"Herr Kanzler, ist die SPÖ eine Helikopter-Mama?"

Kanzler Christian Kern (SPÖ) im "Heute"-Interview zu Teilzeit-Jobs, der Haltung seiner Frau zur FPÖ und ob er glaubt, bei der Wahl Erster zu werden. "Ja, schon".

„Heute": "Herr Bundeskanzler, Wiens Bürgermeister Häupl hat Wahlkampf einmal als Zeit fokussierter Unintelligenz bezeichnet. Sie erleben Wahlkampf als Kanzler das erste Mal live. Stimmt Häupls Befund?"

Christian Kern: "Da und dort kann man den Eindruck bekommen (lacht). Aber wir haben uns vorgenommen, im Wahlkampf nichts zu versprechen, was wir nicht auch halten können und so werden wir das auch handhaben. Wir werden nicht Milch und Honig versprechen, aber uns dafür einsetzen, dass der Aufschwung tatsächlich bei allen ankommt".

Video: Kanzler Kern über seinen Besuch im Unwettergebiet

„Heute": "Das Wirtschaftsforschungsinstitut hat Österreich eben ein überdurchschnittlich starkes Wachstum bescheinigt. Das ist schön, aber was bringt das dem Einzelnen?"

Kern: "Die Wirtschaftsdaten sind exzellent, aber es stimmt, die Menschen spüren das oft noch nicht. Deshalb brauchen wir konkrete politische Maßnahmen und deshalb haben wir auch die Kampagne, ,Hol dir, was dir zusteht? gestartet. Die wirklichen Leistungsträger in diesem Land, die Beiträge leisten, arbeiten gehen, sich anstrengen, sich um ihre Kinder kümmern, die müssen von diesem Aufschwung profitieren".

„Heute": "1,1 Millionen Menschen in diesem Land arbeiten Teilzeit, vor allem Frauen, oft für ein paar Hundert Euro im Monat. Dort wird der Aufschwung vermutlich nie ankommen..."

Kern: "Das ist für mich ein wichtiger Punkt. Es ist endlich an der Zeit, dass Teilzeitmitarbeiter dieselben Überstundenzuschläge bekommen wie jemand, der Vollzeit arbeitet. Das betrifft vor allem Frauen, jede zweite arbeitet Teilzeit. Sie dürfen nicht benachteiligt werden. Wenn die einen nur 25 Prozent Zuschlag bekommen und die anderen 50 Prozent, dann ist das unbegreifbar. Jede Überstunde muss gleich viel wert sein".

„Heute": "Was kostet die Angleichung?"

Kern: "50 Millionen Euro".

„Heute":"Die Wirtschaft wird sagen, dass können wir uns nicht leisten. Haben die Unternehmen da nicht recht?"

Kern:"Wir wollen dafür sorgen, dass es sich die Unternehmen leisten können, Mitarbeiter besser zu bezahlen. Wir schlagen der Wirtschaft einen Pakt vor. Wir senken die Lohnnebenkosten um 3 Milliarden. Dann erwartete ich mir umgekehrt aber von der Wirtschaft, dass neue Jobs geschaffen werden und Maßnahmen mitgetragen werden, die Lebensbedingungen von Menschen verbessern".

Video: Kanzler Kern über Teilzeitarbeit

„Heute": "Die meisten Menschen, die Teilzeit arbeiten, möchten das so. Macht die SPÖ etwas zu einem Problem, das gar keines ist?"

Kern: "Aber diese Menschen dürfen trotzdem nicht schlechter behandelt werden. Da geht es ja nicht um die Frage, Teilzeit Ja oder Nein. Selbst wenn jemand Teilzeit arbeiten will, bleibt da ja eine Ungerechtigkeit".

„Heute": "Das heißt, Teilzeit ist für die SPÖ okay, aber die Bezahlung muss passen?"

Kern: "Ja, die Voraussetzungen müssen passen. Wir brauchen einen Rechtsanspruch auf Kinderbetreuung ab dem 1. Geburtstag. Wir müssen massiv in den Ausbau von Ganztagschulen investieren und mehr Ganztageskindergärten anbieten. Wenn dann jemand daheim bleibt – gerne. Das muss jeder für sich entscheiden".

„Heute":"Vor allem am Land wird einem die Entscheidung weitgehend abgenommen ..."

Kern: "Ja, ich habe diese Woche mit einer Alleinerzieherin mit zwei Kindern in der Steiermark gesprochen. Die verdient kaum über 1.000 Euro, arbeitet Teilzeit und hat das Problem am Land, dass sie ihre Kinder spätestens um 14 Uhr aus dem Kindergarten holen muss. Sie verdient schlechter und das schlägt sich nieder bis zur Pension".

„Heute":"Aber täuscht der Eindruck, dass die SPÖ immer alles regeln will wie eine Helikoptermama für ihre Kinder? Halten sie die Österreicher für so unmündig, dass sie politisch besachwaltet werden müssen?"

Kern:"Das Gegenteil ist der Fall. Wir wollen niemanden bevormunden, aber ich will, dass die Menschen die Wahlfreiheit bekommen".

Video: Kanzler Kern über seinen Pakt mit der Wirtschaft

„Heute":"Zurück zum Wahlkampf. Sie waren die letzten 48 Stunden am Kirtag, beim Beachvolleyball, im Unwettergebiet, beim AMS..."

Kern... ... "In Voitsberg und in Fehring"..

„Heute": "Ist es das, was sie sich unter diesem Job vorgestellt haben?"

Kern: "Ehrlich gesagt, das macht mir mehr Freude als hinter verschlossenen Polstertüren zu sitzen. Das ist das wirkliche Leben".

„Heute:"Sie haben die SPÖ einen Türspalt Richtung FPÖ aufgemacht, gleichzeitig ist ihre Frau einer Anti-FPÖ-Plattform beigetreten. Wie darf man sich da Frühstücksgespräche vorstellen?"

Kern (lacht): "Meine Frau engagiert sich hier bei einer Initiative, die nicht möchte, dass Österreich eine schwarz-blaue Regierung bekommt. Das ist keine Anti-FPÖ-Bewegung, da geht es um eine Geisteshaltung. Ich habe deren Texte gelesen, wir haben das ausführlich besprochen..."

„Heute": "... Vorher?"

Kern: "Ja, da geht es um Haltungen, die meine Frau vertritt und die ich genauso vertrete".

„Heute":"Wir erleben einen Hitze-Rekordsommer. Was tut die SPÖ für den Klimaschutz?"

Kern: "Wir haben ein umfassendes Programm vorgelegt, das massiv den Umbau unseres Energiesystems vorsieht. Wir wollen sinnlose Quersubventionen beenden, etwa für Biomasse und Biogas, wo es nur um eine Land- und Forstwirtschaftsförderung geht und dagegen die billigere Photovoltaik, Windenergie und Kleinwasserkraft massiv ausbauen".

„Heute":"Soll Diesel, wie es die Grünen wollen, teurer werden?"

Kern: "Wir haben Energiepolitik so zu betreiben, dass Umwelt und Wirtschaft gestärkt werden und dass es sozialpolitisch verträglich ist. Da hängen 300.000 Arbeitsplätze dran und eine Verteuerung würde vor allem die Mittelschicht treffen. Die muss entlastet werden, nicht belastet".

„Heute": "Der Mittelstand wird jetzt von allen umworben, jahrzehntelang hat die Politik diesem Mittelstand Geld weggenommen, wo es nur ging. Ist das glaubwürdig?"

Kern: "Ich kann nicht Verantwortung für etwas übernehmen, wo ich nicht dabei gewesen bin. Aber in den letzten 14 Monaten haben wir ganz massiv versucht, die Mittelschicht zu stärken. Etwa in dem wir den Pflegeregress abgeschafft haben, 1.500 Euro Mindestlohn durchgesetzt haben und Millionen für mehr Ganztagsschulen zur Verfügung stellen. Jetzt geht es darum: Wir müssen den österreichischen Traum stärken, denn der ist abhanden gekommen".

Heute:„Was ist der österreichische Traum?"

Kern:"Dass es den Kindern besser gehen möge als den Eltern. So bin ich aufgewachsen und das ist unsere Vision".

„Heute":"Wie geht die Wahl aus?"

Kern: "Prognosen sind schwierig, vor allem wenn sie die Zukunft betreffen, aber ich bin sehr optimistisch".

„Heute": "Dass sie Erster werden?"

Kern: "Ja, schon".

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