Balkan brennt zu Weihnachten - und es ist allen egal

Vor der Haustür brennt es. Nur wer löscht?
Vor der Haustür brennt es. Nur wer löscht?picturedesk
Eine Tragödie hat sich in dieser Woche im bosnischen Lipa abgespielt. Ein Flüchtlingslager ist vollständig abgebrannt.

Vergangenes Wochenende wurde ich von der Organisation "SOS Balkanroute" gefragt, ob ich denn nicht einmal mit nach Bosnien fahren wollen würde. Ich solle mir vor Ort ein Bild von den Flüchtlingslagern machen, einen kleinen Bericht für den "Balkan Blog" schreiben und sowas. Ehrlich gesagt hatte ich so einen Trip schon länger in Planung. Aber aufgrund von Corona war das alles nicht mehr so einfach zu bewältigen. Das ist aber ein anderes Thema.

Ich sagte natürlich zu, erklärte jedoch, dass ich Weihnachten gerne noch in Wien verbringen wollen würde. Im kommenden Jahr wäre ich auf jeden Fall bereit für die Fahrt in den Balkan. Ich versprach aber, dass ich die Aktion über die Social-Media-Kanäle verfolgen würde.

Kältetod als reale Gefahr

Am Mittwoch stockte mir plötzlich der Atem, als auf dem Facebook-Account der Organisation plötzlich ein Video von einem Flammenmeer auftauchte. Der Titel: "Moria vor der Haustüre!" Und nichts anderes war es. Ein Flüchtlingscamp, das völlig ausbrannte. Die knapp 3.000 Menschen hatten von einer Sekunde auf die andere keinen Schlafplatz mehr, wussten nicht mehr weiter.

Ich muss gestehen, dass ich die genauen Hintergründe nicht kenne. Was bekannt ist: Am Mittwoch wurde das Lager geschlossen – und die Migranten blieben ohne Aussicht auf Besserung zurück. Die Schließung des Lagers war eigentlich dazu gedacht gewesen, Arbeiten für einen Wasser- und Stromanschluss durchzuführen. Die Lager-Migranten hätten in der Zwischenzeit in der Halle Bihać untergebracht werden sollen. Laut lokalen Medien begleiteten die Behörden die Migranten zwar zur Halle, dort verhinderten allerdings viele Bürger und die lokale Polizei den Zugang zur Halle – Flüchtlinge mussten zurück nach Lipa gebracht werden. Erst verließen mehrere Gruppen von Migranten das Lager, dann legte eine Gruppe Feuer bei den Zelten, das sich zu einem Großbrand entwickelte. Was sich seitdem getan hat, das weiß ich nicht. Klar ist aber, dass unzählige Menschen vom Kältetod bedroht sind.

Wenn ich es nicht sehe, ist es dann da?

Es ist natürlich eine Geschichte, die das Leben schreibt, dass der Brand genau einen Tag vor Heiligabend passiert ist. Ein Tag, vor dem wohl christlichsten Fest der Welt. Dem Fest des Beisammen seins. Dem Fest der Liebe. Der Nächstenliebe. Und was machen wir? Wir schauen natürlich wieder weg. Und zwar nicht das erste Mal in diesem Jahr. Auch Moria konnte sich nicht medial durchsetzen. Zwar blitzten die Berichte immer wieder durch. Der große Aufschrei blieb aber aus. Anders als bei "Black Live Matters"-Demos zum Beispiel. 

Ich gebe zu, auch ich habe die letzten Tage meine Augen vor den Flammen in meiner Heimat verschlossen. Und das obwohl sie praktisch in Sichtweite sind. Aber so sind wir Menschen eben. Probleme so lange aus dem Weg gehen, bis man ihnen plötzlich nicht mehr aus dem Weg gehen kann und direkt damit konfrontiert ist. Das ging bei mir schon in der Schule nicht gut und trotzdem habe ich nichts daraus gelernt. Aber wie gesagt: Es brennt. Und wir sollten alle gemeinsam schauen, dass wir löschen, so lange es noch geht.

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