Wieso wurde ich eigentlich noch nicht abgeschoben?

Ich durfte bleiben. Aber wieso?
Ich durfte bleiben. Aber wieso?picturedesk
Am Donnerstag wurden drei Mädchen aus Österreich ausgewiesen. Das Land steht nun Kopf. Ich ehrlich gesagt auch.

Es ist ein heikles Thema. Das ist mir sehr bewusst. Immerhin spricht aktuell das ganze Land darüber. Tina, Lea und Sona saßen noch vor einigen Tagen in ihren Zimmern in Wien und Niederösterreich. Nun sind sie in Ländern, die sie zum großen Teil nur aus Erzählungen kennen. 

Es stimmt, ich bin kein Jurist und auch kein Politiker. Ich kenne die Fälle nicht im Detail und weiß auch nicht, welche Beweggründe zur Abschiebung geführt haben. Vielleicht gehörten sie einer terroristischen Organisation an und wurden schon seit Monaten, oder sogar Jahren beobachtet. Vielleicht versuchten sie auch in der Slowakei Waffen und Munition zu besorgen. Ich weiß es einfach nicht.

Ich kann aber sagen, dass mich der Vorfall dennoch persönlich trifft. Immerhin bin ich auch ein Ausländer. Meine Situation ist im Vergleich zu jenen von Tina, Lea und Sona vielleicht sogar noch zugespitzter. Ich habe nämlich nicht nur keine österreichische Staatsbürgerschaft, sondern wurde nicht mal in Österreich geboren. Da frage ich mich: Wieso wurde ich nicht abgeschoben?

Am Balkan wäre mein Leben anders verlaufen

Ich kam erst im Alter von sechs Jahren nach Wien. Nach dem Balkankrieg holte mich meine Mama hierher. Und zwar aus einem einfachen Grund: Dort unten hätte uns keine rosige Zukunft erwartet. Vor allem mich wohl nicht. Und das wird mir vor allem jetzt bewusst. 

Ich habe mich gefragt, was denn gewesen wäre, wenn man mich plötzlich mit 12 abgeschoben hätte? Ich war damals gerade in der zweiten Klasse im Gymnasium. Ich hatte schon richtige Freundschaften geknüpft, mich hier und da schon ein wenig in ein paar Mädels verschaut, es aber natürlich nicht zugegeben. Natürlich habe ich noch nicht gewusst, was ich mit meiner Zukunft anstellen möchte. Aber ich ging einfach davon aus, dass ich meine Jahre im Erwachsenenalter in Österreich verbringen werde.

Und dann plötzlich wäre die Polizei mitten in der Nacht gekommen. Sie hätte mich aus dem Bett geholt, rein in den Kastenwagen gesteckt und ab in den Balkan. In ein Land, in dem ich einmal im Jahr Urlaub machte. In ein Land, in dem ich kaum Verwandte und definitiv keine Freunde hatte. In ein Land, in dem meine Zukunft garantiert um einiges schlechter verlaufen wäre, als in Österreich.

Mir fehlt irgendwie das Verständnis

Ich muss gestehen, ich habe eigentlich keine Ahnung, weshalb ich bleiben durfte. Ich sehe keinen großen Unterschied zwischen Tina, Lea, Sona und mir. Sie scheinen sogar im Vergleich zu mir gute Schülerinnen zu sein. Ich war eher ein kleines Problemkind. Mit ansteigendem Alter besuchte ich immer seltener den Unterricht. Ich blieb sogar einmal sitzen. Ich durfte aber trotzdem hier bleiben.

Ich schaffte irgendwie meine Matura, konnte studieren, bekam einen Job. Ich fand eine Freundin, eine Wohnung. Ich hatte hier sogar die Möglichkeit meine Hobbies auszuleben. Man muss ja kein Geheimnis daraus machen – jeder kann meinen Namen googlen – ich mache Musik, bin halbwegs erfolgreicher Songwriter. Und zwar in einer Sprache, die ich erst erlernen musste.

Über diesen Blog

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Ist das nicht großartig? Ich bin dem Land auf ewig dankbar für die ganzen Möglichkeiten, die ich bekommen habe. Ich finde es aber mehr als traurig, dass Tina, Lea und Sona nicht die Möglichkeiten bekommen werden. Sie sind jetzt in einem Land, in dem ihre Zukunftschancen schlechter stehen als in Österreich. Da brauchen wir uns alle nichts vormachen.

Wer weiß, vielleicht wäre Tina eine großartige Wissenschaftlerin geworden, die in Zukunft wichtige Medikamente erforscht hätte. Womöglich steckt in Lea eine wahnsinnig talentierte Sportlerin, die eventuell für Österreich olympisches Gold geholt hätte. Und es ist ja denkbar, dass Sona eine Schauspielerin geworden wäre, die tausende Fans bejubelt hätten. 

Wir werden es leider nie erfahren. Und ich habe einfach kein Verständnis dafür.

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