Sechs Wochen lang hat der Iran die fossile Weltwirtschaft in Geiselhaft gehalten. Jetzt, nach einer vorübergehenden Waffenruhe zwischen Israel und Libanon, soll die Straße von Hormus (unter Bedingungen) wieder geöffnet werden. Das Öl könnte wieder fließen – doch "es wird Monate dauern, bis die vollständige Versorgung wiederhergestellt ist", heißt es aus der Luftfahrtindustrie mit Blick auf die beschädigten Raffinerien in der Golfregion. Airlines schlagen wegen des sich anbahnenden Kerosin-Engpasses Alarm.
Ist die Öffnung der wichtigen Ölhandelroute ein Zeichen, dass alles gut wird? "Ich glaube nicht. Was wir erleben, ist ein Ausdruck der Volatilität an den Märkten", sagt Energiemarkt-Experte Johannes Benigni Freitagnacht in der ZIB2. "Man bezeichnet das auch TACO-Trade – Trump always chickens out" (zu Deutsch: Trump macht immer einen Rückzieher).
Die positiven Signale dürfen man nicht missachten, jedoch habe sich an der Krisenlage noch nichts verändert. Benigni zweifelt deshalb an, dass nun wieder alles ins Lot gekommen ist: "Man hat eine gewisse Annäherung, aber in den hardcore Fragen gibt es noch keine Bewegung: Man hat keine Lösung für das Nuklearmaterial, für die Hisbollah und sowohl die Hardliner bei den iranischen Revolutionsgarden als auch Benjamin Netanjahu sind verhärtet in ihren Positionen." Er rechnet deshalb nicht damit, dass es bald wirklich zu einer dauerhaften und umfassenden Öffnung der Straße von Hormus kommt.
Während Teheran scheinbar Gutwill signalisiert, bleibt die US-Marine bei ihrer Blockade aller Schiffe mit iranischem Quell- oder Zielhafen. Ob das Auswirkungen auf die Ölkrise weltweit hat? "Nein", konstatiert Benigni. Der Iran liefere nur etwa eine Million Barrel täglich aus, "das ist zwar nett, ändert in der großen Rechnung nicht so viel. Wenn der Iran wegfallt, ist das nicht das große Malheur." Der Löwenanteil der Exporte geht auf die arabischen Staaten zurück.
Auch wenn es jetzt sofort zu einer vollständigen Öffnung kommt, ist die Energiekrise so bald nicht ausgestanden. Zwar könnte wieder Rohöl verschifft werden, bis die Tanker ankommen, braucht es aber Zeit. "Das dauert relativ langer." Ebenso wie die Reparatur der ebenfalls bedeutenden Raffinerien im Nahen Osten. Benigni spricht von "Monaten bis ein Jahr": "Die Preise werden anfänglich heruntergehen, aber es wird schwer sein, dass das Bestand hat. Die fehlenden Volumina sind einfach nicht da. Der Markt kann nicht sehr viel nach unten gehen, solange das Volumen nicht kommt." Besonders betroffen ist dabei Kerosin, da der Flugtreibstoff in großem Teil im Nahen Osten produziert wurde. "Das hat uns an einem wunden Punkt erwischt."
Verschärfen die Russland-Sanktionen die Energiekrise? Nein, denn die russischen Exporte finden auf dem Weltmarkt weiter Abnehmer. "Insofern verschärft das gar nix. Das ist nicht die Sorge", hält der Energiemarkt-Experte im ORF fest. Nachsatz: "Kritischer ist es im Gas-Bereich". Russland könne gar nicht so viel Flüssiggas herstellen, wie es zuvor über Pipelines schicken konnte. Weil Europa derzeit aber kein bzw. kaum Pipeline-Gas aus Russland beziehe, könne man auch nicht den Ausfall von Katar dadurch kompensieren – "und das tut weh".