"Sexualisierung erfolgt über die Kommentare"

Nestlé oder Disney stoppen ihre YouTube-Werbung, nachdem Pädophile unter Kindervideos kommentiert haben. Ein Experte erklärt die rechtliche Situation.

Große Firmen wie Nestlé, Disney oder Mc Donald's boykottieren Werbung auf YouTube. Ein YouTuber hatte zuvor aufgedeckt, dass sich Pädophile die Kommentar- und Empfehlungsfunktion des Portals zunutze machen, um sich gegenseitig auf aufreizende Aufnahmen von Kindern aufmerksam zu machen. Der Anwalt und IT-Experte Martin Steiger sagt, ob YouTube verantwortlich ist und wie das Problem gelöst werden kann.

Herr Steiger*, ist YouTube für den Pädophilie-Skandal verantwortlich?

Ich sehe den Skandal nicht bei Google beziehungsweise YouTube, sondern bei den Nutzern, die sich an – mehrheitlich nicht weiter auffälligen – Videos, die Kinder zeigen, aufgeilen und in den Kommentaren austauschen. YouTuber Matt Watson sollte sich in seinem Video nicht in erster Linie über YouTube enervieren, sondern über die Pädophilen bei YouTube.

Wieso?

Die betreffenden Videos sind in der Mehrzahl erst einmal nicht pornografisch, sondern werden erst durch pädophile Nutzer und ihre Kommentare sexualisiert. Durch die Kommentare bei YouTube wird sichtbar, wie pädophile Menschen auf Kinder reagieren, was erschreckend ist.

Wie sieht die rechtliche Situation aus?

In erster Linie sind die Nutzer bei YouTube für ihre Inhalte selbst verantwortlich. Sofern Straftatbestände erfüllt sind, gehe ich aus Sicht der Schweiz davon aus, dass die Strafverfolgungsbehörde in erster Linie gegen einzelne Nutzer und nicht gegen Google ermitteln würden.

Martin Steiger.

Was kann YouTube unternehmen?

YouTube kann versuchen, Videos, die Kinder zeigen, zu löschen, zum Beispiel aufgrund von eigenen Filtern oder aufgrund von Nutzer-Meldungen. Allerdings ist zu beachten, dass solche Filter notorisch unzuverlässig sind. Die Gefahr ist groß, dass legitime Videos, die Kinder zeigen, gelöscht werden. Insofern ist es eine zielführende Maßnahme, dass YouTube anscheinend die Kommentare bei betroffenen Videos bereits deaktiviert, denn die Sexualisierung von Videos und der Austausch unter pädophilen Nutzern scheint in erster Linie auf diesem Weg zu erfolgen.

Große Unternehmen boykottieren nun YouTube. Was bewirkt das?

Ich gehe davon aus, dass die Firmen in erster Linie auf die Skandalisierung durch die Medien reagieren. Videos, die von Pädophilen kommentiert werden, sind selbstverständlich kein erwünschtes Umfeld für Werbung. Aus meiner Sicht sollte YouTube nicht nur bei betroffenen Videos auf Werbung verzichten, sondern überhaupt bei Videos mit Kinder-Bezug. Daran hätten viele Unternehmen aber auch keine Freude, denn sie richten ihre YouTube-Werbung häufig gezielt an Kinder.

*Martin Steiger ist IT-Rechtsanwalt in Zürich.

(ehs)

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