Forscher warnt: Österreich auf selbem Kurs wie Italien

Ein Wissenschaftler entwirft ein Best- und ein Worst-Case-Szenario für unser Land. Die Aussichten sind in keinem Fall rosig: "Österreich liegt genau auf der Kurve der Toten in Italien".
Die strikten Maßnahmen der Bundesregierung sollen die Ausbreitung des Coronavirus in Österreich eindämmen. "Wir sind noch weit von unseren Zielen entfernt. Bis Ostern müssen wir in den einstelligen Wachstumsbereich kommen", schärfte Gesundheitsminister Rudi Anschober am Freitag bei einer Pressekonferenz. Andernfalls drohe eine Eskalation der Lage wie in Italien.

Eine zu frühe Lockerung der Corona-Maßnahmen könne verheerende Folgen haben, warnt auch Stefan Thurner vom Complexity Science Hub Vienna (CSH). Wenn man die Kurve der Todesfälle in Österreich um drei Wochen nach vorne ziehe, "dann liegt sie genau auf der Kurve der Toten in Italien", so der Physiker in einem Gespräch mit der Nachrichtenagentur APA.

Obwohl sich die Verdoppelungszeit der nachgewiesenen Infektionsfälle von zwei Tagen über die vergangenen zwei Wochen auf etwa vier Tage erhöht habe, gehe es "nach wie vor sehr, sehr schnell hinauf", so der Professor für die Wissenschaft Komplexer Systeme an der Uni Wien weiter. Wenn sich alle vier Tage etwas verdoppelte, sei das "fast so schlimm" wie wenn sich etwas alle zwei Tage verdoppele.

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"Man kann nur hoffen"



Komplexitätsforscher Stefan Thurner wurde 2017 zum Wissenschafter der Jahres gewählt.
Komplexitätsforscher Stefan Thurner wurde 2017 zum Wissenschafter der Jahres gewählt.
Thurner betont, dass es wichtiger sei, die Zahlen der Patienten auf Intensivstationen und der Toten im Blick zu behalten, als jene der Infizierten allgemein. Erst dadurch sehe man, wie viele Spitalsbetten belegt seien und wie viele der Betroffenen durch das Virus getötet werden.

Momentan liege die Verdoppelungszeit bei den Toten bei etwa drei Tagen, bei den Intensivbetten bei zwei Tagen und sechs Stunden. "Das geht sehr schnell. Da ist derzeit kein Anzeichen, dass das besser wird", warnt der Wissenschaftler. "Wenn ich schaue, wie es in Italien mit den Toten losgegangen ist, und wie in Österreich, dann liegen die Kurven fast identisch." Und: In unserem Nachbarland sei der Zuwachs "immer noch riesengroß". Diese Woche starben in Italien jeden Tag mehrere hundert an Covid-19 erkrankte Personen.



"Man kann darauf hoffen, dass Österreich besser aufgestellt ist und die Kurve früher abflacht, aber man kann nur hoffen", so der Forscher: "Zur Zeit sieht es so aus, als gingen die Zahlen der Toten genauso los wie in Italien. Für eine Entwarnung ist es zu früh."

Best- und Worst-Case für Österreich



Thurner entwirft zwei Szenarien für die Zukunft des Landes – einen Best- und einen Worst-Case. Fangen wir mit dem optimistischen Teil an: Angenommen, es kommt bereits Anfang April zu einem Maximum der Infizierten, dann sind wir gut aufgestellt. Das Gesundheitssystem könnte das stemmen, theoretisiert der CSH-Präsident.

In so einem Fall, könne man nach Ostern beginnen, Menschen wieder "in sehr geplanter Art und Weise" in den Arbeitssektor zurückzuführen. Zu diesem Zeitpunkt gebe es aber noch lange keine Herdenimmunität. Daher müsse man schrittweise und "gezielt" nur kleine Personengruppen zurückkehren lassen und bei einem neuerlichen Anstieg sofort wieder die Maßnahmen verschärfen.

Jetzt zu der schlechten Nachricht: Im schlimmsten Fall haben die bisherigen Maßnahmen nur geringe Auswirkung auf die Infektionsrate – anstatt alle vier Tage, würden sich die Fallzahlen nur noch alle sechs Tage verdoppeln. "Wenn man annimmt, dass es bis zur vierten Aprilwoche dann so bleiben würde, dann sind wir bei einem Szenario, das mit Hunderttausenden Angesteckten und Erkrankten einhergeht", so Thurner. Das Gesundheitssystem würde zusammenbrechen.

Gehen die Intensivbetten aus?



Welche dieser Prognosen schlussendlich Wirklichkeit wird, könne derzeit niemand einschätzen. "Die Vorhersagen gehen maximal eine Woche, eher fünf Tage", erklärt der Experte. Eine Pandemie-Prognose ist somit ähnlich weit möglich, wie die des Wochenwetters. Wichtig dabei, erinnert Thurner, der Blick auf die Toten und Intensivpatienten: "Es gibt sehr wenig Unsicherheit bei der Zahl der Toten – und dieser Pfad ist nicht so toll."

Der Uni-Professor hofft, dass Österreich noch weitere Intensivbetten schaffen kann. Er persönlich schätze, dass bis zum 1. April noch bis zu 400 weitere Betten benötigt werden. 2.547 davon gibt es in allein Spitälern zusammengerechnet.

Derzeit (27. März, 9.30 Uhr) sind laut Gesundheitsministerium 128 Covid-Patienten auf Intensivstationen untergebracht, 24 Stunden zuvor waren es 96. Insgesamt sind schon 672 Menschen hospitalisiert worden.

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