Fussball

"Wir haben Angst"– Ukrainische Liga startet trotz Krieg

In der ukrainischen Profi-Liga wird ab Dienstag wieder Fußball gespielt. Doch die Umstände könnten schwieriger kaum sein.
20 Minuten
23.08.2022, 15:17
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In der Ukraine startet die Fußball-Saison wieder. Die vergangene Saison war Ende April, über zwei Monate nach Beginn von Russlands Invasion, abgebrochen worden. Nun laufen die Teams wieder auf – mitten im Krieg und inmitten täglichen russischen Raketenbeschusses. Die Liga-Bosse setzten den Meisterschaftsstart auf den Nationalfeiertag der Unabhängigkeit von der ehemaligen UdSSR. Doch wie kann ein normaler Liga-Betrieb funktionieren, wenn jeden Tag im eigenen Land Menschen im Krieg sterben?

"Ich weiß nicht, wie gut es ist, wenn wir starten. Aber es ist notwendig", sagt Andrey Nedelin, Geschäftsführer von Metalist Charkiw. Gegenüber "20 Minuten" wird er emotional und meint: "So zeigen wir, dass wir trotz des dreisten russischen Angriffs weiterleben – dass das ukrainische Volk weiterlebt!" Nedelin glaubt, dass der Fußball den Menschen helfe, abzuschalten und er sie weg von den Raketen und dem Tod bringe.

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Der gleichen Meinung ist auch Sergei Palkin, CEO von Schachtar Donezk. Zu "20 Minuten" sagt er: "Ein Krieg ist kompliziert. Es geht nicht nur um die militärische Führung, sondern auch um Diplomatie, Information und Wirtschaft." Durch den Fußball vermittle man positive Emotionen und verbreite Informationen über den Krieg in die Welt.

Bei einem Bombenalarm wird Partie unterbrochen

Doch was, wenn ein Stürmer aufs Tor zu rennt und es dann einen Raketenalarm gibt? Angriff zu Ende spielen oder in Deckung gehen? Fakt ist: Die Regeln sind streng. Wenn Sirenen ertönen, pfeift der Schiri ab und alle Personen verschanzen sich. Geht der Alarm länger als zwei Stunden, wird die Partie abgebrochen und nicht gewertet. Partien werden nur in der Hauptstadt Kiew und im äußersten Westen des Landes ausgetragen. Fans sind ausgeschlossen, Einlass in die Stadien findet nur ein enger Kreis an Betreuern und Vereinsfunktionären. Gespielt wird nur dort, wo es einen bombensicheren Bunker gibt.

Nedelin sagt: "Unser Feind ist rücksichtslos, hat keine Prinzipien und hält sich an keine Regeln. Tausende Male hat die russische Armee zivile Objekte getroffen." Wahrscheinlich sei alles ein mögliches Ziel, doch es gebe klare Regeln, die die Sicherheit gewährleisten würden. Der Geschäftsführer sagt: "Wir Ukrainer sind schon ein wenig an das Leben im Krieg gewöhnt. Sicherlich haben wir Angst, doch sie ist nicht so groß, dass wir nicht Fußball spielen."

Ähnlicher Meinung ist Pelkin. Er meint: "Niemand weiß, wie groß die Gefahr ist. Aber sie ist nicht grösser als für jedes andere zivile Objekt im Land: für Krankenhäuser, Universitäten oder Einkaufszentren."

„"Ziel ist es, den Krieg gegen Russland zu gewinnen"“

Metalist 1925 trainiert in der Nähe von Kiew. In Charkiw ist es unmöglich. Eine Rakete traf das Trainingsgelände, es ist zerstört. Die Stadt wurde letzte Woche von massiven Angriffen erschüttert, zwei Wohnheime und das Kulturhaus der Eisenbahn wurden dabei zerstört. Fast 30 Menschen starben, mehrere Dutzend verletzten sich. "Bei uns im Verein sind alle gesund, aber alle sind sehr besorgt", so Nedelin. "Wir denken täglich an die Menschen, die uns verteidigen."

Schachtar Donezk spielt wegen kriegsähnlichen Zuständen in der ostukrainischen Region Donbass schon lange nicht mehr daheim. Eine Partie mitten im Krieg ist dennoch noch mal was anderes. Pelkin will aber nicht, dass die Stars anders behandelt werden. "Die Spieler unterscheiden sich nicht von anderen Menschen, also müssen sie mit dem Krieg genauso umgehen wie alle anderen Menschen auch", so Pelkin.

Über sportliche Ziele wollen weder Metalist noch Schachtar groß sprechen. Nedelin sagt: "Unser Hauptziel ist es, die Besatzer aus unserem Land zu vertreiben. Früher feuerten die Fans uns von der Tribüne aus an, nun sind sie Soldaten und wir unterstützen sie, in dem wir spielen." Der Donezk-Geschäftsführer meint: "Unser Ziel ist es, den Krieg gegen Russland zu gewinnen. Alles andere ist weniger wichtig."

Den FK Mariupol gibt es nicht mehr

Wer nicht beim Start der Premier League teilnimmt, ist derweil der FK Mariupol. Dessen Stadion liegt in Schutt und Asche, die Stadt wurde von den Russen eingenommen. Den Verein gibt es nicht mehr. Im Frühling meinte Vizepräsident Andriy Sanin noch zu 20 Minuten: "Ich glaube, dass Mariupol, sowohl die Stadt als auch der Fußballverein, eine Zukunft haben."

Bisher hat sich das nicht bewahrheitet und Sanin ist nicht mehr erreichbar. Derzeit eine Zukunft haben jedoch die anderen Fußball-Klubs in der Ukraine. Nebst Metalist und Schachtar ist das auch etwa Top-Club Dynamo Kiew. Sie machen alles für einen Fußball inmitten des Kriegs, der den Menschen Hoffnung geben soll.