"1.000 Tote pro Woche, ein Dorf" – Corona-Hölle Balkan

Die Staaten Südosteuropas verzeichnen mittlerweile die höchsten Raten an Corona-Toten.
Die Staaten Südosteuropas verzeichnen mittlerweile die höchsten Raten an Corona-Toten.Johns Hopkins University
Die vierte Corona-Welle macht dem Balkan zu schaffen. Die Inzidenzen und Todesraten sind hoch, doch die Impfbereitschaft ist traditionell tief.

Die vierte Corona-Welle überrollt Osteuropa: Die Sieben-Tage-Inzidenz der meisten Staaten der Region sind auf der Europakarte rot gefärbt, die Todesraten sind hoch, auch im weltweiten Vergleich: Bulgarien, Bosnien und Herzegowina, Montenegro, Nordmazedonien, Ungarn, Tschechien und Rumänien gehören zu den Staaten mit den höchsten Todesraten der Welt.

Der Balkan werde in der derzeitigen Lage zum neuen Norditalien, befürchtet "Die Zeit". Zu Beginn der Corona-Pandemie war Italien besonders stark von dem Virus betroffen, wobei der Schwerpunkt des Infektionsgeschehens im März und April 2020 in Norditalien lag. Die Bilder von Armeelastwagen, die in der Nacht Särge aus Bergamo abtransportierten, schockten damals die ganze Welt.

"1.000 Tote pro Woche – ein Dorf"

Jetzt häufen sich die Toten in den Ländern Osteuropas: Rumänien etwa zählte im Oktober offiziell 10.700 Corona-Tote – in einem Monat. Bei den Nachbarn sieht es nicht viel besser aus. "In Serbien, das die offiziellen Todeszahlen im ersten Corona-Jahr noch kräftig nach unten manipulierte, kletterte die Zahl der insgesamt Verstorbenen schon 2020 um 13,9 Prozent auf den höchsten Wert seit dem Zweiten Weltkrieg", schreibt die Traditionszeitung weiter.

"In diesem Jahr dürfte die Sterberate auf eine neue Rekordhöhe klettern: Allein im Oktober lag die Zahl der Verstorbenen im Balkanstaat 80 Prozent über der Vorjahresfrist." Auch in Ungarn bietet sich ein düsteres Bild: "178 Tote pro Tag, das sind 1.000 Tote pro Woche – ein Dorf, wenn die Zahlen nicht steigen. Es wird für viele Familien ein trauriges Weihnachten, wenn wir den Anstieg der Patientenzahlen nicht abbremsen", warnte die Ärztekammer letzte Woche eindringlich.

Impfskepsis traditionell weit verbreitet

Dabei ist die Impfskepsis in den Balkanländern weit verbreitet: Laut "Die Zeit" sind nur 22 Prozent der Bosnierinnen und Bosnier, 24,9 Prozent der Bulgaren und Bulgarinnen, 37,6 Prozent der Rumäninnen und Rumänen und 37,9 Prozent der Mazedonierinnen und Mazedonier vollständig geimpft – weit unter dem EU-Mittel von 70 Prozent. In Serbien (44,8) und Ungarn (59,7 Prozent ) stagnieren die Impfquoten.

Das ist allerdings nicht erst seit Ausbruch der Corona-Epidemie so: Epidemiologen in der Region klagen schon seit Jahren über die rückläufige Bereitschaft von Eltern zu Vorsorgeimpfungen für ihre Kinder.

"Opportunistische und wenige konsequente" Politiker und …

Das habe Tradition und sei auf die "leidenschaftlich gepflegten Verschwörungstheorien und fragwürdige Quacksalber" zurückzuführen, so "Die Zeit". Jetzt hat das Coronavirus der Anti-Impfbewegung, zum Teil von rechtsextremen Gruppen durchsetzt, erst recht Auftrieb verliehen.

Kommen "opportunistische und wenige konsequente Entscheidungsträger" hinzu: Die Politikerinnen und Politiker scheuen die offene Auseinandersetzung mit den Impfgegnerinnen und Impfgegnern aus wahltaktischen Gründen, zumal auch diese potenzielle Wählerinnen und Wähler sind.

So erklärten Politikerinnen und Politiker von Slowenien bis Rumänien die Epidemie verfrüht, aber wählerwirksam für besiegt oder beschlossen Verschärfungen von Schutzmaßnahmen meist viel zu spät.

… geschönte Zahlen

Mancherorts scheut die Politik offenbar auch nicht davor zurück, Zahlen zu schönen. In Serbien hält die regierungskritische Vereinigung "Ärzte gegen das Coronavirus" der Regierung vor, die tatsächlichen Todeszahlen zu unterschlagen. Nicht wenige Kritiker sehen den Grund dafür bei den Wahlen vom April 2022.

Vor diesem Hintergrund hat die Opposition Anfang November Strafanzeige gegen Ministerpräsidentin Ana Brnabic und Gesundheitsminister Zoran Loncar eingereicht: Demnach hätten sie es unterlassen, im Einklang mit den sanitären Vorschriften vorzugehen, weshalb sie sich nach Meinung der Opposition des Amtsmissbrauches schuldig gemacht hätten.

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