Sebastian Silbereisen und Florian Kogler nun fix zam

In der Pferdeschwemme des Finanzministeriums in Wien sattelten Türkis und Grün gestern Abend die Koalitionshengste. Christian Nusser nahm Stallgeruch auf.
Der bedeutendste Satz der gesamten Weihnachtszeit fiel gleich mehrfach und er ging so: "Ich werde auf der Brücke erwartet". Immer, wenn in einer der Folgen der TV-Serie "Das Traumschiff" jemand Florian Silbereisen zu einem etwas loseren Umgang mit den Arbeitsvorschriften überreden wollte, also etwa gemeinsam einen Aperol Spritz außerhalb von Tagesrandzeiten zu konsumieren, schraubte er sich so raus: "Ich werde auf der Brücke erwartet". Ich hege den Verdacht, dass dies auch einer der Gründe war, warum die Beziehung von Silbereisen mit Helene Fischer in die Brüche ging: einfach zu viele Brückentage.

Als gestern Abend auf ORF 2 die aktuelle Folge von "Das Traumschiff" zu Ende gegangen war und "Kreuzfahrt ins Glück" noch nicht begonnen hatte, dürften sich jedenfalls viele Österreicher die Augen gerieben haben. Nanu, die haben aber eine ziemliche Personal-Fluktuation auf der "MS Amadea". Schon wieder zwei neue Kapitäne an Bord. Da standen plötzlich Sebastian Kurz und Werner Kogler im Vollbild und es war keine Brücke zu sehen, auf der man erwartet werden konnte, obwohl es Großes zu verkünden gab: Türkis-Grün sticht tatsächlich in See.

"Manchmal öffnet sich eine Tür"



CommentCreated with Sketch.13 zu den Kommentaren Arrow-RightCreated with Sketch. Der Übergang vom "Traumschiff" zum neuen politischen Loveboat gelang dann nahtlos, zumal Silbereisen wirkte, als wäre er von der künftigen, österreichischen Regierungsspitze als Einklatscher engagiert worden. Beim Captains-Dinner am Ende der Folge haute er Sätze raus, die hätten auch von Kurz oder Kogler stammen können. "Ich habe auf dieser Fahrt erfahren, dass es nicht nur diesen einen Weg gibt." Oder aber: "Manchmal öffnet sich eine Tür, wo man nur eine Mauer gesehen hatte."

Die Tür öffnete sich gestern in der Wiener City tatsächlich, ohne, dass zuvor eine Mauer da gewesen wäre, sie war einfach nur geschlossen, ehe Sebastian Kurz und Werner Kogler um 21.50 Uhr – man sollte in solchen Situationen genau sein – die Pferdeschwemme betraten.

Man muss sich diesen Raum im Winterpalais in der Wiener Himmelpfortgasse nicht so vorstellen, als wären eben noch schnell tatsächlich Hengste und Stuten rausgetrieben worden. Nein, es handelt sich um einen recht schmucklosen Saal, etwas Stuck und mit indirekter Beleuchtung, weiß gekachelt, mit Parkettboden, in den man zwei Stehmikrofone vor eine weiße Tafel hingestellt hatte, auch die obligaten Fahnen von Österreich und der EU hatten den Weg hierher gefunden. Von der Straße her blinzelte die Leuchtreklame eines Souvenirladens durchs Fenster herein, "K & K Kuriositäten" heißt der Shop, "K & K" wie Kurz und Kogler. Witzig, oder?

Minimal kompromisslos



Vor den Mikros nahmen nun die beiden Parteichefs in Respektabstand voneinander Aufstellung. Kurz – mit Krawatte – wirkte wie immer sehr adrett, diesmal so als wäre ihm unterm Weihnachtsbaum ein neuer Anzug angemessen worden. Kogler – ohne Krawatte – wiederum, als wäre ihm genau das nicht passiert. Den Ärmeln seines tadellosen, grauen Anzugs fehlte an Länge, was das weiße Hemd zu viel davon hatte, es lugte gut zehn Zentimeter heraus und schaute umher wie ein neugieriges Ziesel aus seinem Bau.

PRESSESTATEMENT VON KURZ UND KOGLER ZUM NACHSEHEN

Es war, muss man zugeben, schon ein historischer Moment gestern Abend. Um 21.51 Uhr begann Kurz zu reden, nicht zu den Menschen freilich, den etwa 40 Journalisten und Fotografen also, die vor ihm standen, sondern zu den "Österreicherinnen und Österreichern", die daheim vor dem Fernseher saßen und zwischen den Traumschiff-Folgen wohl auf die obligate Pinkelpause verzichteten. Ich hoffe, da ist nichts Schlimmeres passiert, der Inhalt der Reden hätte es jedenfalls nicht gerechtfertigt. Kurz wünschte zunächst einmal ein gutes Neues Jahr.

Dann spannte er einen Bogen vom Wahlergebnis, über die schwierigen Verhandlungen, bis zum Koalitionspakt, zu dessen Verkündigung man sich hier versammelt hatte und den er – wenig überraschend – "sehr gut" fände. Man habe sich bei der Erarbeitung des Regierungsprogrammes nicht auf "Minimalkompromisse herunterverhandelt". Es sei "gelungen, das Beste aus beiden Welten zu vereinen. Was er meinte: Das Klima und die Grenzen zu schützen. Kogler zuckte mit keiner Wimper. Aus seinem Gesicht konnte man gar nichts ablesen. Silbereisen hätte das nicht besser hingekriegt.

Kogler macht die Raute



Nach etwa etwa fünf Minuten hatte Kurz fertig, Kogler übernahm. Er formte seine Hände zur Raute wie es Angela Merkel gerne tut, in sein Gesicht kam Bewegung. Auch er wünschte ein Gutes Neues Jahr, betonte dann, dass man es sich nicht leicht gemacht habe. "Aber wir sind auch nicht gewählt worden, um es uns leicht zu machen." Ach! Er wolle Österreich zum internationalen Vorbild beim Klimaschutz machen, es würde mehr Transparenz und Informationsfreiheit geschaffen werden. "Wir wollen eher einen gläsernen Staat als einen gläsernen Bürger." Darauf könnte man glatt sein Glas erheben, man bräuchte nicht einmal ein Captains-Dinner dafür.

Kurz stand daneben, seitlich gedreht, lächelte milde, er hatte die Hände gefaltet als würde Kogler einen Psalm aufsagen. Nach neun Minuten war alles vorbei, Fragen nicht zugelassen. Dann gingen die beiden aufeinander zu, schüttelten einander die Hände wie zwei Kapitäne, die eben erfolgreich den Kanal von Korinth passiert hatten. Abgang.

Lackmustest für Türkis-Grün



Heute werden K & K am Nachmittag das Regierungsprogramm präsentieren, auch die Ämterverteilung. Samstag muss Kogler den Pakt dann noch durch den Grünen Bundeskongress bringen. Schafft er das? Man weiß: Auf hoher See und in der Politik hat man sein Schicksal nicht in der Hand.

Nächste Woche soll die neue Regierung angelobt werden. Oder wie es Florian Silbereisen ausdrücken würde: Sie wird auf der Brücke erwartet.

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