Die Meinung der Covid-19-Taskforce des Schweizer Bundes ist gemacht: "Es ist davon auszugehen, dass das mutierte Coronavirus bereits in der Schweiz angekommen ist", sagte die ETH-Professorin Tanja Stadler. Die aktuellen Maßnahmen seien nicht ausreichend, um die Situation unter Kontrolle zu bringen. "Man müsste die Maßnahmen sofort verschärfen", so Stadler. Eine Warnung, die auch bei vielen Experten in Österreich Gehör finden könnte. Während Österreich zumindest die Corona-Zahlen über die Feiertage weiter ausweist, steht hier die Schweiz vor einem Problem.
Obwohl die Schweiz laut der Taskforce in einer heiklen Lage ist, wird das Bundesamt für Gesundheit (BAG) über die Festtage keine Zahlen veröffentlichen: "Wir behandeln die Festtage wie Sonntage, folglich wird es keine Zahlen geben", sagte Virginie Masserey vom BAG an der Medienkonferenz. Für die Genfer Virologin Isabella Eckerle ist das "sehr unglücklich": "Weihnachten und auch die erhöhte Reiseaktivität werden die sowieso schon viel zu hohen Infektionszahlen noch weiter anfeuern. Insofern wären Meldezahlen über die Feiertage und zwischen den Jahren sehr wichtig", sagt Eckerle.
Auch Antoine Flahault, Direktor des Instituts für globale Gesundheit an der Universität Genf, sagt: "Wir erstellen mit den täglichen Daten 7-Tages-Prognosen für 209 Länder und auch für alle Kantone in der Schweiz. Ohne tägliche Meldungen können wir die Trends nicht vorhersagen." Bildlich gesprochen sagt Flahault: "Wir durchqueren derzeit schwere See und es scheint mir, dass der Kapitän mitten im Sturm seine Wettervorhersagen herunterfährt. Und ja, das kann gefährlich werden."
Für die kommenden sieben Tage rechnet Flahault nicht mit einem größeren Anstieg der Fallzahlen in den Kantonen. "Allerdings wissen wir nicht, was danach kommt." Für Flahault gibt es ein optimistisches und ein pessimistisches Szenario: "Im optimistischen bremsen die Weihnachtsferien den Verlauf der epidemiologischen Prozesse: Die Schulen und viele Geschäfte sind geschlossen, was soziale Interaktionen einschränkt und den R-Wert runterbringen könnte." In der pessimistischen Variante beeinflussen die Treffen mit Freunden und Familien den R-Wert negativ.
"Ich hoffe auf den optimistischen Verlauf, doch ich kann nicht vorhersagen, was passieren wird", sagt Flahault. In den USA etwa habe Thanksgiving keine eindeutige Auswirkung auf die Infektionszahlen gehabt. "Ich mache mir denn auch mehr Sorgen um die Wiedereröffnung der Schulen im Januar", so der Experte.
Ob der Schweiz mit dem mutierten Virus eine ähnliche Situation wie England oder Wales droht, wo die Infektionszahlen kürzlich wieder explodierten, ist laut Flahault derzeit schwer zu sagen: "Wir wissen zum jetzigen Zeitpunkt nicht, ob die im September entdeckte Variante des Virus nur zufällig mit dem beobachteten Wiederanstieg der Zahlen zusammenhängt, oder ob es einen kausalen Zusammenhang gibt."
Unabhängig davon bestehe derzeit in allen Ländern der nördlichen Hemisphäre die Gefahr einer stärkeren Verbreitung des Virus. "Die Wintersaison beginnt erst gerade, sodass präventive Massnahmen wie das Maskentragen, Distanzhalten, Lüften, Händewaschen und die Verschiebung von Aktivitäten ins Freie wahrscheinlich noch monatelang erforderlich sein werden."
Flahault betont, die Politik müsse beim Entscheid über die Maßnahmen auch andere Aspekte in Betracht ziehen als die Empfehlung von Epidemiologen. Er sagt aber auch: "Sollten die genannten Maßnahmen nicht ausreichen, um die epidemische Aktivität unter Kontrolle zu bringen, sind möglicherweise wieder zusätzliche Abriegelungsmaßnahmen erforderlich, um die volle Kontrolle über die Pandemie zu übernehmen, bis der Impfstoff breitflächig verfügbar ist – und genutzt wird."
BAG-Pressesprecher Yann Hulmann sagt, der R-Wert werde laufend aktualisiert. Er nennt zwei Gründe, weshalb die Fallzahlen an den gesetzlichen Feiertagen nicht kommuniziert werden: "Erstens haben wir immer gesagt, dass Trends wichtiger sind als tägliche Fallzahlen. Und zweitens sind die Zahlen vom Wochenende und damit auch von Feiertagen mit besonderer Vorsicht zu genießen, da sie regelmäßig niedriger ausfallen als an Wochentagen." Hulmann betont, dass das BAG auch über die Festtage in regem Austausch mit der Taskforce und dem Bundesrat stehe.
Der Bundesrat hat aufgrund der Corona-Lage am vergangenen Freitag schärferer Maßnahmen im Kampf gegen das Coronavirus beschlossen. So sind seit Dienstag schweizweit Restaurants, Freizeit-, Sport- und Kultureinrichtungen geschlossen. Der Bundesrat wird am 30. Dezember eine Zwischenbeurteilung der Wirksamkeit dieser Maßnahmen vornehmen und Anfang Januar Bilanz ziehen und falls nötig weitere Entscheide fällen. Ursprünglich hatte Gesundheitsminister Alain Berset geplant, nicht notwendigen Läden dann zu schließen, wenn die Reproduktionszahl über 1,2 liegen sollte.