"Es liegen auch Junge auf der Intensivstation"

Das Coronavirus könne auch junge, gesunde Menschen treffen, sagt Chefarzt Philip Tarr im Interview.
In Österreich sind mittlerweile knapp 2.000 Personen am Coronavirus erkrankt. Auch bei unseren Schweizer Nachbarn wurde die landesweite Notlage ausgerufen, 3.028 sind mit Covid-19 infiziert. In beiden Fällen: Tendenz steigend.

Dauert die Corona-Pandemie noch zwei Jahre?



Prof. Dr. med. Philip Tarr ist Co-Chefarzt am Kantonsspital Basel-Land (Schweiz). Im Interview spricht er über das "Gerücht", nur Ältere seien vom Coronavirus betroffen, über die Überlebenschancen von Infizierten und das "Worst-Case-Szenario".

CommentCreated with Sketch. zu den Kommentaren Arrow-RightCreated with Sketch. Sind tatsächlich nur Alte vom Coronavirus betroffen, wie man oft liest?

Wir haben einzelne junge Patienten im Alter von 30 bis 35 Jahren mit schweren Verläufen. Ein rund 30-jähriger Patient hatte keine Vorerkrankungen, ein anderer leichtes Asthma, jetzt werden beide künstlich beatmet auf der Intensivstation. Ihr Zustand ist stabil, aber nicht gut. Das ist auch eine Botschaft: Das Coronavirus kann ab und zu auch junge, gesunde Menschen treffen, wenn sie Pech haben.

Prof. Dr. med. Philip Tarr ist Co-Chefarzt am Kantonsspital Baselland (Bruderholz) und Leiter Infektiologie und Spitalhygiene.
Prof. Dr. med. Philip Tarr ist Co-Chefarzt am Kantonsspital Baselland (Bruderholz) und Leiter Infektiologie und Spitalhygiene.
Wie groß ist die Wahrscheinlichkeit, dass man das Virus überlebt, wenn man künstlich beatmet werden muss?

Insgesamt liegen die Chancen wohl bei rund 50 Prozent. Aber das ist sehr unterschiedlich. Wer jung und gesund ist, hat sicher bessere Voraussetzungen, als jemand, der älter ist.

Gibts genügend Beatmungsgeräte, wenn die Fälle weiter steigen?

Im Schnitt muss ein Patient beim Coronavirus 14 Tage lang beatmet werden. Das ist sehr lange, weshalb es viele Geräte und viel Personal braucht. Bis Ende Woche haben wir 20 Beatmungsplätze einsatzbereit, in ein bis zwei Wochen werden es 60 sein. Hier helfen auch die Privatkliniken mit, die ihre Geräte und Spezialisten – etwa Anästhesisten – bereitstellen müssen. Ich bin zuversichtlich, dass wir in der Schweiz die Krise meistern werden.

Wie sterben die Leute am Coronavirus genau?

Aufgrund der starken Medikamente befinden sich die Patienten quasi in einem künstlichen Koma, sie haben keine Schmerzen. Es kann vorkommen, dass trotz künstlicher Beatmung nicht mehr genug Sauerstoff ins Blut kommt und der Körper zu sauer wird oder es zu einem Herz- oder Nierenversagen kommt.

Dürfen die Angehörigen in den letzten Stunden dabei sein?

Wir machen Ausnahmen, damit Angehörige bei schwer kranken Patienten oder in den letzten Lebenstagen kommen können. Sie sollten dann ihren Vater oder Großmutter nicht umarmen, das ist nicht immer einfach zu vermitteln.

Welche Patientengeschichte hat sie besonders berührt?

In einem Spätdienst musste ich drei Patientinnen anrufen, die alle im Gesundheitswesen arbeiten und positiv auf das Coronavirus getestet wurden: eine medizinische Praxisassistentin einer Hausarztpraxis, eine Krankenschwester in einem Altersheim, eine Angestellte in einer Krankenhausapotheke. Das hat mir großen Respekt eingeflößt und mich emotional getroffen, auch wegen der Sorge, dass sich im Altersheim weitere Menschen angesteckt haben könnten. Das Virus ist tückisch: Ein Test kann erst negativ sein, weil die Symptome noch zu schwach sind. Diese Fälle machen mir Sorgen, weil sie schnell weitere Personen anstecken können.

Es treffen sich die Leute immer noch scharenweise im Freien. Ist sich die Bevölkerung der Gefahr genügend bewusst? Braucht es eine Ausgangssperre?

Das Verständnis in der Bevölkerung wird von Tag zu Tag besser, auch wenn es immer noch Leute gibt, die es noch nicht kapiert haben. Es ist richtig, dass der Bund an die Eigenverantwortung appelliert. Die behördliche Antwort, die Situation aufmerksam zu beobachten, ist die richtige. Man will die Leute auch nicht unnötig plagen. Eine Ausgangssperre kann jederzeit kommen, wenn die Zahlen in die falsche Richtung gehen.

Viele Leute fragen sich, wie lange der Ausnahmezustand andauern könnte. Laut dem deutschen Robert-Koch-Institut könnte die Pandemie im schlimmsten Fall sogar zwei Jahre dauern. Wie sehen Sie das?

Wenn sie mit zehn Spezialisten reden, werden sie zehn andere Antworten bekommen. Die ehrliche Antwort ist wohl: Wir wissen es nicht, weil wir noch wenig Erfahrung mit dem Virus haben und nicht wissen, bis wann der Impfstoff da ist. Es hängt jetzt stark von den Maßnahmen ab, ob wir eine Welle wie in der Lombardei verhindern können. Ich rechne damit, dass uns das gelingen wird. Aber die Pandemie wird uns mindestens bis Ende Juni stark beschäftigen. Bis dann gilt im Krankenhaus auch der Ferienstopp.

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