"Bin ich nicht ein hervorragend angepasster Flüchtli...

Am 24. April wählt Österreich einen neuen Bundespräsidenten. Über einen Video-Chat via Google-Hangout hatten Leser durch "HEUTE" die Möglichkeit, live mit Kandidat Alexander Van der Bellen zu chatten und ihre persönlichen Fragen zu stellen. Dabei ruderte Van der Bellen bei der zuerst verneinten Angelobung von FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache als möglicher Bundeskanzler zurück, erteilte einer "Importierung von Antisemitismus" in der Flüchtlingskrise eine Abfuhr, und zeigte sich selbst als Beispiel gelungener Integration.

Am 24. April wählt Österreich einen neuen Bundespräsidenten. Über einen Video-Chat via Google-Hangout hatten Leser durch "HEUTE" die Möglichkeit, live mit Kandidat Alexander Van der Bellen zu chatten und ihre persönlichen Fragen zu stellen. Dabei ruderte Van der Bellen bei der zuerst verneinten Angelobung von FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache als möglicher Bundeskanzler zurück, erteilte einer "Importierung von Antisemitismus" in der Flüchtlingskrise eine Abfuhr, und zeigte sich selbst als Beispiel gelungener Integration.

Als wichtigste Aufgabe des Bundespräsidenten sieht Van der Bellen die "Moderatorenrolle" des Amtes, der die Politiker zu Gesprächen lade, auf Probleme aufmerksam mache und Österreich nach Außen hin repräsentiere. Ob diese Rolle essentiell und das Gehalt zu hoch ist? Diese Frage stellten sich die Teilnehmer des "Heute"-Hangouts.

"Eine schwierige Frage", wie Van der Bellen betonte - vor allem in Zeiten von gesamtgesellschaftlichen Problemen sei die Rolle des Bundespräsidenten wichtig. Das Gehalt sei bereits unter dem ehemaligen Bundespräsidenten Thomas Klestil gekürzt worden.

Erwartungsgemäß einen großen Teil der Diskussion nahm die Flüchtlings-Thematik ein. "Wie erklären Sie sich die ideologische und emotionale Kluft im Land?", so die Fragestellung, auf die Van der Bellen eine deutliche Antwort fand. "Geschichte wiederholt sich, wie bei Ungarn (180.000 Ungarn flüchteten in der Nachkriegszeit nach Österreich, Anmerkung der Redaktion). Erst waren alle willkommen, dann kippte die Stimmung. Für viele war es jetzt mit der Schnelligkeit zu viel. Da darf man nicht die Augen verschließen. Wir werden uns keinen Antisemitismus importieren und darauf achten, was die Gleichstellung von Mann und Frau betrifft. Andererseits ist Syrien kein 'Hinterwäldlerland', es gibt gut ausgebildete, zivilisierte Menschen."

Zehn bis 20 Jahre, bis Integration vollzogen ist"

Generell gelte, dass "der Bundespräsident nicht zusätzlich noch Öl ins Feuer gießen" dürfe. Van der Bellens eigener Werdegang - seine Eltern flohen nach Österreich, er wurde 1944 in Wien geboren - sei ein Beispiel, dass Integration funktioniere. "Bin ich nicht ein hervorragend angepasster Flüchtling?", so der Bundespräsidentschafts-Kandidat. Zur Integration brauche es aber Zeit: "Es geht, aber es dauert zehn bis 20 Jahre, bis Integration vollzogen ist."

Für Fragen sorgte auch, dass Van der Bellen in der Vergangenheit angesprochen hatte, FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache als Bundeskanzler von Österreich nicht angeloben zu wollen. Hier gab es zumindest einen kleinen Schwenk des Hofburg-Kandidaten: "Ich spotte manchmal, dass Strache angekündigt hatte, Bürgermeister von Wien werden zu wollen. Was aus der 'Oktoberrevolution' wurde, hat man gesehen. ... Ich hätte Bedenken, den Chef einer europafeindlichen Partei mit der Regierungsbildung zu beauftragen. Das ist keine Frage von Sympathie oder Antipathie. Ich würde jedenfalls nach bestem Wissen und Gewissen handeln. Es kann dann sein, dass man auch eine blau geführte Bundesregierung hat."

"Wer Türsteher will, braucht mich nicht wählen"

Verbal-Attacken auf seine Hofburg-Konkurrenten gab es bei Van der Bellen nicht. Als Bundespräsident würde er wohl "etwas aktiver" als Rudolf Hundstorfer (SPÖ) und "nicht so scharf" wie Norbert Hofer (FPÖ) agieren. Irmgard Griss könne er aufgrund fehlender politischer Erfahrungen schwer einschätzen, Andreas Khol (ÖVP) schätze er sehr, er sei aber "bei der Flüchtlingsthematik etwas zu sehr auf ÖVP-Linie". "Wer sich einen Türsteher für die Hofburg wünscht, braucht mich nicht zu wählen", so Van der Bellen in Richtung jener, die sich einen "stillen" Bundespräsidenten vorstellen. Er würde öffentlich wohl "etwas grantiger und rascher" auftreten als Heinz Fischer, dessen Stil er aber als vorbildlich sehe.

"Ich bin auch kein Unschuldslamm"

Die politischen Attacken und Verbalausrutscher in Österreich unter den Parteien sieht der Kandidat nicht als generelle Schieflage des politischen Systems. "Ich bin auch kein Unschuldslamm, ich bin aber auch noch nicht Bundespräsident. Ab Juni wird dann alles anders (lacht). Bei solchen Fällen muss man sich jeden einzeln anschauen. Als Präsident würde ich hier gerecht maßregelnd eingreifen, ohne die Rolle des Verhaltenstherapeuten einzunehmen. Verbalangriffe auf Politiker, die die sich wehren können, sind zulässig, aber nicht gegen Bürger." 

"Werde meinen Parteimitgliedsbeitrag ruhend stellen"

Gerade die FPÖ, die Norbert Hofer als freiheitlichen Kandidaten ins Rennen schickte, kritisierte vor dessen Kandidatur die Rolle des ehemaligen Grünen-Urgesteins als unabhängiger Kandidat. "Mir war es wichtig, dass ich meine Kandidatur bekanntgebe und dann konnten die Grünen sagen, ob sie mich unterstützen wollen, nicht umgekehrt. Und als Bundespräsident muss man sowieso Partei übergreifend handeln. Ein grünes Parteibuch gibt es meines Wissens nach nicht. Bisher zahle ich weiter meinen Mitgliedsbeitrag. Sollte ich Bundespräsident werden, werde ich das ruhend stellen. Das sehe ich als vernünftige Lösung", so Van der Bellen.

Was Van der Bellen für die Wahl am 24. April selbst erwartet? "Keiner der Kandidaten wird im ersten Wahlgang über 50 Prozent erreichen." Generell erwartet er, dass das Rennen "sehr knapp" werde. Er stehe jedenfalls für eine Politik mit gesamteuropäischen Lösungen. In die Pflicht nahm Van der Bellen abschließend vor allem Österreichs Schüler und Studenten: "Am Ende Ihrer Ausbildung stehen für Sie in Österreich und Europa so viele Möglichkeiten offen. Auch dafür trage ich eine Verantwortung, so wie Sie bei der Wahl eine Verantwortung tragen. Das sollten Sie sehr ernst nehmen." 

 
Van der Bellens politischer Werdegang

Der Kandidat wurde 1997 Bundessprecher und 1999 auch Klubobmann der Grünen im Nationalrat. Alexander Van der Bellen war der bislang am längsten amtierende Bundessprecher in der Geschichte der österreichischen Grünen. Van der Bellen ist seit Dezember 2015 mit seiner langjährigen Freundin und Geschäftsführerin im Grünen Klub, Doris Schmidauer, verheiratet. Davor war seine über fünf Jahrzehnte dauernde Ehe mit seiner ersten Frau Brigitte einvernehmlich geschieden worden. Mit dieser hat Van der Bellen zwei Söhne.

Der letzte Kandidat der HEUTE Video-Chat-Reihe ist: Richard Lugner, 16. März, 10.00 Uhr

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