Politik

"Vergesst endlich Ischgl und Co.: Auf in den Osten!"

Heute Redaktion
13.09.2021, 15:01

Vor 30 Jahren hat der Fall des Eisernen Vorhangs Österreich ins Zentrum Europas gerückt. "Zeit, dass wir die Grenzen im Kopf überwinden", meint "Heute"-Reporter Florian Horcicka in seinem flammenden Essay.

Vor 30 Jahren haben die Revolutionen in Osteuropa die Welt verändert. Der Fall des Eisernen Vorhangs hat Österreich aus einer Randlage wieder ins Herz des Kontinents gerückt. Die Solidarnoc-Bewegung in Polen, die Samtene Revolution in der einstigen Tschechoslowakei oder der Aufstand gegen das Ceauescu-Regime in Rumänien – sie alle haben geholfen, die Grenzen in Europa zu überwinden. Das Tor zum „Osten" stand spätestens ab Ende Dezember 1989 weit offen. Doch die Grenzen in den Köpfen bestehen teilweise bis in die Gegenwart.

Chancen und Hürden

Dazu mögen schwierige politische Konstellationen und die Nachwehen der autoritären Strukturen mit beigetragen haben. Seien es korrupte Securitate-Seilschaften in Rumänien, Oligarchen-gesteuerte Systeme im von der Republik Moldau abgespaltenen Transnistrien oder demokratiegefährdende Tendenzen in Orbáns Ungarn. In Osteuropa ist nicht alles nach Plan (des Westens) gelaufen. Immerhin: Vor 30 Jahren gab es noch lange Schlangen vor Fleischgeschäften und Stromabschaltungen in Bukarest. Heute haben französische und britische Supermarktketten in Bratislava oder Györ fast rund um die Uhr geöffnet. Auch sonntags. Turbokapitalismus sagen dazu die einen. Nachholbedarf nach Jahrzehnten der Mangelwirtschaft die anderen.

Gerade österreichische Unternehmen (OMV, Spar, Erste Bank, Raiffeisen, Wiener Städtische, Wienerberger, Porr, Porsche Holding, etc.) haben die Chancen auf den neuen Märkten rasch und erfolgreich genützt. Doch für viele Österreicher ist Osteuropa immer noch das große Unbekannte. Trotz unzähliger historischer Verbindungen aus der Habsburgermonarchie. Man kann den Balkan, das Banat oder die Menschen im Donaudelta nur verstehen, wenn man sie kennt. Schulausflüge nach Amsterdam oder Berlin, eine Schullandwoche in Südfrankreich sind längst Usus an unseren Schulen. Aber einer Exkursion nach Krakau würde fast etwas Exotisches anhaften. Daher folgt nun eine Reisempfehlung!

Aufbruch in den Osten

Mit dem Auto von Wien nach Rumänien? Eine Weltreise! Abenteuer mit ungewissem Ausgang! Sind die Tabletten ausgegangen? Bist Du komplett wahnsinnig geworden? So antworten Freunde häufig auf die Ankündigung, eine solche Reise unternehmen zu wollen. Wer hingegen mitteilt, nach Bregenz fahren zu wollen, den begleitet höchstens der Spruch: Gute Fahrt!

Seltsam, eigentlich. Wer in der Wiener Innenstadt in seinen Wagen steigt, ist in sechs Stunden in Timisoara, hierzulande oft als Temeswar bezeichnet. In die Vorarlberger Landeshauptstadt braucht man um über eine halbe Stunde oder 119 Kilometer länger. Und dennoch scheinen Welten zwischen beiden Orten zu liegen (die Sprache kann es nicht sein, denn als Wiener versteht man auch in Bregenz nur Bahnhof).

Der Autor Florian Horcicka im rumänischen Timisoara (Temeswar). Die Stadt wird 2021 Kulturhauptstadt Europas.

Das rumänische Timisoara ist bewusst als Beispiel gewählt, startete doch dort vor 30 Jahren die Revolution gegen das menschenverachtende Ceauescu-Regime. Es könnten aber auch zahlreiche andere mitteleuropäische Metropolen genannt werden, die alle näher liegen als Bregenz, Dornbirn oder Ischgl. Darunter Krakau, Belgrad, Warschau – sogar die Ukraine liegt näher als Österreichs Westzipfel.

Appetit auf Horizonterweiterung

Doch wozu die Aufzählung? Um den Appell zu starten: Fahrt in den Osten! 30 Jahre nach der Abschüttelung des realsozialistischen Jochs in Mittel- und Osteuropa ist es hoch an der Zeit, das noch immer Unbekannte zu entdecken. Okay, die meisten haben schon Somlauer Nockerln in Budapest gegessen oder waren auf ein Bier in Prag – doch es gibt so viel mehr zu entdecken. Wen interessiert das von Fachmarktzentren am Ortsrand verunstaltete Landeck, Imst oder Feldkirch? Oradea, Brünn oder Košice sind um Eckhäuser schöner. Und spannender. Zur Beruhigung: Viele Menschen sprechen dort Deutsch (eigentlich beschämend, dass kaum ein Österreicher Tschechisch, Rumänisch oder Polnisch gelernt hat).

30 Jahre nach den Revolutionen zwischen Danzig und Bukarest, wäre eine gute Gelegenheit, den Horizont zu erweitern, anstatt sich vor den Menschen aus dem Osten zu fürchten. Wer jemals uic (rumänischer Zwetschgenschnaps) mit einer geselligen Runde getrunken hat, wer auf einer polnischen Hochzeit getanzt hat oder in der Hohen Tatra auf Berggipfel gestiegen ist, der wird „die aus dem Osten" mit anderen Augen sehen. Und erkennen, dass die Slawen, Magyaren und Rumänen nicht permanent auf raffgierigen Beutezeugen durch österreichische Reihenhaussiedlungen unterwegs sind. Oder danach trachten, biedere VW Passats an dubiose Endkunden zu verschachern. Nein! „Die aus dem Osten" sind ganz normale Menschen. Mit Sorgen, ob die Kinder in der Schule vorankommen, ob das Wetter am Wochenende eh schön wird oder die Schwester hoffentlich rasch eine neue Arbeit finden wird.

Osteuropa ohne Scheuklappen

Es wird sich lohnen, die Grenzen in den Köpfen zu überwinden. Und es wird dauern. Was Jahrzehnte getrennt war, wächst nicht so schnell zusammen. Vielleicht hilft es sich vor Augen zu halten, wofür die Menschen die Revolutionen in Osteuropa gestartet haben. Für Redefreiheit, Reisefreiheit, Mitbestimmung und bessere Chancen. Viele von ihnen arbeiten und leben jetzt bei uns. Lasst uns doch auch zu ihnen kommen!

Autor Florian Horcicka bereist seit Jahrzehnten Osteuropa (hier etwa den Maidan-Platz in Kiew).

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