Das waren die Filmfestspiele...

21. Mai 2018 17:24; Akt: 21.05.2018 17:44 Print

Cannes 2018: Starke Filme, wenig Stars

von Gunther Baumann - Die Cannes-Bilanz: Ein anspruchsvolles Festival für Cineasten mit geringem Glamour-Effekt.

Abschied von Cannes: Hirokazu Koreeda fährt mit der Goldenen Palme nachhause.  (Bild: Photo Press Service)

Abschied von Cannes: Hirokazu Koreeda fährt mit der Goldenen Palme nachhause. (Bild: Photo Press Service)

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Viele starke Filme, doch nur wenig Hochbetrieb auf dem Roten Teppich: Die Bilanz der 71. Filmfestspiele von Cannes (8. bis 19. Mai) fällt zwiespältig aus. Während Cineasten Freude an einem hochkarätigen Wettbewerb um die Goldene Palme hatten, mussten Fotografen und Fans bei den Premieren häufig nachblättern, wer da an ihnen vorbei defilierte.

Denn nur beim Eröffnungsfilm "Everybody Knows" (mit Penélope Cruz und Javier Bardem) und bei der "Star Wars"-Gala am 15. Mai herrschte rund um das Festival-Palais jene aufgeregte Glanz & Glamour-Atmosphäre, die für Cannes sonst so typisch ist. Und während die Fans immerhin regelmäßig einen Blick auf prominente Juroren wie Cate Blanchett oder Kristen Stewart werfen konnte, schien das Festival andere Stars fast zu verstecken.

John Travolta etwa verbeugte sich bei einer Festvorstellung zum 40-Jahre-Jubiläums seines Musical-Hits "Grease" vor dem Publikum des allabendlichen Open-Air-Kinos am Strand. Sein neues Werk, der Gangsterfilm "Gotti", hatte allerdings in einem kleinen Saal Premiere, und Travolta stieg nicht die berühmten Stufen zum Festival-Palais empor, sondern kam durch einen Nebeneingang.

Nur ein Promi auf dem Stockerl

Der Wettbewerb um die Goldene Palme hatte mit dem Japaner Kore-Eda Hirokazu einen verdienten Sieger - allerdings keinen, dessen Name die Massen elektrisiert. Hirokazus Familien-Krimi "Shoplifters" ist ein solides und eindrucksvolles Sozialdrama, hat aber außerhalb Japans und des Filmkunst-Zirkels kaum Chancen, ein breites Publikum zu erreichen.

Anders verhält es sich mit dem neuen Film von US-Regisseur Spike Lee, der den Großen Preis des Festivals und damit so etwas wie die Silbermedaille einheimste. Seine schrille Groteske mit dem Titel "BlacKkKlansman" ist eine beißende und streckenweise sehr witzige Attacke gegen den weißen Rassismus in den USA. Die wahre Geschichte eines dunkelhäutigen Cops, der zum lokalen Boss des Ku Klux Klan wird, besitzt beachtliches Zuschauer-Potenzial. In den USA könnte der Film, in dem Denzel Washingtons Sohn John David Washington eine Talentprobe ablegt, zum Hit werden - und bei uns in den Arthaus-Kinos auch.

Der Preis der Jury, quasi die Bronzemedaille, ging an einen Film, dem viele Beobachter (darunter der Autor dieses Beitrags) die Goldene Palme gewünscht hätten. Die libanesische Regisseurin Nadine Labaki schuf mit "Capharnaüm" ein radikales und zugleich liebevolles Drama über Straßenkinder aus Beirut, das viele Besucher wie vom Donner gerührt zurückließ.

"Capharnaüm" erzählt die Geschichte eines Zwölfjährigen, der sich allein mit einem einjährigen Baby in den Slums durchschlagen muss, weil die Mutter des Kleinen plötzlich verschwunden ist. Aus dieser Situation entsteht, bei allem Elend, ein absolut mitreißender und fulminant gespielter Film, den viele Beobachter bereits als heißen Oscar-Kandidaten fürs kommende Jahr im Blickfeld haben.

Umdenken erforderlich?

Stichwort Oscar: Im Vergleich zum Filmfest Venedig, das einen September-Termin hat und in den letzten Jahren stets mit spektakulären Oscar-Favoriten aufwarten konnte, fiel das Programm von Cannes dieses Jahr eher unscheinbar aus. Denn im Mai ist es für die US-Studios noch zu früh, das Oscar-Repertoire der Saison herauszurücken. Obendrein gibt es (von "Solo: A Star Wars Story" abgesehen) heuer wenig aktuelle Blockbuster, die dringend nach dem PR-Effekt einer Cannes-Weltpremiere schreien.

In Cannes wird man sich überlegen müssen, ob man künftig damit zufrieden ist, wie dieses Jahr ein anspruchsvolles Cineasten-Programm zu präsentieren, oder ob man doch wieder zu den All-Star-Events zurückkehren will. Sollte Letzteres der Fall sein, ist es dringend notwendig, dass man an der Cote d’Azur ein neues Verhältnis zu Studios wie Netflix findet, die immer mehr große Namen für ihre Produktionen abziehen.

Cannes versteht sich selbst als Kino-Festival und beharrt darauf, dass alle seine Filme auch regulär auf der großen Leinwand zu sehen sein müssen (zumindest in Frankreich). Doch diese Einschränkung war dem Streaming-Denst dieses Mal zu viel: Netflix zog seine potenziellen Cannes-Starter kurzerhand zurück.

Gunther Baumann (Film Clicks), Cannes



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