er sich mit den unterschätzten Außenseiterinnen, die keiner Ernst nimmt, identifizieren. Es sei schockierend, so McQueen zur "NY Times", wie wenig sich in den vergangenen 30 Jahren gesellschaftlich verändert habe.

Oscarkandidat mit überragendem Cast

"Widows" hat alle Elemente, die ihn zu einem vielversprechenden Oscarkandidaten machen. Starke Frauen, eine vielschichte Story, Minderheiten und Randgruppen, die sich gegen eine Übermacht durchsetzen müssen und phantastische Darsteller, allen voran Viola Davis.

Realität bis zum Limit

Dass McQueen Erwartungen weckt, die dann nicht erfüllt werden, wird die Academy kaum stören, viele Zuschauer aber schon. Statt Witz und ausgeklügelte Einbruchspläne sieht man brutal-melancholische Realität und starke Frauen. Man könnte sich zu Recht fragen, ob man das wirklich über zwei Stunden lang vor Augen geführt haben muss. Zumindest in der Länge des Films hätte uns Steve McQueen etwas ersparen können. (lam)

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