Hannes Androsch hat ein neues Buch herausgegeben, das große Bruchlinien der Zeitgeschichte behandelt. Vom Balkankonflikt bis zum Reformprozess in China, von der Finanzkrise bis zu Big Data – in dem top aktuellen und edel gestalteten Buch werden die Hintergründe und Auswirkungen der Ereignisse beleuchtet. Mit "Heute" sprach Androsch auch über Tagespolitik.
Heute: Was war Ihre Motivation, das zweite Buch in dieser Reihe herauszugeben?
Dr. Hannes Androsch:Das erste Buch ("1814 – 1914 – 2014", Red.) behandelt den Beginn des Ersten Weltkrieges, der zu Recht als die Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts bezeichnet wurde und zum zweiten 30-jährigen Krieg wurde. Der erste 30-Jährige Krieg endete mit dem Westfälischen Frieden 1648, der eine neue Situation geschaffen hatte. Mit dem Ende des 2. Weltkrieges, also des zweiten 30-jährigen Krieges, kamen wir in die Situation, dass wir seit 72 Jahren in Frieden, Freiheit, Stabilität und Wohlstand leben.
Wenn man diese Zeit mit den Erlebnissen unserer Väter und Vorväter vergleicht, kann man das Glück ermessen, das wir haben. Es ist unsere Aufgabe und Verantwortung, dass wir dieses Glück für unsere Kinder und Enkelkinder erhalten müssen.
Heute: Das Buch besticht durch eine besonders feine Aufmachung. War das Ihr Wunsch?
Androsch:Nein. Der Verlag Brandstätter macht einfach schöne Bücher. Auch das 14er-Buch war hervorragend gestaltet, die Anlässe rechtfertigen das. Die Themata beschreiben den Strom der Geschichte, eine Art Fluß: Er fließt nicht immer gleichmäßig, es gibt ruhigere Abschnitte, aber auch Untiefen, Stromschnellen und Katarakte.
Heute: Stehen wir heute an einem Katarakt?
Androsch:Wir sind heute in einer Zeitenwende, dem Übergang vom Industrie- ins digitale Zeitalter – bei uns gleichzeitig mit alternder Gesellschaft verbunden. Damit verschiebt sich auch die Macht von Europa und den USA nach Asien. Es ist eine Zeit tiefgreifender Veränderungen und Umbrüche, verbunden mit entsprechenden Herausforderungen und durchaus auch Chancen, die es wahrzunehmen gilt.
Heute: Steht Österreich durch Türkis-Blau vor einer entscheidenden Wende?
Androsch:Das kann ich so nicht sehen. Ich würde eher – leicht sarkastisch – sagen: Es wird alles anders gleichbleiben.
Heute: Im Buch unterscheiden Sie in Ihrem Epilog zwischen Demagogen und Populisten. Wer wäre denn heute ein Demagoge?
Androsch: Im postfaktischen Zeitalter gibt es da viele. Ich will da keine nennen, da kann sich jeder seinen Reim drauf machen. Aber dem Volk populistisch verbunden – das muss jeder Politiker sein. Man darf's halt nicht übertreiben und nur auf Inszenierung setzen. Man kann ja auch am Burgtheater nicht nur inszenieren, man braucht auch ein Stück, also Inhalte.
"Überschriften haben wir genug"
Heute: Bisher wurde also nur inszeniert?
Androsch:Bislang auf allen Seiten. Überschriften haben wir genug. Aber alle werden wieder auf dem Boden der Realität ankommen und begreifen, dass das die Mühen der Ebene sind.
Heute: Was ist denn in Ihren Augen die größte Gefahr für unsere Gesellschaft?
Androsch: Wir lassen der Bildung und Ausbildung in kollektiver Unverantwortlichkeit nicht die notwendigen Mittel und die Aufmerksamkeit zukommen. Die Jugend ist unsere Zukunft – und nicht, was wir Älteren herum schwätzen.
Heute: Was schlagen Sie vor?
Androsch:Wir brauchen verschränkte Ganztagsschulen, vorschulische Betreuung und ungleich mehr Mittel für Universitäten.
Heute: Planen Sie noch ein Buch in dieser Reihe herauszugeben?
Androsch: Da bietet sich derzeit nichts an. Aber nächstes Jahr werden andere Bücher herauskommen: Eines wird „Zukunft erkennen und gestalten" heißen und im Zusammenhang mit meinem jugendlichen 80er stehen. Und dann kommt noch ein Aussee-Buch, das sich aus meiner Verbundenheit mit der Region ergibt.
„1848 – 1918 – 2018"
Hsg: Hannes Androsch, Heinz Fischer, Bernhard Ecker
Verlag Brandstätter
248 Seiten, Hardcover mit Leineneinband und Kupferschnitt
34,90 Euro
ISBN 978-3-7106-0142-2
(GP)