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Demonstranten erobern Taksim-Platz zurück

Heute Redaktion
14.09.2021, 15:54

Nach der Stürmung des Instanbuler Taksim-Platzes Dienstagfrüh haben sich die Einsatzkräfte der Polizei am Abend wieder zurückgezogen. Zuvor hatten Spezialeinheiten Tränengas und Wasserwerfer eingesetzt. Die Demonstranten leisteten ihrerseits Widerstand und marschierten am Abend wieder auf dem zuvor geräumten Taksim-Platz auf.

Tausende Anhänger der neuen türkischen Protestbewegung sind am Dienstagabend zum Taksim-Platz im Zentrum von Istanbul marschiert. Die Polizei, die kurz zuvor noch mit Wasserwerfern und Tränengas-Granaten gegen die Regierungsgegner vorgegangen war, wich zurück.

Die Beamten zogen sich nach Angaben eines dpa-Reporters mit Wasserwerfern auf eine Seite des Platzes zurück. Die Demonstranten folgten einem Aufruf der Taksim-Plattform, die scharfe Kritik am gewaltsamen Vorgehen der Polizei übte.

Am Montagabend hatte Erdogan noch Gespräche mit Vertretern der Besetzer angekündigt. Dienstagmittag forderte er die Demonstranten auf, den besetzten Gezi-Park im Herzen Istanbuls zu räumen. Es werde keinerlei Toleranz mit "illegalen Demonstrationen" mehr geben. Die Drohung wurde schließlich von den Spezialeinheiten der Polizei wahrgemacht.

Taksim-Platz in der Früh gestürmt

Bereits in der Früh rückten Polizeikräfte auf den Taksim-Platz vor. Unter anderem setzten die Spezialeinheiten massiv Tränengas ein. Bagger räumten unter Polizeischutz Barrikaden, die die Platzbesetzer zuvor aus Metallteilen einer Großbaustelle am Taksim-Platz, aus von der Polizei zurückgelassenen Absperrzäunen und bei Straßenkämpfen demolierten Autos errichtet hatten.

Die Polizei feuerte dann Tränengas gegen Demonstranten. Auf die Wasserwerfer wurden aus den Reihen der Demonstranten auch Brandsätze geworfen. Zunächst rückten die Einsatzkräfte noch nicht gegen den Gezi-Park vor. Die Auseinandersetzungen zwischen Regierungskräften und Demonstranten dauerten bis zum Abend an. Schließlich zog sich die Polizei wieder vom Taksim-Platz zurück und überließ des Protestteilnehmern erneut den Platz.

Plakate müssen entfernt werden

Istanbuls Gouverneur Hüseyin Avni Mutlu appellierte an die Protestierenden, sich von Provokateuren fernzuhalten. Mutlu zufolge sollen die Protestierenden auf dem Parkgelände unbehelligt bleiben. Einziges Ziel sei es, auf dem Taksim-Platz "alle Plakate und Schilder zu entfernen", schrieb der Gouverneur auf Twitter. "Wir werden weder den Gezi-Park und Taksim-Platz noch euch anrühren", versicherte er. Nach Entfernung der Banner hängten Polizisten eine türkische Fahne und ein Porträt des Staatsgründers Mustafa Kemal Atatürk an die Außenwand des Gebäudes.

Polizisten im Zwiespalt

"Jeder Platz ist Taksim, jeder Platz Widerstand", riefen dagegen die Demonstranten und warfen Steine und Molotowcocktails auf die Einsatzkräfte. Die Polizisten appellierten über Lautsprecher, die Angriffe einzustellen: "Liebe Gezi-Freunde. Wir sind unglücklich über die Situation. Wir wollen nicht eingreifen. Wir wollen niemanden verletzen. Bitte zieht euch zurück."

Der Tourismus-Student Burak Arat schlief nach eigenen Angaben im Gezi-Park, als nebenan der Polizei-Einsatz begann. "Wir werden kämpfen, wir wollen Freiheit", sagte der 24-Jährige der Nachrichtenagentur AFP, bevor er sich zum von Tränengaswolken eingehüllten Taksim-Platz begab. Die Polizei war am frühen Morgen vom Stadtteil Besiktas aus vorgerückt, als nur noch einige Tausend Demonstranten auf dem Platz im Herzen Istanbuls ausharrten.

Restaurantbesitzer schlossen Gäste in Lokalen ein  

Am Vorabend hatten sich auf dem Platz und im Zentrum der türkischen Metropole erneut tausende Menschen versammelt, um gegen den als autoritär empfundenen Regierungsstil von Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan und unverhältnismäßige Polizeigewalt selbst gegen friedliche Demonstranten zu protestieren.

In Ankara wurde die Menge dann in der Nacht von den Sicherheitskräften mit Tränengas auseinandergetrieben. Der Großteil der Demonstranten ergriff daraufhin die Flucht, Restaurantbesitzer schlossen sich und ihre Gäste in ihren Lokalen ein.

Erdogan sieht Ende der Toleranz

Erdogan ließ ankündigen, dass "illegale Demonstrationen in der Türkei nicht mehr toleriert werden". Zuvor hatte Erdogan bereits gewarnt, dass Unruhestifter für ihr Verhalten "einen Preis zahlen" würden.

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