Wer Bizets Opernklassiker "Carmen" bei den Salzburger Festspielen noch sehen wollte, hat wohl Pech gehabt: Alle Vorstellungen sind restlos ausverkauft – und das vom morgigen Abend bis zum Ende der Aufführungsserie am 26. August. Kein Wunder: Mit Asmik Grigorian steht eine der derzeit gefragtesten Opernstars der Welt in der Titelrolle – und sie verspricht eine Carmen, die mit Klischees bricht.
Denn für Grigorian soll Carmen keine Legende sein, sondern vor allem eines: ein Mensch. "In dem Moment, in dem wir jemanden zu einer Idee machen, hören wir auf, die Person zu sehen", sagt die Sopranistin im "Heute"-Interview. Für sie ist Carmen eine Frau, "die sich selbst nicht verrät" – auch wenn sie den Preis dafür kennt. "Ich sehe das nicht als Leichtsinn. Ich sehe darin Integrität."
Dabei habe sich ihre Sicht auf die berühmte Opernfigur während der Proben ständig verändert. "Wenn Proben dich nicht verändern, warum probt man dann überhaupt?", sagt Grigorian. Statt mit fertigen Antworten verlasse sie den Probenraum lieber mit neuen Fragen. Genau dadurch sei ihre Carmen immer stärker geworden: "Sie wollte niemandem mehr etwas beweisen. Sie wurde in mir ruhiger – und dadurch stärker."
Die Geschichte selbst zählt zu den berühmtesten der Opernliteratur: Carmen verdreht dem Soldaten Don José den Kopf, macht ihn zum Deserteur und schließlich zum Mörder. Als sie sich dem gefeierten Stierkämpfer Escamillo zuwendet, endet die obsessive Liebe in einer Tragödie. Doch hinter der leidenschaftlichen Handlung steckt weit mehr als eine klassische Eifersuchtsgeschichte.
Carmen lebt kompromisslos nach ihren eigenen Regeln. Sie liebt, wen sie will – und geht, wenn sie nicht mehr bleiben möchte. Genau diese Unabhängigkeit machte die Figur schon bei ihrer Uraufführung 1875 zum Skandal. Don José hingegen versteht Liebe als Besitz. Der Zusammenprall dieser beiden Weltbilder führt unaufhaltsam in die Katastrophe.
Die neue Inszenierung der belgisch-argentinischen Regisseurin Gabriela Carrizo blickt tief in die Psyche der Figuren. Statt Carmen als bloßen Mythos zu zeigen, rückt sie ihre Beweggründe ebenso in den Mittelpunkt wie jene von Don José. Auch das gesellschaftliche Umfeld, familiäre Prägungen und Rollenbilder spielen eine entscheidende Rolle.
Grigorian möchte dem Publikum keine fertige Interpretation liefern. Im Gegenteil: "Ich hoffe nicht, dass die Zuschauer MEINE Carmen entdecken. Ich hoffe, dass sie IHRE Carmen entdecken."
Für sie ist genau das die Aufgabe von Kunst. "Wenn Menschen das Theater verlassen und darüber diskutieren, weil sie eine völlig unterschiedliche Frau auf der Bühne gesehen haben, dann haben wir etwas richtig gemacht. Kunst soll den Menschen nicht sagen, was sie denken sollen. Sie soll sie fühlen lassen und Fragen aufwerfen."
Vielleicht ist genau das das Geheimnis hinter dem enormen Ansturm auf die Produktion: Eine Carmen, die keine Legende sein will, sondern eine Frau aus Fleisch und Blut. Oder, wie Asmik Grigorian sagt: "Wenn Carmen für einen Abend aufhört, ein Mythos zu sein, und einfach ein Mensch wird, dann hat die Musik ihre Arbeit bereits getan."