"Ich war immer alleine", erzählt Christian. "Ein elternloses Kind." Den leiblichen Eltern wurde der Kontakt zu ihrem Sohn per Gerichtsbeschluss untersagt. Über die Details spricht der Wiener nicht. Für ihn folgte eine Odyssee: "Ich war zunächst in der Kinderübernahmestelle. Dann lebte ich bei einer Pflegefamilie, gemeinsam mit 27 anderen Kindern, bevor ich ins Heim kam. Es war eine schreckliche Zeit", erinnert er sich.
Mit 16 Jahren zog Christian den Schlussstrich: Er zog aus und ging auf sich selbst gestellt nach Oberösterreich. "Ich hatte unterschiedliche Jobs, um mein Leben selbst zu finanzieren. Ich arbeitete in der Gastronomie und später als Tierpfleger." Auch wenn es finanziell schwierig war – es war die erste Zeit, in der er aufblühte. "Ich hatte ja niemanden, keine Familie, kaum Freunde. Doch in der Tierpflege kam ich auch mit anderen Menschen in Kontakt, man konnte sich austauschen."
Doch seine Vergangenheit holte den 58-Jährigen ein: "Ich litt an psychischen Problemen und ging in Therapie. Es waren die Nachwirkungen vom Leben im Heim. Schließlich rutschte ich in die Obdachlosigkeit ab." Jahrzehntelang war Christian in der Obdachlosenszene unterschiedlicher Länder unterwegs, lebte unter anderem in Spanien. 2021 kam er zurück nach Österreich, wo er einen Neustart wagte.
"Ich bekam hier Unterstützung von der Caritas und konnte ins Vinzenzhaus (Anm.: Obdachloseneinrichtung) ziehen." Die Jobsuche gestaltete sich mit altem Handy und ohne Internetzugang jedoch schwierig – bis der Wiener auf ein Angebot des Samariterbundes stieß: Das Café Zwischenschritt in der Dittmanngasse 1A (Simmering) bietet Menschen ohne Obdach Zugang zu digitalen Medien. Computer können kostenlos genutzt werden, Unterstützung gibt es von Sozialarbeitern und Ehrenamtlichen, die meist selbst Erfahrung in diesem Bereich haben.
In diesem Jahr feiert das Café Zwischenschritt zehnjähriges Jubiläum, gegründet wurde es im Mai 2013. 60.000 Besucher und 10.000 Beratungen zählt man bisher. Die Nachfrage ist groß, weiß Leiterin Gertrud Unterasinger: "Im digitalen Bereich hat sich viel getan. Die Menschen brauchen Internetzugang, sei es für Zahlvorgänge, Verträge, bei der Arbeitssuche oder für den Kauf von Bahntickets." Auch der soziale Aspekt spiele eine große Rolle: "Manche kommen einfach nur, um sich auf Social Media mit anderen auszutauschen oder Videos auf Youtube anzusehen." Armut bedeute oft soziale Exklusion – keinen Zugang zur digitalen Welt zu haben, unterstütze dies.
Konsumzwang gibt es im Internetcafé, das vom Fonds Soziales Wien gefördert wird, keinen – ein Café mit günstigen Preisen steht den Besuchern jedoch zur Verfügung. Zudem werden Workshops und Schulungen angeboten, auch Lesungen oder Ausstellungen finden immer wieder statt. Einmal monatlich gehört der Raum ganz den Frauen.
Für Christian war das Café ein Geschenk. Er knüpfte Kontakte und ließ sich nach kurzer Zeit zum "Peer" ausbilden. Nach der sieben Monate dauernde Ausbildung mit Zertifikats-Abschluss wurde er bei Zwischenschritt angestellt und ist nun vollwertiger Mitarbeiter. In seiner Funktion unterstützt er andere Kunden, die in ähnlichen Situationen waren: "Menschen helfen, das kann ich", strahlt er und appelliert an andere, denen es ähnlich ging: "Gebt nie auf!" Mehr Infos auf www.samariterbund.net oder telefonisch unter 01 904 70 04