Marie Kreutzer mischt Cannes mitten im Hauptbewerb der Filmfestspiele auf. Nach ihrem viel diskutierten Sisi-Film "Corsage" hat die steirische Regisseurin mit "Gentle Monster" wohl endgültig die Königsklasse erreicht. Und der Titel klingt süßlicher, als der Film tatsächlich ist: Kreutzer erzählt darin von zwei Frauen, die ihr Leben um Männer herum bauen, deren dunkle Seiten sie lieber verdrängen würden.
Im Film zieht Lucy (Léa Seydoux) nach dem Burnout ihres Mannes Philip sogar mit Kind aufs Land und steckt beruflich zurück. Polizistin Elsa (Jella Haase) kämpft gleichzeitig mit ihrem stressigen Job und der Pflege ihres dementen Vaters. Eine Geschichte über das Frausein, über Vertrauen und Täuschungen, über Liebe und Gewalt steht vor einer der größten Auszeichnungen in der Filmbranche.
Dass die Regisseurin keine Angst vor heiklen Themen hat, bewies sie schon mit "Corsage", der 2022 in Cannes lief und später wegen der Causa Teichtmeister für Schlagzeilen sorgte: Der inzwischen wegen Besitzes kinderpornografischer Inhalte verurteilte Burgtheater-Star Florian Teichtmeister spielte darin Kaiser Franz Joseph.
Beim Österreichischen Filmpreis 2023 sprach Kreutzer dann öffentlich über mehrere Übergriffe durch Männer aus der Branche – ohne Namen zu nennen, aber mit großer Wirkung: Die Debatte über Machtmissbrauch und MeToo im heimischen Filmgeschäft bekam dadurch neuen Auftrieb. Dass sie diese Themen weiter beschäftigen, zeigt auch ihr neuer Film "Gentle Monster": Die österreichisch-deutsch-französische Koproduktion erzählt von einem Künstlerpaar, dessen Beziehung durch die pädophilen Neigungen des Mannes erschüttert wird. Die Hauptrollen übernehmen Frankreich-Star Léa Seydoux und der Wiener Schauspieler Laurence Rupp. Seine Weltpremiere feiert der Film am 15. Mai in Cannes.
Die 1977 in Gleisdorf geborene Filmemacherin gilt längst als eine der spannendsten Regiestimmen Österreichs. Sie kann Arthouse genauso wie ORF-Landkrimi – und gewann erst kürzlich sogar den deutschen Fernsehkrimipreis. Während andere in Cannes vor allem auf rote Teppiche schielen, bringt Kreutzer lieber Filme mit, die weh tun. Genau dafür liebt sie das Festival inzwischen offenbar.