"Minderwertig", aber voller Preis

08. April 2019 12:10; Akt: 08.04.2019 13:18 Print

So wird aus Ukraine-Hendl ein EU-Produkt

Ein ukrainischer Großkonzern umgeht mit einem Trick die Einfuhrbestimmungen der EU – und wird dafür belohnt. Die heimische Geflügelwirtschaft könnte daran zerbrechen.

Ein Kunde stöbert durch verpacktes Hühnerfleisch in einem Supermarkt. Symbolfoto (Bild: Picturedesk//EPA/Guido Roeoesli)

Ein Kunde stöbert durch verpacktes Hühnerfleisch in einem Supermarkt. Symbolfoto (Bild: Picturedesk//EPA/Guido Roeoesli)

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Glückliche Hühner, am besten aus regionaler Bio-Landwirtschaft – das wünschen sich viele Hendl-Liebhaber am Teller. Doch das Geflügel, das vermeintlich von Bauern "aus der Europäischen Union" großgezogen wurde, stammt immer häufiger von ukrainischen Großbetrieben. Diese müssen sich nicht an unsere strengen Tierschutzrichtlinien halten, umgehen Einfuhrbestimmungen mit einem simplen Trick und bekommen dafür noch großzügige Kredite aus EU-Mitteln.

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Treibende Kraft ist der Konzern Mironivsky Hliboproduct (MHP). Alleine 2015 wurden nach eigenen Angaben 566.600 Tonnen Geflügelfleisch produziert – Tendenz stark steigend. Im ukrainischen Handel stammt fast jedes zweite Hendl von MHP. Zum Vergleich: Alle österreichischen Betriebe zusammen schafften laut Agrarmarkt Austria (AMA) auch zwei Jahre später nicht einmal ein Fünftel (108.400 Tonnen, 2017) dieser Menge.

"Minderwertige Ware" zum vollen Preis

Die Exporte in die EU nehmen ebenfalls rasant zu. Das im Rahmen des Freihandelsabkommens geltende Einfuhrlimit von 20.000 Tonnen für Hühnerbrüste, dem teuersten Stück des Hendls, umgeht der Konzern mit einem simplen Trick. Anstatt sie komplett auszulösen, wird ein Knochen am Brustfleisch belassen, wodurch dieses als "minderwertige Ware" zählt – und darauf gibt es weder Zoll noch Einfuhrbeschränkungen.

Wie aus einem Bericht des "Kurier" hervorgeht, besitzt MHP aber mittlerweile auch innerhalb des EU-Binnenmarkts Betriebe – etwa in der Slowakei und den Niederlanden – die genau jenen letzten Knochen entfernen. Dadurch gelten die Hühnerbrüste dann plötzlich als EU-Produkt, das zollfrei und zum vollen Preis weiterverkauft werden kann.

Konzern eng mit Politik verbandelt

Kein Wunder also, dass der Import von Hühnerbrüsten aus der Ukraine von 3.700 Tonnen im Jahr 2016 auf 50.000 Tonnen im Jahr 2018 explosionsartig anwachsen konnte. Zahlen, die laut dem polnischen EU-Abgeordneten Jaroslaw Walesa dem Landwirtschaftsausschuss vorgelegt wurden. Walesa fordert das ukrainische Parlament auf, eine Lösung des Problems zu erarbeiten.

Ein düsteres Bild zeichnet der Grünen-Europaparlamentarier Thomas Waitz: im Falle von MHP sei die ukrainische Politik machtlos, da der Konzern mit seinem Firmensitz mittlerweile in der Steueroase Zypern registriert ist. Zudem gehört der Geflügel-Gigant dem Milliardär Yuriy Kosjuk, der nicht nur ein gutes persönliches Verhältnis zu Präsident Petro Poroschenko unterhält, sondern auch schon als dessen offizieller Berater in Regierungsfragen tätig war.

EU will "legalisieren, was illegal ist"

Und was tut die EU gegen diese massive Ausnutzung eines Schlupflochs im erst 2016 ausgehandelten Abkommen? "Die Europäische Gemeinschaft schlägt vor, eine Situation zu legalisieren, die illegal ist", klagt Beobachter Waitz. Denn: anstatt die Lücke zu schließen, soll das Limit einfach auf die bisher importierten 50.000 Tonnen angehoben werden.

Besonders ärgert den Grünen laut "Kurier"-Bericht, dass sowohl EU-Investitionsbank EIB als auch die Europäische Bank für Wiederaufbau und Entwicklung EBRD großzügig Kredite an MHP vergeben würden. Die ukrainische Landwirtschaft würde von solchen Förderungen an einen Großkonzern überhaupt nicht profitieren, so der Abgeordnete, der auch katastrophale Folgen für die Bauern innerhalb der EU sieht: "Wir investieren Milliarden in unsere Landwirtschaft – und dann geben wir einem ins Unglaubliche gewachsenen Monopolisten, Milliarden, um diese kaputtzumachen", wird Waitz zitiert.

Gefahr für heimische Geflügelwirtschaft

Auch Michael Wurzer, Geschäftsführer der Zentralen Arbeitsgemeinschaft heimischer Geflügelzüchter (ZAG), klagt, dass man unter diesen Bedingungen Konzernen wie MHP nicht lange standhalten könne: "Wir haben in Österreich die strengsten Tierschutz-Bedingungen Europas – und kämpfen mit einer Konkurrenz, die sich an all das nicht halten muss."

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(rcp)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Reini am 08.04.2019 12:19 Report Diesen Beitrag melden

    Mein Vorschlag zur Lösung dieses

    Problems wäre recht simpel aber umso effektiver: Endlich aus diesem unseligen Verein austreten!!!! ÖXIT - jetzt!

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  • Franzkatt am 08.04.2019 12:44 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Herr

    Und dann wundern sich die EU Abgeordneten wenn die Menschen kein Vertrauen an der EU haben. Überall nur Betrug an den Konsumenten. Schön langsam wird einem klar warum die Briten aus der EU unbedingt wollen.

  • DaKoarl am 08.04.2019 12:27 Report Diesen Beitrag melden

    Einfach nicht kaufen

    Super, ein weiteres Produkt das ich aussieben kann beim Einkaufen. Wenn man sich die Zeit nimmt kann man schon ganz gut sehen wo was her kommt bzw definitiv kein Österreichprodukt ist.

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Die neuesten Leser-Kommentare

  • S.Oliver am 08.04.2019 19:47 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Billigfleisch ist immer bedenklich.

    Die dummen EU Verschwörungstheorien nerven langsam. Ist man dabei, ätzen Grundsatzraunzer dass sie raus wollen, sind wir draußen wird auch nichts besser, aber dann nützt raunzen auch nichts mehr. Kein Mensch käme in den ,,vereinigten Staaten von Amerika,, auf die Idee diese Vereinigung wieder aufzulösen. Ausser den ewig Gestrigen. Klar wo Licht ist da ist auch Schatten. Aber gemeinsam ist immer noch besser als alleine. Besonders bei so Zwergenstaaten wie Österreich einer ist. Aber das kapieren die notorischen ,,von allem Gegner,, natürlich nicht. Hauptsache dagegen. Ohne Verstand.

    • an S.Oliver am 09.04.2019 08:27 Report Diesen Beitrag melden

      Verstand

      Das hat im Europa nie funktioniert und hoffe es wird im Zukunft weiter so!

    • Geri am 09.04.2019 12:29 Report Diesen Beitrag melden

      Schweiz?

      Ist am Armenhaus Europas zu sehen, der Schweiz. Deren Landsleuten wurde dereinst prophezeit wie schlimm die Lage werden wird wenn sie sich (anders als wir Österreicher) gegen den Beitritt entscheiden würden und diese Vorhersagen stimmen. Die Lage ist in Norwegen nicht ganz so schlimm aber ähnlich.

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  • Alle am 08.04.2019 18:43 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Verwöhnt

    Und nun staunt ihr, für Schweizer ist das Fleisch aus Österreich minderwertig, gen und Antibiotika verseucht. So ist es.

  • Silvia K. am 08.04.2019 18:40 Report Diesen Beitrag melden

    Unfassbar, aber kein Einzelfall!

    Denn genauso haben unsere tollen EU Beamten es mit den Energiesparlampen gemacht. Der in Maine (USA) gemachte Bruchtest zeigte, dass der Grenzwert (100 µg/m3) massivst überschritt, bei einer heißen Lampe gab es sogar Spitzenwerte bis 500 µg/m3. Und anstatt die Energiesparlampen zu verbieten, was tat die EU? Die setzte gleich mal den Grenzwert so hoch an, dass er niemals bei Bruch mehr erreicht werden kann. - Sie tun es immer wieder, sie betrügen die Bürger und füllen sich die Taschen. Raus aus diesem Verein, so rasch wie möglich!

  • Friedensprojekt 2015 am 08.04.2019 18:32 Report Diesen Beitrag melden

    Ewig besorgte Kommission:

    Dürfen die dort auch schächten?

  • Werner Mauser am 08.04.2019 17:53 Report Diesen Beitrag melden

    Thema: Regionale Produkte

    Ein Viehtransport aus einem anderen EU-Land kommt auf einen österreichischen Hof. Tiere gekauft, bezahlt, vielleicht noch ein wenig Wasser, endlich ein Zuhause und sofort heimisch. Weiter auf die Reise zum Schlachthof - natürlich als heimisches Rind. Nach dem Schlachten und Zerlegen wieder zurück auf den "heimischen" Hof, zum Direktverkauf als heimisches Produkt.