Ärztekammer warnt: "120 Spitalsärzte fehlen"

Ärztekammer-Vizepräsident Wolfgang Weismüller mit IFES-Chef Hermann Wasserbacher. "Wir brauchen mindestens 120 Ärzte, um das Problem der Gratis-Überstunden zu beseitigten", sagt Weismüller.
Ärztekammer-Vizepräsident Wolfgang Weismüller mit IFES-Chef Hermann Wasserbacher. "Wir brauchen mindestens 120 Ärzte, um das Problem der Gratis-Überstunden zu beseitigten", sagt Weismüller.Bild: Denise Auer

Die Ärztekammer Wien ließ Spitalsärzte zum neuen Arbeitszeitgesetz befragen. Das Ergebnis: Mehr als ein Viertel der KAV-Ärzte bleibt nach dem Nachtdienst länger im Spital.

Seit drei Jahren gilt das neue Arbeitszeitgesetz für Ärzte. Spitalsärzte dürfen statt früher 60 Stunden nur mehr maximal 48 Stunden pro Woche arbeiten. Die Normalarbeitszeit liegt bei 40 Stunden. Die Wiener Ärztekammer gab jetzt eine Umfrage in Auftrag, um einen Überblick über die Auswirkungen zu erhalten. Das IFES-Institut befragte 4.494 Ärzte elektronisch und anonym, ganze 1.481 Mediziner (33 Prozent) nahmen teil, unter den KAV-Ärzten waren es sogar fast 40 Prozent.

Überstunden an der Tagesordnung

Neun von zehn KAV-Ärzten (86 Prozent) gaben an, Nachtdienste zu leisten, bei anderen Krankenanstalten waren es nur drei von vier (74 Prozent). Brisant: 27 Prozent der KAV-Ärzte gab bei der Umfrage an, mindestens einmal pro Monat – oder öfter – nach den Nachtdiensten im Krankenhaus zu bleiben. Hauptgründe: Dienstübergaben, administrative Tätigkeiten und Patientenversorgung.

"Dramatisch" sei das Bild tagsüber, so Weismüller. Denn: 89 Prozent der KAV-Ärzte und 88 Prozent der Ärzte anderer Spitäler gaben an, nach ihrem geleisteten Tagdienst länger im Krankenhaus zu bleiben. Mehr als ein Viertel der KAV-Ärzte (27 Prozent) bleibt mehrmals pro Woche bis zu eine Stunde länger im Dienst. Hauptgründe sind auch hier Patientenversorgung, administrative Tätigkeiten und Dienstübergaben. "Tagsüber sehen wir vor allem das Problem der überlasteten Spitalsambulanzen und das hohe Patientenaufkommen. Es sind einfach zu wenige, um unsere Arbeit ohne Überstunden erledigen zu können", sagt Weismüller.

Kritik an Überstunden ohne Aufzeichnung

"Rund ein Viertel aller Ärzte macht gratis Überstunden", erläutert Weismüller. Wenn man mit durchschnittlich sechs Überstunden in der Woche rechne, käme man auf 120 Vollzeit-Äquivalente, die fehlen. "Damit werden 120 Ärzte dadurch ersetzt, dass gratis Überstunden gemacht werden", argumentiert Weismüller. Der Unterschied: Früher arbeitete der durchschnittliche Arzt länger, "jetzt ist es illegal, nach 25 Stunden Nachtdienst länger zu bleiben".

Jeder fünfte Arzt (19 Prozent) gab bei der Umfrage an, Überstunden nicht aufzuzeichnen, weil das "ihr Vorgesetzter erwartet" (16 Prozent) oder weil "ihr Vorgesetzter die Aufzeichnung von Überstunden verbietet" (3 Prozent). Und: Für 26 Prozent ist laut Umfrage nicht klar geregelt, ob sie für bestimmte Arbeiten Überstunden aufschreiben dürfen. "Das muss sich dringend ändern. Dieses offenbar absichtliche Drängen von Kollegen in die Illegalität ist untragbar", stellt Weismüller klar.

Ärztekammer: Mindestens 120 Spitalsärzte fehlen

Für Weismüller ist klar: "Wir brauchen mindestens 120 Ärzte, um das Problem der Gratis-Überstunden zu beseitigen – und das illegale Weiterarbeiten nach 25-Stunden-Diensten." Die kürzere Normalarbeitszeit führe zu Arbeitsverdichtung, längeren Wartezeiten und Gratis-Überstunden. Der administrative Aufwand "muss gesenkt werden", so Weismüller. Eine weitere Forderung der Ärztekammer: "Die zentralen Notaufnahmen müssen schleunigst umgesetzt werden", so Weismüller. Denn: "Restlos überfüllte Spitalsambulanzen werden zum Problem."

KAV: "Derzeit laufen Projekte zur Verbesserung der Arbeitsabläufe"

Man nehme die Umfrage "sehr ernst", heißt es vom KAV. Generell seien die Mitarbeiter "verpflichtet, ihre Arbeitszeiterfassung korrekt zu führen". Und: "Hinweisen auf Verletzungen des Arbeitszeitgesetzes wird in jedem konkreten Fall nachgegangen."

Im Bereich der Arbeitsorganisation "laufen derzeit Projekte zur Verbesserung und Optimierung der Arbeitsabläufe", so der KAV. Für die Einführung der Rufbereitschaft "laufen im KAV die Vorbereitungen zu einem Pilotprojekt". Und: Der Ausbau der Zentralen Notaufnahmen habe im KAV hohe Priorität und "ist im Laufen". Über Zentrale Notaufnahmen werden dann Patienten, die ohne Termin in ein Krankenhaus kommen, an einer Stelle versorgt. (gem)

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