Life

Bei Antibiotika bahnt sich eine Katastrophe an

Eine Welt ohne Antibiotika rückt immer näher. Neue Wirkstoffe werden kaum erforscht – weil es nicht profitabel ist.

Heute Redaktion
Teilen
Zu teuer: Fast die Hälfte der Firmen, die zu neuen Antibiotika geforscht hatten, hat sich zwischenzeitlich von dem Thema abgewendet.
Zu teuer: Fast die Hälfte der Firmen, die zu neuen Antibiotika geforscht hatten, hat sich zwischenzeitlich von dem Thema abgewendet.
Bild: keine Quellenangabe

Antibiotikaresistenzen nehmen weltweit zu. Damit wächst die Gefahr, an einst problemlos behandelbaren Infektionen oder kleinen Verletzungen zu sterben. Europaweit sterben jährlich etwa 33.000 Menschen an resistenten Keimen. Laut einem wegweisenden Bericht von 2016, könnten es 2050 schon 10 Millionen Tote im Jahr sein. Bereits 2014 warnte die Weltgesundheitsorganisation WHO vor einer Post-Antibiotika-Ära.

Diese ist laut Recherchen des Norddeutschen Rundfunks NDR offenbar näher als gedacht. Denn immer mehr Pharmafirmen steigen aus der Antibiotikaforschung aus – obwohl der Internationale Pharmaverband (IFPMA) erst 2016 eine Industrie-Allianz gegründet hat, um geschlossen die Resistenzen anzugehen.

Rund 100 Pharmakonzerne, darunter die größten der Welt, verpflichteten sich damals, die Forschung in diesem Bereich voranzutreiben.

Antibiotika-Forschung zu wenig lukrativ

Doch laut NDR ist das Gegenteil der Fall: Fast die Hälfte der Firmen, die sich der Allianz angeschlossen und zu neuen Antibiotika geforscht hatten, hat sich zwischenzeitlich von dem Thema abgewendet. Nach Astra-Zeneca und den Branchengiganten Novartis und Sanofi gab jetzt auch der weltweit größte Gesundheitskonzern Johnson & Johnson bekannt, "keine weiteren Antibiotika in der Entwicklung" zu haben, so der NDR.

Dies "weil es zu wenig lukrativ ist", so Andreas Kronenberg vom Institut für Infektionskrankheiten der Universität Bern und Leiter des Schweizerischen Zentrums für Antibiotikaresistenzen. Der Verdienst einer Pharmafirma hänge davon ab, wie oft ein Medikament verkauft werde. Schließlich koste die Entwicklung Hunderte Millionen Dollar, ohne dass ein Gewinn sicher wäre. Außerdem lasse sich zurzeit mit Antibiotika deutlich weniger Geld verdienen als mit Krebsmedikamenten oder solchen gegen chronische Erkrankungen.

Auf Nachfrage bestätigt Novartis-Sprecher Satoshi Sugimoto, im Jahr 2018 die "Forschung im Bereich antibakterieller und antiviraler Wirkstoffe eingestellt" zu haben. Man habe die Entwicklung neuer Antibiotika an andere Unternehmen abgegeben.

Kleinen Unternehmen geht das Geld aus

Auch kleinere Unternehmen haben die Forschung zu neuen Antibiotika an den Nagel gehängt beziehungsweise an den Nagel hängen müssen. Vielen sei schlichtweg das Geld ausgegangen, so der NDR. Andere hätten dagegen damit zu kämpfen, dass sich Investoren zurückzögen. Auch für diese sei das Geschäft mit neuen Antibiotika zu wenig profitabel.

Noch ist deswegen aber keine Panik angesagt. Immerhin arbeiten laut NDR derzeit mit MSD, GlaxoSmithKline, Otsuka und der Roche-Tochter Genentech noch vier der 25 weltgrößten Pharmaunternehmen an der Entwicklung neuer Antibiotika.

Doch die müssen sich laut Peter Beyer von der WHO ranhalten. Denn Antibiotikaresistenzen seien eines "der Probleme des Jahrhunderts". Die Dringlichkeit hat man auch bei Roche erkannt. Nachdem man die Antibiotika-Forschung Ende des letzten Jahrtausends zunächst reduziert gehabt habe, habe man diese in den letzten Jahren wieder deutlich intensiviert, so Roche-Sprecher Karsten Kleine. "Die Situation hat sich durch Resistenzbildung dramatisch verändert."