Wiener MotoGP-Star: "Möchte Hirscher kennenlernen"

KTM-Star Miguel Oliveira mit der Spielberg-Trophäe.
KTM-Star Miguel Oliveira mit der Spielberg-Trophäe.picturedesk.com
KTM-Kultstar Miguel Oliveira im "Heute"-Talk. Er triumphierte in Spielberg. Er wird Zahnarzt. Er heiratet seinen Stiefschwester.

Ein Wiener erobert die Motorrad-Welt! Miguel Oliveira raste für KTM 2020 zu seinen ersten beiden MotoGP-Siegen. Dafür wählte er zwei ganz besondere Orte. Erst ließ er den österreichischen Rennstall auf dramatische Weise über den Heimsieg in Spielberg jubeln, dann triumphierte er zum Saisonabschluss in seiner Heimat Portugal.

Der 26-Jährige, der eine Wohnung in Wien hat, fällt auch außerhalb der Strecke auf. Er macht eine Zahnarzt-Ausbildung und heiratet seine Stiefschwester – ihre Liebe hielten sie elf Jahre lang geheim. "Heute" hat mit dem Shootingstar über sein herausragendes Sportjahr und seine besondere Beziehung zu Österreich gesprochen.

"Heute": Sie haben die Saison perfekt beendet. Lassen Sie uns mit den Emotionen nach dem Sieg in Portugal loslegen.

Miguel Oliveira: "Es war ein sehr spezielles Gefühl. Zuallererst, als ich erfahren habe, dass die MotoGP hierherkommt, war ich super happy. Damals gab es noch die Chance, dass das Rennen mit Zuschauern geben könnte. Jeder hatte sich so darauf gefreut, die MotoGP live sehen zu können. Ich war dann etwas traurig, als klar war, dass keine Fans kommen dürfen."

"Trotzdem war es so ein gutes Gefühl, mit KTM in Portugal ein Rennen zu fahren. Es war unglaublich. Ich glaube, das hat mir ein bisschen Zusatzmotivation gegeben. Es war der Wahnsinn von Freitag weg. Am Samstag die Pole, der Sieg am Sonntag. Es war das perfekte Wochenende. Mehr kannst du dir von einem Heimrennen nicht erwarten."

Kannten Sie die Strecke besser als die anderen Fahrer oder wie erklären Sie sich die Dominanz?

"Ich glaube, die Strecke zu kennen, hat mir geholfen. Aber ich denke nicht, dass es der Hauptfaktor für den Sieg war. Portugal hat ein schwieriges Streckenlayout. Aber jeder hatte die Chance, es zu lernen. Wir waren alle im Oktober dort, da war ich noch nicht der Schnellste. So gerne ich sagen würde, dass ich einen Vorteil hatte, es wäre nicht wahr."

Es war Ihr zweiter Sieg. Den ersten feierten Sie in Spielberg – dem Heimrennen von KTM. Sie suchen sich die richtigen Orte für Ihre Siege aus. Wie vergleichen Sie die beiden Siege rückblickend?

"Der erste Sieg war wirklich unerwartet. Es war ein komisches Rennen mit der roten Flagge. Es hat uns überrascht. Ich hatte die Chance, die Reifen zu wechseln. Es hat mir geholfen, ein besseres Gefühl für das Rennen zu entwickeln. Dann war es ein Überholmanöver in der letzten Kurve. Das Adrenalin und was ich beim Sieg gefühlt habe, es ist unbeschreiblich. Es war etwas Besonderes."

"Der zweite Sieg war ein bisschen technischer. Wir waren konstant, ich habe keine Fehler gemacht. Technisch gesehen war der zweite Sieg ein richtiger. Der erste war ein Kampf, unerwartet, kam aus dem Nichts, hatte dieses spezielle Feeling von diesem Kampf in der letzten Runde."

"Ich kann keinen der beiden als den besseren Sieg beschreiben. Ich hatte richtiges Glück zwei sehr spezielle Grand Prix’ zu gewinnen. Beim ersten habe ich ein Auto gewonnen, habe ein Heimrennen gewonnen für Red Bull – alles war perfekt."

Als Sie in Spielberg als Dritter in diese letzte Kurve einbogen, was ging Ihnen durch den Kopf?

"In diesem Moment hast du nicht viel im Kopf. Du reagierst nur auf das, was vor dir passiert. Ich hatte keinen großen Plan. Ich bin auf Sicherheit gefahren und habe gewusst, die beiden fighten ein bisschen, ich könnte die Chance haben, sie in der letzten Kurve zu überholen. Ich habe nur reagiert. Wenn ich jetzt auf das Rennen zurückblicke, ist alles perfekt gelaufen. Aber im Moment des Kampfes können so viele Dinge passieren. Du weißt nie, ist das die gute oder die schlechte Wahl. Ich war einfach ruhig und aufmerksam, das hat mir zum Sieg verholfen."

Österreich hat nun sicher einen großen Platz in Ihrem Herzen …

"Ja, aber es ist nicht nur der Sieg. Meine ganze Geschichte und Karriere bei KTM. Es ist etwas, das über eine lange Zeit aufgebaut wurde. Schon als ich 13 war, meine beiden Siege im Rookies Cup auf der KTM – es hat mir viele Türen geöffnet. Es waren Red Bull und KTM, die mir diese Möglichkeit gegeben haben. Seit ich in der Moto3 war, dann Moto2, jetzt MotoGP, alles war mit KTM. Die besten Momente meiner Karriere waren alle mit KTM."

"Österreich, das ganze Land, hat einen besonderen Platz in meinem Herzen. Ich fühle mich sehr geehrt, das über eine Nation sagen zu können. Eine Marke zu repräsentieren, alles was dahinter steht und zu fühlen, dass sie Österreich mit der Marke und dem Rennfahren repräsentiert – ich kann das auch fühlen. Ich denke, KTM ist eine der besten Firmen die es in der Meisterschaft gibt."

Verbinden Sie nach dieser langen Zeit andere Erinnerungen mit Österreich?

"Sicher das kalte Wetter (lacht). Ich weiß, Österreicher können das schon nicht mehr hören, aber ich muss über Schnitzel reden. Allgemein die österreichische Küche. Ehrlich gesagt mag ich einfach alles an Österreich. Ich möchte nicht prätentiös klingen, aber Österreich ist wirklich einer der schönsten Orte, die ich in meinem Leben gesehen habe. Die Natur, die Berge, die Seen, es ist eine sehr einmalige Landschaft. Ich bin immer glücklich, wenn ich hierher komme."

Sie arbeiten bereits lange im Red-Bull-Imperium. Haben Sie dabei andere berühmte Sportler wie Marcel Hirscher kennengelernt?

"Ich konnte viele großartige Sportler kennenlernen. Speziell andere Fahrer. Marcel Hirscher habe ich noch nie getroffen, aber ich würde ihn sehr gerne kennenlernen. Eine Ski-Legende, das interessiert mich sehr. Ich glaube, wir können sagen, er ist der Valentino Rossi des Skifahrens. Die Allzeit-Legende. Ich weiß auch, dass er ein großer Motorrad-Fan ist. Es ist ein Treffen auf das ich mich sehr freuen würde."

Haben Sie Red-Bull-Boss Dietrich Mateschitz persönlich kennengelernt?

"Ich habe ihn glaube ich zwei Mal getroffen. Beide Male am Red-Bull-Ring. Es war während der Rennen, darum nur ein kurzes Hallo."

Wir haben über Marcel Hirscher gesprochen. Er hat hier Legendenstatus. Wie sieht es mit Ihnen nach Ihrem Heimsieg in Portugal aus?

"Die Maske hilft sehr (lacht). Es hat sich verändert. Es verändert sich immer noch. Viele Menschen reden über mich, ich kann sie von weiter weg hören: ‘Ist er es wirklich?’"

"Ich fahre mit einem Helm, die Leute können mich nicht sehen. Das hilft, dass ich ein halbwegs normales Leben führen kann. Aber ich kann nicht in ein Shopping Center oder einen Supermarkt gehen, ohne erkannt zu werden. Es sind kleine Änderungen im Leben."

"Das KTM-Team hat meine Popularität hier in Portugal mitbekommen, als sie zum Grand Prix herkamen. Jeder hat nach mir gefragt. Aber das mag ich sehr. MotoGP ist eine gute Plattform für dein Image. Erkannt zu werden ist etwas Nettes. Es bedeutet, sie folgen dir wirklich. Wie schon gesagt, ich fahre mit einem Helm. Wenn dich trotzdem jemand erkennt, heißt das, sie folgen dir."

Sie setzen Ihre Berühmtheit dafür ein, jungen Fahrern unter die Arme zu greifen, sodass es künftig vielleicht mehr portugiesische Fahrer gibt …

"Die Berühmtheit weniger. Dass du erkannt wirst, öffnet aber bei Gesprächen mit Sponsoren Türen. Wenn du eine Firma nach Geld für ein Motorrad-Projekt fragst – früher haben sie es nicht ernst genommen, jetzt schon. Ich habe diese Bekanntheit, sie kennen den Sport und MotoGP. Das hat es leichter gemacht, den Kids zu helfen. Vor drei oder vier Jahren haben wir ein Projekt ins Leben gerufen. Es geht immer noch das gesamte Geld, das ich mit meinem Merchandise einnehme, direkt ins Team, um die Kosten der Reisen und Bikes zu decken. Wir können den Kids so die Chance geben, als Fahrer zu wachsen."

Gibt es da wegen Ihnen in Portugal einen Boom bei jungen Fahrern?

"Ich wünschte, es wäre so einfach. Es gibt eine finanzielle Barriere in unserem Sport. Der Start ist nicht leicht. Das ist die Idee unseres Projekts, die Kosten zu reduzieren. Den Kids die Möglichkeit geben. Der Hype hilft, die Kids neugierig zu machen und die Mentalität zu ändern, dass Motorsport etwas Gefährliches ist. Wir wollen zeigen, dass Motorsport auch nur ein Sport ist. Ein großartiger Sport."

Wie (un)gefährlich ist es wirklich?

"Wenn man das lange macht, wie ich seit ich zehn Jahre alt war, crasht man viele Male. Aber ich habe mir sehr selten wehgetan. Wenn du darüber nachdenkst: Die Sicherheit ist inzwischen so groß, dass wir den Angstfaktor nicht mehr haben. Wir wissen, wir sind geschützt, sind Profis. Das Risiko ist da, aber du darfst nicht darüber nachdenken. Die Technologie ist sehr ausgereift. Die Anzüge, Helme, die Streckensicherheit nimmt jedes Jahr zu."

Dieses Jahr gab es mit dem Coronavirus eine zusätzliche Gefahr. Wie sind Sie damit umgegangen?

"Das Härteste war, meine Familie lange nicht sehen zu können. Während der Saison musste ich jede Woche PCR-Tests machen und konnte niemanden sehen. Ich wollte kein Risiko eingehen. Meine Familie war da sehr verständnisvoll."

"Meine Eltern und meine Freundin waren die einzigen, mit denen ich zwischen den Rennen Kontakt hatte. Und sie mussten sich auch ständig testen lassen. Man kann sich vorstellen, es war eine sehr anstrengende Logistik. Es brauchte seine Zeit, sich daran zu gewöhnen."

"Am meisten hat sich für uns aber durch die Abwesenheit der Fans verändert. Es hat das ganze Umfeld sehr verändert – im Paddock zu sein ohne Menschen um dich herum hat sich komisch angefühlt. Aber ich hatte großes Glück, dass ich meinen Job immer noch machen konnte. In dieser Krise haben viele ihre Jobs verloren."

Sie kennen sich in der Medizin aus, machen eine Ausbildung zum Zahnarzt. Wie geht es damit voran?

"Es ist schwierig. Ich komme jetzt in eine Phase mit hohem Praxisanteil und müsste jeden Tag auf der Uni sein. Dafür brauchst du Zeit. Aber es ist mit Sicherheit etwas, was ich in der Zukunft machen will. Ich weiß nicht, ob ich daraus eine Karriere machen kann. Aber den Kurs möchte ich abschließen."

Wie kam es zum Interesse an der Ausbildung?

"Meine Freundin ist schon seit drei Jahren Zahnärztin, meine Eltern haben eine Klinik und wir haben einen Freund, der auch Zahnarzt und ein großer Motorrad-Fan ist. Als ich mich nach der Schule gefragt habe, für was ich mich entscheiden soll, wollte er mich dazu bewegen, Zahnarzt zu werden. Ich habe mich dafür entschieden, weil ich mir dachte, es macht Spaß. Und es ist etwas, das ich ausüben möchte, wenn meine Karriere zu Ende ist."

Zunächst wechseln Sie aber zum Werksteam. Was sind Ihre Ziele für 2021?

"Besser zu sein als letztes Jahr. Es sieht so aus, als ginge es mit einem normalen Kalender weiter. Das wird den Verlauf der Saison etwas verändern. Letztes Jahr mussten wir zwei oder drei Wettkämpfe in Folge austragen, was nicht leicht war. Ich hoffe, ich kann mehr Siege einfahren diese Saison und mehr Podestplätze. Ich habe eine weitere Aufgabe vor mir: Ich muss mich auf eine komplett neue Crew einstellen. Ich muss die Beziehung zu ihnen aufbauen. Ich bin ein umgänglicher Typ, ich glaube, es wird relativ schnell gelingen. Aber gleichzeitig müssen wir schnell lernen, auf jedem Kurs das Maximum aus unserem Bike herauszuholen. Letzte Saison haben wir gesehen: Wenn wir das schaffen, haben wir sehr gute Chancen, um etwas Großes mitzukämpfen."

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