Dieses Match hat ein saftiges Nachspiel. Winterthur schlug den FC Aaarau in der zweiten Schweizer Liga am vergangenen Freitag auf dramatische Weise 4:2, erzielte in den Schlussminuten zwei Treffer.
Eine Fan-Attacke auf den Linienrichter überschattete das sportliche Geschehen. Pascal Hirzel wurde auf der mit 7600 Fans gut besuchten Schützenwiese von einem Becher am Kopf getroffen, trug in der 88. Minute eine blutende Wunde auf der Stirn davon.
Das Spiel wurde fortgesetzt. Aarau legt nun aber Protest gegen das Spiel ein. Winterthur schwieg bis Montag. Die Stellungnahme am Sonntag erhitzte die Gemüter eher, als sie zu beruhigen.
Der Zweitplatzierte der Challenge League verurteilte zwar die Becherwürfe, die beim Torjubel zum zwischenzeitlichen 3:2 hundertfach auf den Rasen geflogen sind. Es heißt: "Die Vorkommnisse am Freitag passen nicht zu den Werten, die der FCW mit voller Überzeugung vertritt, und sie schaden der einmaligen Fankultur auf der Schützenwiese, die wir alle so sehr schätzen."
Allerdings seien Aktionen wie Becherwürfe nicht im Sinne der etablierten Fankurve, und in diesem Fall vor allem aus der gemischten Stehtribüne auf der Längsgeraden in Richtung Spielfeld und Linienrichter geflogen, so der FC Winterthur. Auf dieser sei am Freitag "sehr viel neues Publikum" zugegen gewesen.
Der als sympathischster Klub der Schweiz bekannte FCW gibt also – zumindest ein wenig – den neuen Fans die Schuld. Eine Aussage, die nicht bei allen gut ankommt. Ein User auf Facebook schreibt etwa, schon seit vielen Spielen würden aus der Ost- und Bierkurve Becher auf das Feld geworfen. Und: "Jetzt zu behaupten, es sei dem vielen neuen Publikum zu verdanken, finde ich nicht richtig." Es sei eine Frage der Zeit gewesen, bis so etwas geschah.
Winti verteidigt sich gegenüber 20 Minuten: "Wir haben es sicherlich nicht so gemeint, dass das neue Publikum Schuld ist", nimmt Andreas Mösli Stellung, seinerseits Sprecher des Vereins und Teil der Geschäftsführung. "Aber auf der Tribüne haben wir schon viele neue Leute, mit denen wir noch keinen Kontakt haben. Auf dieser steht aber nur ein Teil der organisierten Fanszene", so Mösli. In der Kurve gebe es klare Hierarchien und eindeutige Ansprechpersonen. Das gebe es auf der C-Tribüne viel weniger. Und weiter: "Dort steht ein bunt gemixtes Publikum – auch Gästefans. Das Problem ist doch einfach: Wir wissen nicht, wer es war. Das können wir bei der Menge gar nicht rausfinden. Aber klar ist: Die Becherwürfe geschahen aus den Emotionen heraus."
Um den vom Becher getroffenen Linienrichter kümmerten sich die Winterhur-Spieler und -Verantwortlichen noch auf dem Platz. Mösli: "Die Mannschaft hat ihm dann auch noch eine Karte geschrieben, auf der alle unterschrieben haben."
Fakt ist: Solche Becherwurf-Eklats soll es in Zukunft nicht mehr geben. Die Geschäftsleitung arbeite bereits an wirkungsvollen Maßnahmen, um ähnliche Vorkommnisse in Zukunft zu verhindern. Konkret könnte auf der Schützenwiese ein Fangnetz gespannt werden. "Aber wir überlegen uns auch andere Maßnahmen", so Mösli. Damit bleibt nur das Warten auf den Entscheid der Disziplinarkommission.
Anderes gibt es bis jetzt auch von Liga-Seite nicht zu hören. Außer ein kurzes Statement von CEO Claudius Schäfer. Dieser sagte am Sonntag gegenüber blue: "Das ist extrem ärgerlich und darf nicht passieren." Ob Buße oder Forfait-Niederlage, bestraft wird der FCW für den Becherwurf so oder so.
Eine Entscheidung ist in Kürze zu erwarten. Eine Forfait-Pleite ist aber wohl unwahrscheinlich. So wurde bereits 2009 ein ähnlicher Protest von GC abgeschmettert. Mösli ist Realist: "Wir rechnen sicherlich mit einer Buße. Von der Liga kann es auch noch Auflagen geben, das kann sehr gut sein."
Der Vorfall weckt in Österreich Erinnerungen an den Grazer "Becherwerfer". Ein Fan traf den Schiedsrichterassistenten im Heimspiel der Europa-League-Qualifikation gegen AEK Larnaca am Kopf, verursachte ebenso eine Platzwunde. Sturm Graz lag zu diesem Zeitpunkt schon mit 0:2 zurück – der spätere Endstand. Der Übeltäter wurde später zu einer bedingten Haftstrafe verurteilt.