Apokalyptische Zustände wegen Corona-Mutation in Manaus

In Brasilien sind bisher über 200.000 Menschen an dem Coronavirus gestorben. Besonders schlimm hat es die Stadt Manaus erwischt. 
In Brasilien sind bisher über 200.000 Menschen an dem Coronavirus gestorben. Besonders schlimm hat es die Stadt Manaus erwischt. MARCIO JAMES / AFP / picturedesk.com
Das Virus wütet erneut in der brasilianischen Stadt Manaus – trotz vermuteter Herdenimmunität. Mitverantwortlich dürfte die Virusvariante P.1 zu sein.

Wer Sars-CoV-2 immer noch verharmlost oder gar verleugnet und die Maßnahmen für maßlos übertrieben erachtet, der sollte einen Blick ins brasilianische Manaus werfen. Jener Stadt, in der das Coronavirus schon während der ersten Welle im April 2020 so heftig gewütet hatte, dass für die Toten Massengräber ausgehoben werden mussten und das Gesundheitssystem an seine Belastungsgrenze kam. Gut neun Monate später ist dieses laut dem Lateinamerika-Hilfswerk Adveniat komplett zusammengebrochen.

Entsprechend muten die aus der Hauptstadt des Bundesstaates Amazonas gemeldeten Nachrichten apokalyptisch an: Die Intensivstationen sind überfüllt, die Sauerstoffvorräte am Ende. Nachschub musste bereits aus dem benachbarten Venezuela importiert werden. Verzweifelte Angehörige versuchen, privat Sauerstoffflaschen für Erkrankte zu organisieren, während Ärzte und Pfleger die Beatmungsmaschinen von Hand zu betätigen versuchen. Mehr als 1900 Tote verzeichnet die Stadt allein in den ersten drei Wochen des Jahres 2021.

Zu frühe Lockerungen und Herunterspielen des Virus

Offen ist, wie es dazu kommen konnte. Schließlich gingen Experten aufgrund der vielen Infizierten während der ersten Pandemie-Welle davon aus, dass der Großteil der Einwohner Manaus' immun gegen das Coronavirus ist. In einer im Fachjournal "Science" publizierten Studie kamen Forschende zu dem Schluss, dass bereits im Oktober 2020 rund 76 Prozent der Menschen dort sich mit Sars-CoV-2 angesteckt hatten, womit die Metropole nach offizieller Deutung die Herdenimmunität erreicht haben sollte.

Wie konnte es also zu einer solch massiven zweiten Welle kommen? Neben zu frühen Lockerungen in der zweiten Dezemberhälfte und dem ständigen Herunterspielen des Virus durch den brasilianischen Staatspräsidenten Jair Bolsonaro sowie dessen ablehnender Haltung gegenüber Impfstoffen, kommen dafür laut Experten vor allem zwei Erklärungsansätze.

Statistische Verzerrung als "Bestfall"

So könnten etwa die der "Science"-Studie zugrundeliegenden Berechnungen falsch gewesen sein oder die daraus gezogene Schlussfolgerung. Tatsächlich gilt die Untersuchung in Fachkreisen mittlerweile als umstritten. Der Grund: Die Daten, mithilfe derer die Autoren die die Zahl der Immunen in Manaus berechneten, stammten von Blutspendern, denen für ihre Teilnahme ein kostenloser Test auf Covid-19-Antikörper versprochen wurde.

Das könnte zu einer statistischen Verzerrung geführt haben, da vor allem jene Personen mitgemacht haben, die annahmen, bereits mit Sars-CoV-2 infiziert gewesen zu sein. Es wäre, wie das Wissenschaftsportal Spektrum.de schreibt, "noch der Bestfall."

"Katastrophale Nachrichten"

Denn alternativ könnte das erneute Aufflammen der Pandemie in der Region dem Virus selbst geschuldet sein, genauer gesagt der in Manaus aufgetretenen Variante P.1. Diese weist nach bisherigem Kenntnisstand insgesamt 17 Mutationen auf. Insbesondere die Mutation E484K könnte – ebenso wie die südafrikanische Variante– dazu führen, dass diese Sars-CoV-2-Variante selbst jene noch ein zweites Mal befallen, welche das Virus schon einmal in sich trugen oder durch einen Impfstoff geschützt sein sollten.

Für den weltweiten Kampf gegen die Pandemie, bei dem mühsam auch mit Hilfe von Impfstoffen eine Immunität aufgebaut wird, wären das katastrophale Nachrichten, urteilt Spektrum.de-Autor Christian Heinrich. Er betont aber auch, dass all dies bloß «erste Hinweise» sind. Und dass es auch sein könnte, dass es in den Fällen, «bei denen es zu einer zweiten Infektion kam, nicht ein veränderter Erreger, sondern das Immunsystem der Patientinnen und Patienten die Ursache ist.»

Mutanten-Ausbreitung unbedingt vermeiden

Unklar ist auch, ob die Impfstoffe gegen die brasilianische Variante wirken. Während Moderna und Pfizer/Biontechschon Auskunft über die Wirksamkeit ihrer Präparate gegenüber der britischen und südafrikanischen Mutante geben konnten, laufen die Untersuchungen zu P.1 noch. Einer noch nicht von unbeteiligten Fachleuten geprüften Studie zufolge scheint der Impfschutz von Pfizer/Biontechs Comirnaty nicht nur bei der südafrikanischen, sondern auch bei der brasilianischen Variante tatsächlich abgeschwächt zu sein.

Weitere Ergebnisse zur brasilianischen Virus-Variante werden für die kommenden Wochen erwartet. Allerdings werten einige Experten den Umstand, dass sich Sars-CoV-2 mehrfach am entscheidenden Spike-Protein verändert hat, als Hinweis darauf, dass sich das Virus schnell auf Impfstoffe einstellen könnte.

Entsprechend nachdrücklich mahnen Fachleute wie Uwe Janssen vom St.-Antonius-Hospital im deutschen Eschweiler Regierungen, Behörden und Bevölkerung, alles zu unternehmen, um die Zahl der Infektionen so klein wie möglich zu halten. Denn "je mehr Leute infiziert sind, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass sich Mutationen entwickeln oder die ansteckenderen Mutationen in die Gesellschaft kommen", erklärte der Chefarzt der Klinik für Innere Medizin und Internistische Intensivmedizin in der ARD-Talkshow "Anne Will". "Dann haben wir nämlich die gefürchtete dritte Welle."

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