Bresnik über Thiem: "Er hat sich rausgewürgt"

Bresnik: "Das ist so, wie wenn ich in ein fremdes Schlafzimmer gehe."
Bresnik: "Das ist so, wie wenn ich in ein fremdes Schlafzimmer gehe."GEPA
In Paris wird der Sandplatz-King bei den French Open gekürt. Dominic Thiem ist früh gescheitert. Ex-Trainer Günter Bresnik über das Aus und Favoriten.

"Überlegen Sie gut", sagt Günter Bresnik, "und rufen sie mich in zehn Tagen an." Er will das Telefonat jetzt beenden. Das spricht er nicht aus, es kommt aber beim Gegenüber an. Hinter ihm wird gestöhnt, auf Bälle gedroschen. "In zehn Tagen will ich ihre fünf Favoriten für die French Open wissen. Ich verrate ihnen meine. Einverstanden?" 

Ex-Trainer Bresnik zählt Thiem zu Paris-Favoriten

32 Minuten hat Bresnik, Mentor und Ex-Trainer von Dominic Thiem, zuvor über die Vorherrschaft im Welttennis geredet. Er hat über seine Reise als Neo-Trainer von Gael Monfils (FRA) nach Monte Carlo berichtet, über das Trainingspensum von Rafael Nadal (SPA) geschwärmt, über die Playstation-Zockerei in Zimmer 753 des Spielerhotels den Kopf geschüttelt - und er hat über Dominic Thiem gerätselt. "Er ist die große Unbekannte." Jetzt ist es genug. Bresnik muss arbeiten: Tennis am Platz erklären, nicht nur darüber reden.

"Nadal, Djokovic, Tsitsipas, Zverev - in dieser Reihenfolge" - Günter Bresnik über die Paris-Topfavoriten

Zehn Tage später klingelt sein Handy. So wie ausgemacht. In drei Tagen starten die French Open. Bresnik ist vorbereitet auf den Anruf. Zuerst will er die Top 5 des "Heute"-Reporters wissen. "Nadal, Djokovic, Tsitsipas, Zverev", nennt er selbst. Beim Fünften tut er sich schwer. Er lässt sich nicht festnageln. "Es gibt drei Kandidaten: Berrettini, Ruud, Thiem."  

"Dominic ist ein Champion, so einen schreibt man nicht ab" - Günter Bresnik

Also doch Thiem. "Wir sind jetzt in Paris, das ist der absolute Gradmesser. Jeder der Favoriten ist hier zu 100 Prozent mental bereit. Und so erwarte ich auch Dominic. Er ist ein Champion, so einen schreibt man nicht ab", stellt Bresnik klar. 

Bresnik wollte über Thiems Form nicht spekulieren. "Ich habe keine Interna. Aber ich kenne ihn lange. Er hat oft gut gespielt bei schlechten Vorzeichen. Lassen wir Dominic mal ein, zwei Runden gewinnen."

Lehren aus den Leopardenspuren

Bresnik erzählt plötzlich von einer Safari, die er gemacht hat. Das sei der beste Vergleich, der ihm gerade einfalle. "Ich bin mit einem schwarzen Ranger durch die Savanne gegangen. Wir haben eine Leopardenspur verfolgt. Plötzlich dachte ich mir: Was tun wir, wenn uns ein Löwe verfolgt? Schnell weglaufen? Wohl sinnlos. Darum fragte ich den Ranger. Der meinte nur: 'Sie müssen nicht schnell laufen. Sie müssen nur schneller sein als der Langsamste der Gruppe.'"

Im Tennis muss man nicht glänzen, nur ein bisschen besser sein als der auf der anderen Seite des Netzes. "So hat Dominic die US Open gegen Zverev gewonnen. So hat er schon als Jugendlicher Spiele entschieden. Ich sage dazu, er hat die Gegner rausgewürgt. Damit gewinnst du kein Grand-Slam-Turnier, aber die ersten Runden."

Würgerei und rausgewürgt

Es kommt anders: Thiem stolpert beim achten Antreten in Paris erstmals in Runde eins. Er spielt nie gut, verspielt eine 2:0-Satzführung gegen Pablo Andujar (SPA), unterliegt nach 4:28 Stunden 6:4, 7:5, 3:6, 4:6, 4:6. "Er hat sich selbst rausgewürgt", stellt Bresnik klar.

Thiem wirkt körperlich und spielerisch wie ein schlechter Abklatsch von jenem Thiem, der 2018 und 2019 in Paris im Finale stand. Im zweiten Endspiel verlangte er Rafael Nadal zwei Sätze alles ab, er beschleunigte den Tennisball wie einen Gummiball.

Nach dem Aus gegen Andujar klagt Thiem über fehlendes Tempo in seinen Schlägen und fehlende Lockerheit. "Ich war weit weg von meiner Normalform. Es war von Anfang an eine Würgerei. Ich bin da in richtig schlechte Muster zurückgefallen. Das ist natürlich schwer zu verstehen." Das Match sei das Resultat der schwierigen letzten Wochen gewesen. "Ich wollte die Saison hier ins Positive drehen. Das ist schwer in die Hose gegangen. Es ist schockierend für mich, dass das in Paris so passiert."

Nadal und der Druck

Zum Top-Favorit: Rafael Nadal ist nach Paris gekommen, um Sportgeschichte zu schreiben. 13 mal ist er hier als Sieger auf die Knie gesunken oder nach dem Matchball am Rücken gelegen. Immer hat er den Siegerpokal dann ganz fest gedrückt. Der 14. Triumph heuer wäre sein 21. Major-Titel. Damit würde er Roger Federer (SUI) überholen, wäre er die alleinige Nummer 1. Vor allem Novak Djokovic will das verhindern. Der Serbe hält bei 18 Titeln, den Grand-Slam-Rekord sieht er als sein Lebenswerk. "Ich fühle jetzt mehr Leidenschaft für das, was ich tue, als noch vor ein paar Jahren", sagt Nadal vor dem ersten Aufschlag. 

"An dem Tag, an dem ich keinen Druck mehr spüre, wird es Zeit, in Pension zu gehen" - Rafael Nadal

Das klingt nicht gut für Nadals Gegner. Die leiden seit fast zwei Jahrzehnten am Court Philippe Chatrier. Erst zwei Leute konnten Nadal in Paris besiegen, Robin Söderling (SWE, 2009) und Djokovic (2015). Nadal verspüre Druck, meinte er im Vorfeld des Turniers. "An dem Tag, an dem ich keinen Druck mehr spüre, wird es Zeit, in Pension zu gehen. Ohne diese Art von Emotionen ist es für mich schwierig, auf meinem besten Niveau zu spielen. Was ich aber spüre, ist ein persönlicher Druck, den ich mir selbst auferlege, weil ich gut spielen will." 

"Ich wundere mich, wie über Druck geredet wird. Für große Leistungen ist Druck nötig. Nicht Angst, die lähmt" - Günter Bresnik

"Ich habe von Nadal die letzten 20 Jahre keine Suderei gehört", fügt Bresnik hinzu. Thiem ließ in den letzten Monaten durchklingen, dass er sich zu sehr unter Druck gesetzt habe. Bresnik hat dazu eine klare Meinung. "Hatten sie heute nicht auch Druck in ihren Job? Ich wundere mich, wie über Druck geredet wird. Für große Leistungen ist Druck nötig. Nicht Angst, die ist schrecklich und lähmt. Aber Nervosität ist normal und sie beflügelt." Nachsatz: "Natürlich kann ein Trainer und ein Team Druck von einem Spieler nehmen. Und das ist wichtig, wenn er zu groß ist."

Seelendoktor bei Monfils

Bresnik war heuer bei den Turnieren in Monte Carlo und Rom dabei. Als Trainer von Gael Monfils (FRA), er betreut den Publikumsliebling auch in Paris. Sein zweiter Schützling Dennis Novak, der von Wolfgang Thiem zu ihm zurückkehrte, ist in der Quali gescheitert. Bresnik sagt, Novak habe das Trainingspensum wieder angehoben. Die Einstellung stimme, die Arbeit brauche aber noch Zeit.

Bei Monfils ist er aktuell auch Seelendoktor. Die Nummer 15 der Welt war vor Corona in Top-Form, in den vergangenen 15 Monaten gewann er aber nur ein Spiel auf ATP-Tour-Level. Der Franzose schüttete zuletzt bei mehreren Turnieren sein Herz aus, in Australien brach er in Tränen aus. Immer wieder klagte er über fehlendes Selbstvertrauen.

"Er heiratet im Sommer. Tennis ist ihm nicht unwichtig, doch es ist anders als vor ein paar Jahren" - Günter Bresnik

Wie ist Bresnik da emotional eingebunden? "Wir reden viel", sagt er. "Es hat sich für die kurze Zeit ein enges Verhältnis entwickelt. Ich will einwirken, dass er seine Erwartungen erfüllt. Es geht darum, dass er wieder zu gewinnen beginnt und so einige Matches in Serie spielt." Bei Monfils hätten sich aber die Prioritäten verschoben. "Er heiratet im Sommer. Tennis ist ihm nicht unwichtig. Doch es ist anders als vor ein paar Jahren."

Für Paris bereitete sich Monfils mit Roger Federer in Genf vor. "Wenn Federer in der Schweiz wo auftaucht, sind sofort die Menschen da. Das war perfekt. Trainingssätze vor vielen Leuten unter Matchbedingungen." 

"Das ist so, wie wenn ich in ein fremdes Schlafzimmer gehe. Da verrate ich nicht, wie es dort ausschaut. Das tut man nicht" - Günter Bresnik

Aber wie kann man sich das Coaching aus der Ferne vorstellen? Ruft da Monfils am Abend noch an, um zu berichten, wie der Aufschlag klappte und er mit Rogers Vorhand zurecht kam. "Nicht erst am Abend. Wir besprechen das mehrmals täglich." Wie gingen die Trainingssätze aus? Bresnik schmunzelt. "Das ist so, wie wenn ich in ein fremdes Schlafzimmer oder Badezimmer gehe. Da verrate ich nicht, wie es ausschaut. Das tut man nicht."

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