Wirtschaft

Wie der Arbeitsmarkt aus der Krise kommen kann

Im spannenden "Heute"-Talk unterhalten sich Experten aus der heimischen Wirtschaft und Politik über Strategien für Österreichs Zukunft.
Irma Basagic
05.11.2020, 18:17

Die wirtschaftlichen Folgen der Corona-Pandemie stellen den Arbeitsmarkt vor enorme Herausforderungen. 13 Fachleute aus der Wirtschaft diskutierten im Melia Vienna brennende Fragen zum Thema Arbeit. "Heute"-Redakteur Gerhard Plott moderierte.

Expertenrunde (v.l.): Stefan Graf, Renate Anderl, Petra Draxl, Monika Racek, Andreas Bierwirth, Christine Aschbacher, Karlheinz Kopf, Sonja Wallner, Norbert Scheele, Elisabeth Wenzl, Manfred Rosenauer.
Copyright: Robert Harson

Heute: Wie bereiten wir den Arbeitsmarkt auf die Herausforderungen von 2021 vor?

Christine Aschbacher (Bundesministerin für Arbeit, Familie und Jugend): Wir befinden uns in einem Ausnahmejahr. Das Wichtigste ist es jetzt Arbeitsplätze zu sichern, in Aus- und Weiterbildung zu investieren und Arbeitssuchende weiterzuvermitteln. Das geschieht etwa mit der Corona-Kurzarbeit-Phase 3, die einen Planungshorizont von Oktober bis März ermöglicht. Ein zweites großes Programm ist die Job-Offensive, wo Arbeitsstiftungen inkludiert sind.

Kurzarbeit kann in Krisenzeiten nur eine temporäre Lösung sein

Renate Anderl (Präsidentin der Arbeiterkammer Wien): Das Kurzarbeits-Modell war wichtig, um Arbeitsplätze zu sichern. Wir wissen aber auch, dass es nicht alles schaffen kann. Man sollte außerdem Menschen nicht in Bereiche qualifizieren, wo durch die Digitalisierung Berufe und Branchen wegfallen.

Peter Umundum (Vorstand bei Österreichische Post AG): Kurzarbeit ist eine gute Maßnahme. Gleichzeitig müssen wir darauf achten, dass wir das Soft Landing nicht zu lange aufschieben. Es gibt auch gute Möglichkeiten, eigene Lehrberufe zu erfinden. Wir haben einen Nahlogistiker mit der Politik installiert, der 150 Lehrlinge beinhalten wird.

Heute: Es droht eine Pleitewelle, damit sind die Arbeitsplätze auch weg. Wie gehen Sie da vor?

Karlheinz Kopf (Generalsekretär der Wirtschaftskammer Österreich): Jobs entstehen nur, wenn eine Nachfrage nach Mitarbeitern da ist. Das erleben wir nicht erst seit der Coronazeit, sondern schon davor, mit einer abgeschwächten Wirtschaftsentwicklung. Ende 2018 haben wir gespürt, dass die Unsicherheit steigt. Damals waren es externe Faktoren wie Brexit und Digitalisierung. Jetzt leben wir in einer schockartigen Situation. Am Ende von Hilfsmaßnahmen werden Probleme entstehen. Kurzarbeit war ein Erfolgmodell, nun können wir die Internationalisierungsoffensive verstärken.

Heute: Reichen diese Maßnahmen aus?

Petra Draxl (Landesgeschäftsführerin AMS Wien):Wir rechnen mit steigender Arbeitslosigkeit wegen saison- und coronabedingter Kündigungen. Unternehmen werden mit einem Teil der Mitarbeiter weiter in die Kurzarbeit gehen und sich von einem anderen Teil trennen, um zu schauen, wie sie die sechs Monate schaffen. Es ist positiv, dass wir regional abgestimmt haben. In Wien gibt es eine breite Ausbildungspalette und attraktive Weiterbildungsangebote.

Monika Racek (Vorstandsvorsitzende der Admiral Casinos): Durch Covid gibt es besondere Herausforderungen. Es liegt nun an der Politik, möglichst rasch geeignete Rahmenbedingungen für Unternehmen zu gestalten, um die Wirtschaft zu stabilisieren. Unser Produktionsbetrieb ist signifikant von der Krise betroffen. In Asien gibt es große Einbrüche. Wir haben das Modell der Kurzarbeit genutzt. Das hat wahnsinnig gut funktioniert. Es ist jedoch nur eine temporäre Maßnahme. Was es bedarf, sind passgenaue Lösungen für große Industriebetriebe als auch für kleine Unternehmen. Am Ende des Tages geht es darum, möglichst viele Menschen in Beschäftigung zu halten. Wir mussten zum Glück noch niemanden kündigen, es ist jedoch immer eine Kostenfrage. Eine Möglichkeit wäre, eine temporäre Senkung der Lohnnebenkosten anzudenken.

Sonja Wallner (Finanzvorstand A1 Telekom): Wir haben viel in Zusammenarbeit und Kommunikation ausprobiert und uns im Krisenmodus weiterentwickelt, um fit für die Zeit danach zu sein. Die Netze haben gehalten, wir haben ein wunderbares Feedback von unseren Kunden bekommen, bei denen Mitarbeiter und ganze Unternehmen im Homeoffice arbeiten konnten. Viele Menschen gehen heute nicht mehr in Shops, sondern kaufen online ein. Das sind die Änderungen, die wir umsetzen. Abgesehen davon geht es genau gleich weiter wie vor der Krise, es ändern sich nur die Anforderungen.

Johann Zimmermann (Präsident Landwirtschaftskammer): In der Land- und Forstwirtschaft hat es enorme Ausfälle gegeben. Vor allem die Sektoren, die eng mit der Gastronomie verbunden sind, haben gravierende Einbrüche erlitten. Im Rindfleischsektor oder bei den Kartoffeln. Ohne Senkung der Lohnnebenkosten ist der inländische Markt nicht mehr konkurrenzfähig.

Zwischen Arbeitgeber und -nehmer braucht es neue Kommunikationsregeln. 
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Coronakrise beschleunigt die Digitalisierung der Arbeitswelt

Andreas Bierwirth (Geschäftsführer Magenta Telekom): Ich glaube, dass in dieser Krise die Digitalisierung eine unfassbare Beschleunigung, geradezu eine Stoßgeburt, erhalten hat, in vielen Bereichen. Die Welt des Arbeitens hat sich fundamental verändert. Das sieht man am digitalen Handel, am kleinen Buchladen, der sich neu erfunden hat. Oder an einer digitalen Dienstleistung: die Yoga-Lehrerin, die über Video ihre Yoga-Stunden gibt und mehr Kunden hat als vorher. Das sollte uns Hoffnung geben, dass wir uns durchaus ein wenig neu erfunden haben und die Mehrheit des Neuerfundenen sicher bleiben wird. Mit Sicherheit wird das digitale Arbeiten als fundamentale Veränderung nach Corona bleiben.

Peter Umundum (Vorstand bei Österreichische Post AG): Wir haben zwar das Geschäft mit Werbung und Bild im Zuge der Digitalisierung verloren, andererseits E-Commerce dazugewonnen. Das hat Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt bei uns. Kurzarbeit werden wir keine haben. Wir brauchen zusätzliches Personal. Der Handel boomt online, mehr als die Hälfte kommt aus dem Ausland. Der österreichische Handel muss fit gemacht werden beim E-Commerce.

Norbert Scheele (Country Manager bei C&A): E-Commerce ist extrem gestiegen, dennoch ist auch der stationäre Handel wichtig. Wir müssen auf beiden Kanälen arbeiten und brauchen mehr Leute. Ein großes Online-Thema sind die Steuern. Viele Waren kommen aus Drittstaaten, wo nach wie vor kein Zoll zu zahlen ist.

Heute:Stark gebaut wird die nächsten Monate trotz allem?

Petra Draxl (AMS)
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Manfred Rosenauer (Vorstand der Strabag): Wir schätzen die Entwicklung stabil ein. Wenn es der Gesamtwirtschaft gut geht, geht es der Bauwirtschaft oft schlecht und umgekehrt. Wir haben unsere Auftragsbestände aus der Vergangenheit. Schwer tun würden wir uns, wenn die Arbeit runtergefahren wird. Wenn die Bausaison läuft, verstehen Bauarbeiter nicht, wenn sie nicht arbeiten dürfen, obwohl es noch etwas zu betonieren gibt. Es wäre schön, wenn wir den vollen Beschäftigungsstand in das neue Jahr mitnehmen können. Wir sind sogar auf der Suche nach Leuten, insbesondere nach Lehrlingen.

Heute: Haben Sie auch volle Auftragsbücher?

Stefan Graf (Geschäftsführer Leyrer + Graf Baugesellschaft): Es gibt eine gewisse Trägheit bei langfristigen Aufträgen. Wir sind vollbeschäftigt und suchen Leute. Die Bauwirtschaft hat den Ruf, Konjunkturmotor zu sein. Der Treibstoff dafür sind Investitionen. Die Aussagen kommen von den öffentlichen Auftraggebern. Entscheidend werden die nächsten Schritte sein, da ein Bauverfahren relativ lang dauert. Es wird spannend, ob rechtzeitig gestartet werden kann. Und es nicht zu einer Delle kommt und es mehr Kurzarbeit gibt. Das ist dann die große Herausforderung für uns.

Stefan Graf möchte eine mögliche Delle in der Baubranche vermeiden.
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Bei Mobilität und Flexibilität mangelt es oft an Engagement

Christine Aschbacher (Bundesministerin für Arbeit, Familie und Jugend): Arbeitsmarktpolitik ist sehr unterschiedlich regional in Österreich. Wir haben Bundesländer, die hauptsächlich vom Tourismus leben, wie Tirol und Salzburg, wir haben Industrie-Bundesländer, wir haben in Wien eine ganz andere Situation. Es ist wichtig, dass wir regional agieren und eine Arbeitsmarktpolitik machen, die die Menschen unterstützt, mit dem obersten Ziel, dass sie wieder in Beschäftigung kommen. Wir stellen auch fest, dass die Mobilität der Mitarbeiter stetig zurückgegangen ist. Wo früher ein Kärntner gerne nach Wien arbeiten gegangen ist, ist es heute nicht mehr so. Da müsste man untersuchen, warum das so ist. Vielleicht ist es auch eine steigende Bequemlichkeit. Die Leute wollen bei der Familie bleiben. Außerdem kann man nicht von Digitalisierung und Veränderung reden und dann die nötige Infrastruktur nicht schaffen. In der Stadthotellerie dauert es länger als ein halbes Jahr. In den Problembranchen geht es ums Drüberhelfen. Alle Reisebüros und Flugunternehmen sind in einer katastrophalen, perspektivlosen Situation. Wenn wir alle glauben, dass das zurückkommt, müssen wir ihnen drüberhelfen. In ein paar Branchen werden wir bis über den März hinaus Finanzierungen und Kurzarbeitsmodelle brauchen. Auf der einen Seite gibt es eine erhöhte Arbeitslosigkeit, andererseits beklagen viele einen Fachkräftemangel. Qualifikation und/oder regionale Verfügbarkeit passen nicht zusammen. Was mir auch Sorge bereitet, ist die Frage der Bereitschaft. Die Kombination, weniger zu arbeiten und 80 bis 90 Prozent des Bezuges zu bekommen, ist eine nicht ungefährliche. Kurzarbeit ist keine Dauereinrichtung, weil sie etwas mit der Arbeitsmoral macht. Mit Ausnahme von ein paar Branchen ist sie ein temporäres Modell.

Christine Aschbacher im Gespräch mit "Heute"-Redakteur Gerhard Plott.
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Heute: Inwiefern sind die Arbeitsplätze nicht mobil oder flexil genug?

Petra Draxl (Landesgeschäftsführerin AMS Wien): Die überregionale Vermittlung hat durch Corona einen Einbruch erlitten. Wir brauchen die Mobilität der Arbeitskräfte, erleben aber viel mehr Zurückhaltung von den Regionen. Es geht nicht nur um familiäre Fragen, sondern auch um Wohnfragen. Man muss sehen, dass Mobilität ein Gesamtkonzept ist. Es muss entsprechende Bedingungen wie Fahrgemeinschaften und bessere Busverbindungen geben, damit das Angebot attraktiv ist.

Heute: Was fehlt Ihnen bei der Bekämpfung der Krise am meisten?

Elisabeth Wenzl (Familie und Beruf): Eine große Aufgabe ist es, auch die Kommunikation zwischen Chef und Angestellten sicher zu stellen. Da sehe ich viel Notwendigkeit, weil das Private und das Berufliche stark verschwimmen. Themen wie Vereinbarkeit und Work-Life-Balance müssen angesprochen werden. Es braucht neue Spielregeln. Wenn ein Elternteil wegen Homeschooling überlastet ist, muss er das dem Arbeitgeber kommunizieren können, ohne diesem komplette Überforderung zu signalisieren. Der Arbeitgeber wiederum dringt plötzlich in private Sphären vor, wo er zuvor gelernt hatte, dass man das nur in Mitarbeiter-Gesprächen macht. Hier braucht es eine neue Offenheit für diese unbekannte Situation.

Andreas Bierwirth: Die Krise macht erfinderisch und treibt die Digitalisierung voran.
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Karlheinz Kopf (Generalsekretär der Wirtschaftskammer): Wir haben das Mögliche getan, um in der Akutphase zu helfen. Jetzt geht es für viele darum, wieder zu einem Stück Normalität zu kommen. Wir werden lernen müssen, mit dem Virus zu leben. Ich halte es für eine Illusion zu glauben, dass mit einer Impfung das Problem verschwindet. Wir wissen nicht, wie sich das Virus entwickelt. Viele Branchen haben gute Perspektiven. Da helfen Investitionsprämien, das Eigenkapital stärkende Maßnahmen und Internationalisierungsoffensiven. Die Branchen brauchen eine neue Flexibilität. Die Bürokratie braucht schnellere Verfahren.

Manfred Rosenauer (Strabag) auf der Suche nach Lehrlingen.
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Soll das Homeoffice gelingen, dann braucht es klare Regeln

Renate Anderl (Präsidentin der Arbeiterkammer Wien): Natürlich hat es etwas, wenn man ein paar Tage zu Hause sitzt. Wir wissen jedoch auch, dass niemand nur dauerhaft zu Hause sitzen möchte. So wie jetzt Homeoffice passiert, möchte ich es auch nicht als Regelbetrieb. Es braucht zunächst einmal Vereinbarungen. Wir wissen etwa nicht, wie die Wohnsituation des Angestellten ist, ob er auf 50 Quadratmetern oder in einem Haus mit eigenem Büro wohnt, wo und ob er einen Schreibtisch hat. Einige Beschäftigte arbeiten am Küchentisch, der gleichzeitig Schulbank und Esstisch ist. Wir haben ein Arbeitnehmerschutzgesetz und wissen nicht, wie das im Home Office greift, wenn man jahrelang auf einem Laptop in einer unmöglichen Körperhaltung arbeitet. Mitarbeiter haben große Bildschirme bekommen, um besser arbeiten zu können und einige haben gesagt: Super, aber wo soll ich den hinstellen? Es muss zudem klare Abgrenzungen von Arbeitszeit und Freizeit geben. Auch im Homeoffice muss das Arbeitsrecht wirken. Wenn mein Kind krank ist, muss es eine Pflegefreistellung geben. Es muss Regeln geben. Es muss auch im Homeoffice möglich sein, krank zu sein, einen Krankenstand im Homeoffice zu haben.

Sonja Wallner, A1 Austria
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Sonja Wallner (Finanzvorstand A1 Austria): Viele Leute mussten sich Schreibtische, Webcams oder Bildschirme kaufen und einen Internet-Vertrag abschließen. Eine steuerliche Anrechnung könnte da helfen. In Österreich gibt es auch eine Fortschritts-Skepsis. Wir haben alle Homeoffice lernen müssen. Jeder Einzelne muss Interesse daran haben, sich weiterzubilden und die Bereitschaft zu steigern. Die Ausbildung, die von 25-30 bis zur Pension gereicht hat, gibt es mittlerweile schon lange nicht mehr. Man muss sich beschäftigbar halten und neue Skills erwerben.

Karlheinz Kopf, Wirtschaftskammer
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Norbert Scheele (Country Manager bei C&A): Es muss klare Spielregeln geben. Es ist nicht so, dass wir das ganze Büro aufgelöst haben. Aber ich hätte das schon gern gelöst, wir haben die Gespräche mit den Arbeitnehmern gestoppt, weil jetzt irgendein Gesetz kommt und wir davor nichts vereinbaren wollen, wo wir am Ende des Jahres womöglich wieder zurückrudern müssen. Dieses Jahr können wir alles über die Corona-Prämie abarbeiten. Nächstes Jahr geht das nicht mehr.

Norbert Scheele und Elisabeth Wenzl diskutieren über den Arbeitsmarkt.
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Christine Aschbacher (Bundesministerin für Arbeit, Familie und Jugend): Das Modell Homeoffice hat natürlich Diskussionsbedarf. Das Homeoffice des Lockdown spiegelt jedoch nicht das Homeoffice der nächsten Jahre wider. In vielen Bereichen ist es außerdem nicht die ganze Woche möglich. Hinzu kommt, dass der Mensch ein soziales Wesen ist. Die Frage ist also, wie man das miteinander verbinden kann. Wir wollen nichts reglementieren, was nicht notwendig ist, aber es braucht ein Regelwerk.

Heute: Danke allen vor Ort und via Zoom für das Gespräch!

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