"Damit ich überlebe, legte mich Mama als Baby weg"

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Die ersten drei Lebensjahre verbrachte Barbara Schmid bei Klosterschwestern, die ihre wahre Identität nicht kannten. Schmids Eltern überlebten die Schoah in einem Versteck. Ein Gespräch mit Isabella Martens.
24. November 1942. Im von Deutschland besetzten Warschau schleicht sich im Schutz der nächtlichen Dunkelheit eine junge Frau in ein Stiegenhaus, legt ein kleines Bündel ab. In der Wolldecke liegt Salas Tochter. Die Frau küsst ihr Kind, das sie erst vor 48 Stunden zur Welt gebracht hatte, ein letztes Mal. Dann geht sie.

Das Baby überlebte bei Nonnen in einem Kinderheim

75 Jahre später sitzt Barbara Schmid auf ihrem Sofa in Wien-Leopoldstadt, blättert in einem alten Familienalbum. Bei einem Foto aus 1927 hält sie inne. "Von diesen 24 Personen hat nur meine Tante überlebt, 23 wurden im KZ Treblinka vergast." "Bascha", wie Barbara genannt wird, spricht auch über jene Schicksalsnacht, die ihr das Leben rettete: "Meine Eltern, polnische Juden, mussten sich damals vor den Nazis auf einem Dachboden verstecken, dann kam ich zur Welt". Hätte sich das Paar mit einem Baby versteckt, wäre das Risiko entdeckt zu werden, zu groß gewesen. Die Mutter beschließt den dramatischen Rettungsakt. Sie wickelt ihre zwei Tage alte Tochter ein und fährt nach Warschau. Eine Bewohnerin des Hauses, in dem Bascha abgelegt wird, war eingeweiht. "Sie brachte mich in ein katholisches Kinderheim. Dort tauften sie mich auf den Namen Barbara Helena".

Die Nationalsozialisten ermordeten in Europa rund 1,5 Millionen jüdische Kinder

Dass die Mutter sie weglegte, war für Schmid die einzige Chance, am Leben zu bleiben. Die Nationalsozialisten haben in ganz Europa rund 1,5 Millionen jüdische Kinder ermordet. Allein in Polen überlebten 5.000 Kinder, weil jüdische Eltern Menschen fanden, die ihre Kinder versteckten. Nach der Befreiung durch die Roten Armee 1945 begann eine oft langwierige Suche nach den Kindern. Auch Sala stieß auf Widerstand: Im Kinderheim wollten man ihr Mädchen partout nicht herausgeben. "Mama sagte, sie ist eine Jüdin, die ihre Tochter weggegeben hatte – und ich sei hier."

Aber eine Schwester hatte das mittlerweile drei Jahre alte Kind lieb gewonnen. Sie weigerte sich, wollte Barbara behalten. Die Schwester forderte, dass Sala ihre Tochter unter Hunderten Kindern selbt finden soll. Die in Tränen aufgelöste Mutter, die das Mädchen drei Jahre nicht gesehen hatte, wurde in einen Saal geführt. Die Betten dicht aneinander, unzählige kranke Kinder.

"Meine Mama lief wie eine Verrückte von Bett zu Bett, um mich zu finden. Nur weil eine andere Schwester meiner Mutter ein Zeichen gab, wer ich bin, fand sie mich – und wir waren endlich wiedervereint".

Dass sie Jüdin ist, haben ihr die Eltern lange verheimlicht

Erst mit acht Jahren erfährt Barbara Schmid, dass sie Jüdin ist. Die Eltern hatten es ihr, um sie zu schützen, verschwiegen. An Gott glaubt sie heute nicht, Schmid ist überzeugt: "Wenn es ihn gäbe, hätte er nicht zugelassen, dass sechs Millionen Juden, und so viele Sinti und Roma umgebracht werden."

Das Interview ist Teil einer Zeitzeugen-Serie. Alle Zeitzeugen-Gespräche finden Sie auf www.heute.at/zeitzeugen

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(isa)

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