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23. Oktober 2018 12:31; Akt: 23.10.2018 13:46 Print

Sonderausstellung zeigt Entwicklung des Krieges

In einer Sonderschau widmet sich das Naturhistorische Museum Wien der Evolution des Krieges. Besonders bedrückend: ein Massengrab aus dem 30-jährigen Krieg.

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In der Sonderausstellung wird die Entwicklung des Krieges nachgezeichnet. (c) NHM Wien, Kurt Kracher So wird erklärt, wann und warum aus Werkzeugen Waffen wurden. Eines der Exponate ist dieser so genannter "Fischschwanzdolch" aus Feuerstein aus Bebertal (Sachsen-Anhalt). Das Objekt datiert in die Frühe Bronzezeit um 2300-1800 v. Chr.).(c) LDA Sachsen-Anhalt, Juraj Lipták Erklärende Bild- und Zusatztafeln erklären die Ausstellungsstücke, hier das Grab eines Bogenkriegers. (c) NHM Wien, Kurt Kracher Neben Dolchen, Schwerter und anderen Waffen sind auch Helme und Schilde zu sehen. (c) NHM Wien, Kurt Kracher Den Gräuel des Krieges erlebbar machen die gefundenen Skelette und, sowie die hier, Schädel mit Schusswunden. (c) LDA Sachsen-Anhalt Dieses Skelett gehörte einem jungsteinzeitlichen Streitaxtkrieger, der mit seinen Grabbeigaben in Wennungen (Sachsen-Anhalt, Deutschland) gefunden wurde. (c) LDA Sachsen-Anhalt, Juraj Lipták Tragisches und bestürzendes "Highlight" ist aber das Massengrab aus dem deutschen Lützen. (c) NHM Wien, Kurt Kracher Bei der Schlacht um Lützen verloren 1632 innerhalb nur weniger Stunden 6.000 Menschen ihr Leben. Es war eine der grausamsten und blutigsten Schlachten des 30-jährigen Kriegs. (c) NHM Wien, Kurt Kracher Der amerikanische Schriftsteller Ernest Hemingway schrieb einst: "Denke niemals, dass der Krieg egal - wie erforderlich oder wie begründet er ist - kein Verbrechen ist". Angesichts des Massengrabes von Lützen wirken die Worte besonders nachhaltig. (c) Juraj Liptak

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100 Jahre nach dem Ende des Ersten Weltkrieges 1918 und 400 Jahre nach Beginn des Dreißigjährigen Krieges im Jahr 1618 versucht das Naturhistorische Museum Wien in einer Sonderausstellung das Phänomen "Krieg" anhand historischer Belege greifbar zu machen: "Lernt der Mensch aus seiner Geschichte?"“, "Was ist Aggression?", "Seit wann gibt es Krieg?" und: "Ist Krieg unausweichlich, weil menschlich?" sind nur einige der Fragen, die in der Schau beleuchtet werden sollen.

Die Ausstellung "Krieg - Auf der Spur einer Evolution" entstand in Kooperation mit dem Landesmuseum für Vorgeschichte Halle (Deutschland) und beruht auf dem Konzept der Sonderausstellung "Krieg – eine archäologische Spurensuche", die dort vom 6. November 2015 bis zum 22. Mai 2016 gezeigt wurde.

Enge Zusammenarbeit bringt deutsches Massengrab nach Wien

Das Naturhistorische Museum Wien und das Landesmuseum für Vorgeschichte Halle sind bereits seit der großen Landesausstellung rund um die Himmelsscheibe von Nebra "Der geschmiedete Himmel" (2004) durch einen lebendigen wissenschaftlichen und technischen Austausch miteinander verbunden. Diese Verbundenheit führte auch zum Abschluss des Kooperationsvertrages zur wissenschaftlichen Zusammenarbeit und Durchführung der Ausstellung "Krieg. Auf den Spuren einer Evolution" im Juli 2017.

Entwicklung kriegerischer Auseinandersetzung bis heute

Die Erforschung des Phänomens "Krieg" hat in den letzten 20 Jahren enorme Fortschritte gemacht: Schlachtfelder und Befestigungen wurden ausgegraben, Massengräber geborgen, unzählige Skelette mit Verletzungsspuren untersucht, Waffen sowie bildhafte Darstellungen und historische Texte analysiert. Archäologische und anthropologische Forschungen lieferten wichtige Erkenntnisse über Kriegsführung und die Folgen der Kriege von der Ur- und Frühgeschichte bis in die Neuzeit.

In der Ausstellung wird die Entwicklung vom Werkzeug zur Waffe, vom Zweikampf zum Massenmord, vom mythischen "Helden" zum namenlosen Soldaten und "Kanonenfutter", nachgezeichnet.

Bedrückendes "Highlight" ist das Massengrab von Lützen, das im Rahmen der Sonderausstellung nun erstmals außerhalb Deutschlands zu sehen ist. Wie kaum ein anderes Ausstellungsstück fungiert es als anschauliche Metapher für den Krieg der Neuzeit repräsentiert und ist gleichzeitig ein furchtbares Mahnmal.

Schlacht bei Lützen: 6.000 Tote in nur sechs Stunden

Nur rund sechs Stunden lang dauerte die Schlacht von Lützen (Deutschland), bei der sich 1632 in den Feldern rund um den kleinen Ort zwischen Leipzig und Naumburg mehr als 6.000 Männer niedermetzelten – einer der größten, verlustreichsten und blutigsten Waffengänge des Dreißigjährigen Krieges.

2011 hievten Forscher einen 55 Tonnen schweren Erdblock mit sechs mal sieben Meter Grundfläche, befestigt an einem Gerüst aus Holz und Stahl, aus dem Boden – die Grabstätte von 47 Soldaten, die in der Schlacht ihr Leben ließen. Ein Mahnmal des Krieges, das mit modernsten Techniken untersucht wurde und Einzelschicksale, sowie Todesursachen so detailliert wie möglich rekonstruierte.

Heimische Funde ergänzen Sonderschau

Die Ausstellung "Krieg - Auf der Spur einer Evolution" ist eine archäologische Spurensuche: "Die eindrucksvollen Befunde aus Halle an der Saale werden durch österreichische Skelette von der Jungsteinzeit bis zum Mittelalter ergänzt, die Spuren von Gewalt belegen", erklärt Karin Wiltschke-Schrotta, interimistische Leiterin der Anthropologischen Abteilung des NHM Wien die Schau.

Die ausgewählten menschlichen Knochen zeigen die unterschiedlichsten, tödlichen Verletzungen, die durch neolithische Beile, römerzeitliche Geschossboltzen, hunnische dreiflügelige Pfeilspitzen sowie Hiebe mit einem mittelalterlichen Schwert verursacht wurden. "Die Dummheit der Menschen", meint Anton Kern, Direktor der Prähistorischen Abteilung des NHM Wien, "scheint grenzenlos. Belegen lässt sich das aufgrund ihres Bestrebens nach immer 'besseren' Waffen – und das schon seit der Steinzeit".

Skelette und Waffen als schreckliche Zeitzeugen

Mit 7.000 Jahre alten Waffen und menschlichen Schädeln mit Spuren von Gewalteinwirkung liefert die Ausstellung die ältesten, bislang bekannten Nachweise eines Massakers aus Schletz (Niederösterreich). Goldene Lockenringe zeugen als Fund im Tollensetal in Mecklenburg-Vorpommern (Deutschland) davon, dass es bereits in der Bronzezeit Anführer, sogenannte Eliten, am Schlachtfeld gab.

Aus den Knochen jener Soldaten, die 1809 im napoleonischen Krieg auf den Schlachtfeldern von Asparn und Deutsch Wagram (Niederösterreich) getötet wurden, lässt sich mit forensisch-anthropologischen Methoden viel über das Schicksal einzelner, an der Schlacht beteiligter Menschen ablesen.

Auch Narrenturm zeigt Sonderausstellung

Wie nachhaltig und zerstörerisch sich Krieg auf Überlebende auswirken kann, zeigen Prothesen, die verstümmelten Soldaten nach dem Ersten Weltkrieg das Leben erleichtern sollten und heute Bestandteil der pathologisch-anatomischen Sammlung des NHM Wien im Narrenturm sind. Sie fungieren auch als Überleitung zum zweiten Teil der Ausstellung, die unter dem Titel "Medizin im Ersten Weltkrieg" im Narrenturm zu sehen ist.

In drei renovierten Räumen dokumentieren Objekte der pathologisch-anatomischen Sammlung des NHM Wien die typischen Verletzungen des ersten Weltkrieges, das Können von Lorenz Böhler mit dem Beginn der Unfallchirurgie und die rekonstruierenden Maßnahmen dieser Zeit.

Ausstellungsbegleitendes Rahmenprogramm

Während der Sonderausstellung, die von 24. Oktober 2018 bis 28. April 2019 im Naturhistorischen Museum zu sehen ist, wird auch ein begleitendes Rahmenprogramm geboten. Dazu zählen Vorträge sowie Themenführungen inklusive Blicke hinter die Kulissen des Hauses.

Im Ausstellungs-Blog werden regelmäßig Hintergrundinformationen, Expertenbeiträge und Wissenswertes zum Thema Krieg veröffentlicht. Selbst aktiv werden kann man bei der Foto-Challenge #NHMLoveNotWar. Hier können die Nutzer ihre Beiträge zum Thema "Frieden" in den Sozialen Medien posten und so ein Zeichen gegen Krieg und Kampf setzen.

Alle Informationen dazu gibt es online hier.

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(lok)

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  • Orthograph am 23.10.2018 14:32 Report Diesen Beitrag melden

    AspArn?

    Bis jetzt hieß der Ort Aspern

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  • Orthograph am 23.10.2018 14:32 Report Diesen Beitrag melden

    AspArn?

    Bis jetzt hieß der Ort Aspern