Wiener Hausbewohner werden "Stromhändler"

Im "Viertel Zwei" in der Leopoldstadt wird derzeit eine der ersten Energiegemeinschaften Europas getestet. Der Strom wird gemeinschaftlich erzeugt und dann weiterverwertet.
Die Idee ist einfach: Mittels einer Photovoltaik-Anlage auf dem Dach eines Mehrparteien-Wohnhauses wird Strom erzeugt. Die so gewonnene Energie können und sollen die Bewohner selbst nützen oder an andere Bewohner oder die Stadt verkaufen können. Wie das in der Praxis funktioniert, testet Wien Energie gerade mit 100 Bewohnern eines Wohnhauses in "Viertel Zwei" in der Leopoldstadt.

Gespeichert werden soll der ökologisch erzeugte Strom ab Jahresende in einem neuen Quartierspeicher, auch E-Ladestellen sind geplant. Von dem Batteriespeicher können auch Nachbarn mit Energie versorgt oder nicht verbrauchte Kilowattstunden an das Stromnetz der Stadt verkauft werden. Noch ist das aber Zukunftsmusik, denn es fehlen die rechtlichen Grundlagen.

Sonnenstrom für ganzes Viertel

Seit dem Vorjahr testet Wien Energie mit den Bewohner im Viertel Zwei innovative Konzepte rund um Energie, Wohnen und Mobilität. Die Pilot-Kunden konnten etwa zwischen drei unterschiedlichen Stromtarifen wählen: einer Flatrate, einem Time-of-Use-Tarif und einem marktabhängigen Tarif.

CommentCreated with Sketch.2 zu den Kommentaren Arrow-RightCreated with Sketch. Wesentliches Ergebnis der ersten Phase war, dass sich die Bewohner flexiblere Tarife und Ökostrom wünschen. Daher wurde gemeinsam ein neuartiger Tarif entwickelt, der den Markt-Tarif ersetzt. Die Basis dafür ist Strom von der quartierseigenen Photovoltaik-Anlage. Pro einzelnem Kunden steht ein Anteil von jeweils einem Kilowatt-Peak (entspricht rund 1.000 Kilowattstunden pro Jahr). Damit sollen die Teilnehmer laut Wien Energie rund ein Drittel ihres jährlichen Stromverbrauchs über die hauseigene Photovoltaik-Anlage decken. Die nicht selbst verbrauchte Energie kann künftig über die Plattform gehandelt werden.

In den nächsten fünf Jahren investiert Wien Energie rund zwei Millionen Euro in das innovative Projekt, auch das Ministerium für Verkehr und Innovation unterstützt das Projekt.

Eine der 100 TeilnehmerInnen am innovativen Pilotprojekt ist Katharina Laggner. Sie ist selbstständig und lebt mit ihrem Mann seit eineinhalb Jahren im Viertel Zwei. Das Thema Energie oder Mobilität sei für sie vorher kein Thema gewesen, mit dem sie sich besonders auseinandergesetzt hätte. Doch nun ist sie zur begeisterte Pionierin geworden. "Beim ersten Willkommensworkshop gab es die Aufgabe, ein Modell unseres idealen Stadtviertels zu bauen. Allein diese Frage war so spannend, wie möchte ich was gestalten und das Gefühl, mit diesen Antworten wird etwas passieren, dass ich sofort gesagt habe: Da will ich mitmachen", erzählt sie.

Stadt nur nachhaltig, wenn Bewohner mitmachen

Durch das Projekt habe sie angefangen, ihren eigenen Energieverbrauch zu hinterfragen. "Wir brauchen dadurch jetzt weniger Energie als in der Vorwohnung, obwohl diese hier deutlich größer war. Einfach, weil wir mehr Bewusstsein dafür entwickelt haben. Und weil wir über die App unseren Verbrauch kontrollieren und verbessern", so Frau Laggler.

"Ich glaube, dass eine Stadt nur nachhaltig sein kann, wenn die Bewohner ihren Teil dazu beitragen. Weil wer ist die Stadt, wenn nicht wir?", so Laggler.

Nachbarn handeln Strom untereinander

Über eine eigene App am Smartphone können die Kunden den Strombezug bequem steuern. Während ein Nachbar etwa drei Wochen auf Urlaub ist, kann er in dieser Zeit seinen Sonnenstrom-Anteil der Familie nebenan verkaufen. So verfällt der wertvolle Öko-Strom nicht, die Energie wird effizient und lokal genutzt. Ein zusätzlicher Vorteil: Die Bewohner sparen Netzgebühren und verringern ihre eigenen Energie-Kosten.

Wien Energie setzt große Hoffnungen in das Projekt. "Wir sind überzeugt, dass in Zukunft viele solcher Energiegemeinschaften entstehen werden. Unser oberstes Ziel ist es, unsere Stadt langfristig so gut es geht CO2-frei zu machen", erklärt Wien Energie-Geschäftsführer Michael Strebl.

Transaktionen über Blockchain-Technologie

Die Basis für diese Transaktionen bildet die Blockchain-Technologie. Gemeinsam mit dem Startup "Riddle & Code" wurde die Infrastruktur entwickelt, die derzeit im Viertel ausgerollt wird. Photovoltaik-Anlage und Stromzähler, später in diesem Jahr auch E-Ladestellen und Speicher werden mit einem speziellen Chip ausgestattet und damit in die Blockchain integriert.

Erste simulierte Kundenabrechnungen an einer E-Ladestelle konnten im Labortest bereits erfolgreich durchgeführt werden. Derzeit wird die Benutzerfreundlichkeit der Plattform mit den Test-Kunden überprüft, ab Herbst startet der Energiehandel im Viertel.

Für den Austausch in Energiegemeinschaften soll die Blockchain-Technologie dabei entscheidende Vorteile aufweisen. Dazu zählen eine sichere, transparente Abrechnung, eine lückenlose Rückverfolgung und Identifikation. Mit Blockchain soll der bisher nur über Zertifikate nachvollziehbare Strom-Bezug ein "Mascherl" bekommen. Die Transparenz soll sich dadurch maßgeblich erhöhen und Energie und Energieeffizienz greifbarer machen.

Ausweitung auf Wärme und Kälte in Planung

Nach der Pilotphase im Strom-Bereich, soll parallel zum mehrjährigen Forschungsprojekt außerdem eine innovative Wärme- und Kälteversorgung mit unterschiedlichen Komponenten wie Solarthermie, Wärmepumpen, lokalem Fernwärmenetz und Kältezentrale in die Energiegemeinschaft integriert werden.

Wien Energie hofft auf Ausdehnung des "Clean Energy Package"

Seit dem Vorjahr können in Österreich Mehrparteienhäuser gemeinschaftliche Strom-Produktion betreiben. Bei den Energiegemeinschaften geht es noch ein Stückchen weiter: Hier wird Privatpersonen ermöglicht, selbst aktiv am Strommarkt teilzunehmen und sich zu Gemeinschaften zusammenzuschließen, die entweder lokal oder virtuell verbunden sind. Grundlage für diese Demokratisierung der Energieversorgung ist das "Clean Energy Package" der EU. Sie wurde im Vorjahr beschlossen, die nationalen Umsetzungen sind derzeit in Ausarbeitung und sollen bis spätestens Mitte 2021 wirksam werden.

Was mit dem Ökostromgesetz im Mehrfamilienhaus rechtlich möglich geworden sei, solle mit dem Clean Energy Package der EU noch ausgedehnt werden. "Hier sehe ich für Energieanbieter wie uns eine große Chance. Wir können lokale Kommunen und Stadtviertel mit unserer Expertise unterstützen, wenn sie sich bei der Energieproduktion und der Weiterverwertung zusammentun wollen", so Strebl. (lok)

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