Das Jahr nach Ibiza: Von Ermittlungen und Gewinnern

Vor einem Jahr erschütterte ein Polit-Skandal die Republik, dessen Auswirkungen bis heute spürbar sind. Ein Blick zurück.
von
Lukas Urban

Der Abend des 17. Mai 2019 war eigentlich unspektakulär. Mildes Wetter, ruhige Nachrichtenlage. Alles schien auf ein entspanntes Wochenende hinzudeuten. Aber es kam alles anders. Denn um Punkt 18 Uhr veröffentlichten "Süddeutsche Zeitung" und der "Spiegel" in Deutschland Berichte, die die österreichische Innenpolitik erschüttern sollten. Wenige Minuten danach folgte eine Geschichte des "Falter", der bei den Recherchen geholfen hatte.

Polit-Karriere im Urlaub versenkt

Es ging um einen Sommerabend im Jahr 2017 auf der Party-Insel Ibiza. Um FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache und dessen rechte Hand Johann Gudenus. Um eine russische Oligarchennichte. Um Wodka Red Bull. Um dubiose Vereinskonstruktionen zur Spendenakquise. Um den Verkauf der "Kronen Zeitung".

Es war eine Falle. Die attraktive Dame: eine Darstellerin. Ihr Begleiter: ein deutscher Privatdetektiv mit zwielichtiger Vergangenheit. Die vermeintliche Oligarchenvilla: ein Airbnb-Domizil, das bei Tageslicht gar nicht einmal so beeindruckend aussieht und obendrein mit Mikrofonen und Kameras verwanzt. So entstand an einem gut siebenstündigen Abend das Material für das "Ibiza-Video". Die Ermittlungen um die Hintergründe – es dürften neben dem Detektiv auch ein Wiener Anwalt und ein Ex-Bodyguard Straches beteiligt sein – beschäftigt bis heute die "Soko Tape" beim Bundeskriminalamt. Es gilt die Unschuldsvermutung.

Die Verlierer

Am nächsten Tag, einem plötzlich sehr turblenten Samstag, tritt Strache vor die Presse, spricht von einer "b’soffenen Gschicht" und tritt als Vizekanzler der Republik Österreich sowie als FPÖ-Chef zurück. In diesem Moment flankieren ihn Herbert Kickl und Norbert Hofer. Heute haben sie in der FPÖ das Sagen und kein gutes Wort für Strache über.

Heute sagt Strache, der Rücktritt von der FPÖ-Spitze sei ein Fehler gewesen. Er sieht sich als Opfer eines "politischen Attentats", will die Hintermänner des Videos entlarven. Ibiza zog einen ganzen Rattenschwanz an weiteren Anschuldigungen nach sich. Mandatskauf, FPÖ-Spesen für Privatausgaben, Postenschacher bei den Casinos Austria. In allen Ermittlungsverfahren – mehr als 30 laufen in Folge der Affäre – gilt die Unschuldsvermutung. Mit seinem neuen Vehikel "DAÖ" will Strache im Herbst Wiener Bürgermeister werden. Umfragen sehen ihn derzeit bei maximal 5 Prozent. Wesentlich ruhiger verhielt sich Johann Gudenus in der Zwischenzeit. Er trat aus der FPÖ aus, wurde Vater und betätigt sich als Geschäftsmann.

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Die Gewinner

Einer der Gewinner der Ibiza-Affäre war wohl Bundeskanzler Sebastian Kurz (ÖVP). Zwar wurde er im Sommer 2019 von SPÖ, FPÖ und Liste Pilz per Misstrauensvotum mitsamt seiner Regierung aus dem Amt befördert, kehrte aber nach der Wahl im Herbst mit einem Ergebnis von 37,5 Prozent (eine Steigerung von 6 Prozent gegenüber 2017) zurück. Ein anderer Gewinner: die Grünen. Parteichef Werner Kogler führte die Ökos nach dem Rausflug im Jahr 2017 wieder in den Nationalrat und zur ersten Regierungsbeteiligung auf Bundesebene.

Die Recherche zum Ibiza-Video der "SZ" und des "Spiegel" wurde indes mit dem Deutschen Reporterpreis, dem Sonderpreis für Investigation bei der Wahl zum "Journalist des Jahres" in Österreich und dem Nannen-Preis in der Kategorie "Beste investigative Leistung" ausgezeichnet. Motive wie Gudenus, der mit seinen Fingern eine Pistole andeutet, um das Wort "Glock" zu verdeutlichen, finden sich auf T-Shirts, Tassen und Kappen. Der deutsche Satiriker Jan Böhmermann und der Regisseur David Schalko arbeiten an einem Film zur Ibiza-Affäre.

Strache wähnte sich auf dem Höhepunkt seiner Macht. Und dann ging doch alles "zack, zack, zack".

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Heinz-Christian StracheIbizaFPÖ

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