Polizei jagt Katzen-Killer, den es gar nicht gibt

Der grausame Serienmord an über 400 Haustieren hielt London vier Jahre lang in Atem. Jetzt ist der Fall nach einer Reihe von Ermittlungspannen gelöst.

Das Bild des Grauens war immer dasselbe: Die Katzen waren mit einem stumpfen Gegenstand erschlagen worden, oft fehlte der Schwanz oder der Kopf. Der sadistische Katzenmörder drapierte die verstümmelten Überreste der Samtpfoten an Straßenrändern, in Vorgärten, auf Pausenhöfen oder gar auf den Treppen von Häusern. Viele der Tiere waren zudem ausgeweidet worden – "Heute" berichtete.

Weil der Vorort im Süden Londons als "ground zero" der Tötungsserie angesehen wurde, bekam der Täter den Namen "Croydon Cat Killer". Die zuständigen Ermittler der eigens einberufenen Taskforce gegenüber der lokalen Presse: "Der Täter handelt, als wäre er selber ein Tier."

Damit waren sie der Lösung des mysteriösen Falls schon nahe. Sehr nahe. Doch die Polizei sollte vier Jahre lang ermitteln, bis der Durchbruch kam. Allerdings ohne Verhaftung.

"Jack the Rippurr"

Der britische "Telegraph" nannte den Fall eines der "rätselhaftesten Mord-Mysterien" der letzten Jahre. Das Boulevard-Blatt "The Sun" widmete dem Katzenkiller 2017 eine große Geschichte und bastelte aus dem englischen Wort für "schnurren" (to purr) und dem bekanntesten Serienmörder der englischen Geschichte den Titel "Jack the Rippurr".

Neue Dynamik kam in den Fall, als die BBC ein psychologisches Profil des Täters veröffentlichte, das von der National Crime Agency erstellt worden war. Beim Täter handelt es sich demnach mit großer Wahrscheinlichkeit um einen Mann um die 40, der mit den Morden eine schlechte Erfahrung mit einer oder mehreren Frauen verarbeitet. Deswegen habe er als Opfer weiblich wirkende Tiere wie Katzen gewählt. Kompletter Unsinn, wie sich später herausstellen sollte.

Kopfgeld von 10.000 Pfund

Zudem bestünden bei der Motivation Parallelen zwischen Serienmördern und Tierquälern, was die Art der Triebbefriedigung angehe. Es sei also auch nicht auszuschließen, dass der "Croydon Cat Killer" sich bald an Menschen vergehe: "He is likely to kill humans too", so der örtliche Polizeisprecher.

Dann gab es kein Halten mehr. Der Tierschutzverein People for the Ethical Treatment of Animals setzte ein Kopfgeld von 10.000 Pfund aus. Es gab Gottesdienste für die tierischen Opfer, Promis sprachen sich für die baldige Fassung des Täters aus, und die Boulevardpresse berichtete im Wochentakt.

Erstaunliche Ergebnisse

Umso eigenartiger ist, dass die Taskforce erst nach drei Jahren der Ermittlungen sich die forensischen Fakten genauer ansah. Das Ergebnis dieser Untersuchung wurde jetzt veröffentlicht: Für die Mordserie sei kein Mensch verantwortlich. Vielmehr setze sich der "Croydon Cat Killer" aus Autos und Wildtieren zusammen. Charles Darwin lässt grüßen. Demnach hatten sich Füchse an Katzenkörpern bedient, die zuvor bei der Auto-Unfällen ums Leben gekommen waren. Das spricht zwar nicht für die Fahrkünste der Briten, entlastet aber das Killer-Phantom, das nie existierte.

Der Fall wird seither als Paradebeispiel für "moral panic" gehandelt, eine Art Massenhysterie, die zu verstärkter sozialer Kontrolle führt. Und die Presse hat ein neues Fressen gefunden: Wie kann man die Haustiere vor der Bedrohung durch den Verkehr schützen?

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(lu/mat)

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