Wiener Arzt: "Weiß nicht, wie man das bewältigen soll"

Intensivmediziner Thomas Staudinger in der ZiB2 am 26. März 2021
Intensivmediziner Thomas Staudinger in der ZiB2 am 26. März 2021Screenshot ORF
Die Wiener Intensivstationen füllen sich. In den nächsten Wochen sollen um 100 weitere Patienten dazukommen. Ein Arzt sagt im ORF, was Sache ist.

In der ZIB2 schildert der Wiener Intensivmediziner Thomas Staudinger gegenüber ORF-Moderatorin Lou Lorenz-Dittlbacher die prekäre Lage, in der sich die Wiener Krankenhäuser derzeit befinden:

Knapp 200 Menschen ("wenn man alle einbezieht") befinden sich nach Schätzung des Experten derzeit in Wien in intensivmedizinischer Behandlung. Damit würde die Zahl der schwerst an Covid-19-Kranken noch einmal eine Hausnummer über den offiziellen Zahlen der AGES liegen. Diese weist aktuell 167 Intensivpatienten aus.

Der wahre "Flaschenhals"

Man sei bereits in der Situation, dass die Ärzte bei jedem neuen Patienten lange nachdenken und herumtelefonieren müssten, ehe ein geeignetes Behandlungsbett gefunden wird. 

"Ein Covid-Patient braucht eine Versorgung seiner Atemfunktion. Schwerkrank werden diese Patienten durch ein Lungenversagen. Im Extremfall muss die Lunge maschinell ersetzt werden", erklärt Staudinger. Der wahre "Flaschenhals" seien aber nicht die physischen Betten, sondern das verfügbare Personal. Bei jedem Mehr an Patienten müssten die Fachkräfte immer weiter aufgeteilt werden, was die Qualität der Behandlung beeinträchtige.

Jeder Dritte muss auf ICU

Die britische Corona-Mutation B.1.1.7., die in Ostösterreich um sich greift, ist weit aggressiver als der Wildtyp des Coronavirus. "Sie ist infektiöser. Sie macht aber auch schwerere Krankheitsverläufe. Die Wahrscheinlichkeit ist um 60 Prozent erhöht. Jeder dritte Patient der ins Krankenhaus muss, muss auf die Intensivstation", so der Intensivmediziner weiter.

Warum jetzt immer mehr Jüngere betroffen sind, sei noch unklar. Das könne entweder von der Mutante selbst ausgehen, oder ein Nebeneffekt der erhöhten Durchimpfung bei den Senioren sein, die so vor schweren Verläufen geschützt sind.

Operationen verschoben

An den Behandlungsmethoden selbst habe man wegen der Briten-Variante aber nichts umstellen müssen. "Es ist noch keine Wunderpille erfunden. Es braucht einfach lange, über Wochen seriöse Intensivmedizin, um die Patienten drüberzubringen. Dann haben die auch gute Chancen."

In einer Triage-Situation im allgemeinen Sinn, nämlich dass man zwischen zwei Patienten auswählen müsse, welcher von ihnen keine Behandlung bekommt, sei man noch nicht. Allerdings könne die normale medizinische Grundversorgung nicht mehr in vollem Umfang durchgeführt werden. Auch Krebs-Operationen müssten jetzt verschoben werden, weil das Risiko der Nachversorgung zu groß sei.

Düstere Prognose

In den kommenden Woche sollen in Wien laut Prognose der Ampel-Kommission noch einmal 100 Intensivpatienten in Wien dazukommen. Staudinger warnt: "100 Patienten mehr können wir womöglich noch unterbringen. Alles was darüber hinaus geht, das muss ich ehrlich sagen, weiß ich nicht, wie man das bewältigen soll."

"Die Lage ist schon ernst. So wie die Prognosen sind, kann es sehr sehr eng werden, oder darüber hinaus", schildert der Mediziner. Er mahnt auch die anderen Bundesländer zur Vorsicht: "Ich kann mir nicht vorstellen, dass das auf die Ostregion isoliert bleibt. Das wäre das erste Mal in dieser Pandemie".

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