Wie Elizabeth Holmes alle im Silicon Valley narrte

Ein Wundergerät, eine junge Frau mit viel Charisma – und millionenschwere Investitionen. In Kalifornien beginnt ein Betrugsprozess der Superlative.

Was sich seit wenigen Tagen im kalifornischen San José abspielt, ist, ohne Übertreibung, Silicon-Valley-Geschichte. Denn vor dem Bundesgericht muss sich die 37-jährige Elizabeth Holmes wegen des größten Betrugs verantworten, den es in der Startup-Szene gegeben hat. Holmes Fall liest sich wie ein Krimi, ist sogar schon Stoff für einen Podcast und eine TV-Serie bei HBO. Der Prozess selbst wird zum Spektakel – inklusive hochkarätiger Zeugen.

Wie hat alles angefangen?

Elizabeth Holmes tauchte erstmals 2003 in Szene auf: Die damals 19-Jährige brach ihr erst kürzlich begonnenes Studium der Chemietechnik an der Stanford University ab, um ihre Firma Theranos zu gründen. Das Unternehmen sollte einen Minicomputer herstellen, den Holmes Edison taufte. Die Jungunternehmerin versprach viel: Der Blutabnahmestift Edison könne mit nur wenigen Blutstropfen innerhalb von Sekunden 70 verschiedene Tests durchführen und mehr als 200 Krankheiten diagnostizieren.

Wie schaffte Holmes, ihre Investoren zu täuschen?

Nachdem sie jahrelang ihre Pläne geheim gehalten hatte, trat Holmes in der Öffentlichkeit auf und war plötzlich überall zu sehen: auf Konferenzen, auf den Titelseiten der wichtigsten US-Zeitschriften, sogar bei einem Staatsbankett im Weißen Haus. Dabei wusste Holmes sich geschickt zu verkaufen. Sie trug stets einen schwarzen Rollkragenpullover, um mit Apple-Gründer Steve Jobs in Verbindung gebracht zu werden und ihrem Auftritt eine Art Genie-Effekt zu verpassen. Wie ehemalige Angestellte gegenüber "Business Insider" verrieten, sprach Holmes auch mit einer künstlichen, baritonalen Stimme, die ihr helfen sollte, älter zu wirken und in die von Männern dominierte Tech-Szene des Silicon Valley zu passen.

Welche prominente Investoren hat Holmes betrogen?

Die Leidenschaft und Überzeugung, mit der sie über ihr Testgerät Edison sprach, faszinierte Geschäftspartner und Investoren, auch Forschende, Ingenieure und selbst das US-Militär und hochrangige Politiker und Politikerinnen im Land. Bald steckte Medienmogul Rupert Murdoch 125 Millionen in Theranos, auch die Walmart-Familie, der mexikanische Milliardär Carlos Slim oder Donald Trumps ehemalige Bildungsministerin Betsy DeVos investierten viel Geld in den Biotechnologie-Startup. Zwei Schwergewichte wie der ehemalige Außenminister der USA, Henry Kissinger, oder Ex-Verteidigungsminister James Mattis saßen im Verwaltungsrat. Der damalige Präsident Barack Obama zeichnete Holmes als vorbildliche Unternehmerin aus. Zu jenem Zeitpunkt war Theranos neun Milliarden Dollar wert.

Wie gut verkaufte sich das Testgerät Edison?

Weil sehr viele US-Amerikanerinnen und Amerikaner keine oder nur eine schlechte Krankenversicherung haben, entwickelte sich Edison zum Wundergerät. Walgreen, die größte Drogeriekette der USA, und der Detaillist Safeway schlossen mit Theranos dreistellige Millionenverträge ab. Für Elizabeth Holmes gab es kein Zurück mehr. Jetzt hieß es: "Fake it till you make it" – also tu so, bis du es geschafft hast. Holmes konnte das allerdings gut: Nicht nur redete sie gegenüber den Investoren und Investorinnen die finanzielle Situation von Theranos schön, sie log auch unverfroren über die Genauigkeit und Schnelligkeit der Tests.

Was stimmte mit Edison nicht?

In Wirklichkeit hat das Testgerät Edison aber nie richtig funktioniert. Wie das Portal npr schreibt, habe es immer wieder falsche Resultate angezeigt, was zu Fehldiagnosen führte. So wurden Patienten etwa fälschlicherweise als HIV-positiv diagnostiziert. Einer schwangeren Frau wurde irrigerweise mitgeteilt, sie habe eine Fehlgeburt erlitten.

Wie flog der Skandal auf?

Im Jahr 2015 kamen erste Zweifel über die Theranos-Technologie auf, dem Märchen gab schließlich ein Artikel im "Wall Street Journal" den Todesstoß. Journalist John Carreyrou hatte herausgefunden, dass Holmes für die meisten Tests gar nicht das Edison-Gerät einsetzte, sondern Geräte von Herstellern wie Siemens. Der Bericht schlug wie eine Bombe ein, Theranos geriet in Bedrängnis.

Was wird Elizabeth Holmes vorgeworfen?

Die Unternehmerin muss sich nun wegen zwölf Anklagepunkten vor Gericht verantworten. Dabei geht es um Betrug: an Investoren, an Laboren, an Geschäftspartnern, an Patienten und Patientinnen. Die Staatsanwaltschaft geht davon aus, dass Holmes von Anfang an gewusst habe, dass Edison nicht funktioniert. Zudem soll sie die Menschen, mit denen sie arbeitete, über Jahre hinweg systematisch getäuscht haben.

Was sagt Holmes zu ihrer Entlastung?

Die 37-Jährige plädiert auf nicht schuldig und zeigt auf ihren ehemaligen Lebenspartner und Chief Operating Officer von Theranos, Ramesh Balwani. Holmes' Verteidigung wird vor Gericht Dokumente vorlegen, die beweisen sollen, dass Holmes von Balwani manipuliert worden sei. Der pakistanische Software-Entwickler soll absolute Kontrolle über Holmes Leben gehabt haben, heißt es in den Dokumenten: von ihrer Ernährung, bis zu ihrer Kleidung über ihre Schlafgewohnheiten. Holmes hat offenbar vor, psychische Probleme gültig zu machen und Balwani der häuslichen Gewalt zu beschuldigen, wie "New York Times" berichtet.

Welche Strafen drohen Holmes?

Wird die Angeklagte schuldig gesprochen, drohen Elizabeth Holmes für jeden der zwölf Anklagepunkte bis zu zwanzig Jahren Gefängnis, dazu eine Geldstrafe von 250.000 Dollar. Nachdem die Wahl der Jury-Mitglieder abgeschlossen ist, soll am 8. September die Anhörung der Zeugen beginnen. Es wird damit gerechnet, dass der Prozess mindestens bis Dezember dauert.

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