Immer öfter schlägt dem medizinischen Personal im Spital blanke Aggression entgegen. Pflegekräfte und Ärzte berichten von Beschimpfungen, Drohungen und sogar körperlichen Übergriffen im Arbeitsalltag. Besonders betroffen sind Mitarbeiter mit Migrationsgeschichte. Vor allem weibliche Pflegekräfte geraten immer wieder ins Visier wütender Patienten oder deren Angehöriger.
Eine Mitarbeiterin der HNO-Ambulanz der Barmherzigen Brüder in Graz schildert in der "Kleinen Zeitung" einen aktuellen Vorfall: "Erst gestern hatten wir im Spätdienst so einen Fall", erzählt Bärbel Reiter. "Der Patient war enorm ungeduldig, zuerst hat er unser Haus massiv beschimpft, mit Wörtern, die will ich gar nicht wiedergeben. Und dann hat er einfach vor mich hingespuckt."
Auch ihre Kollegin Valentina Salihi kennt solche Situationen nur zu gut. Ihr wurden sogar Gegenstände ins Gesicht geworfen. "Der Patient hat sich dann umgedreht und ist mit den Worten 'den Termin können Sie sich sonst wohin schieb‘n' aus der Ambulanz gestürmt", erzählt sie der Tageszeitung.
Laut der ärztlichen Leiterin Marianna Stettin haben solche Vorfälle spürbar zugenommen. "Ja, wir sehen eine Verstärkung dieser Aggressionen", sagt sie gegenüber der "Kleinen Zeitung". Immer öfter seien Mitarbeiter mit rassistischen Beschimpfungen konfrontiert.
Vor kurzem eskalierte eine Situation besonders stark: Ein älterer Patient beschimpfte eine Pflegekraft mit Hijab noch im Wartebereich massiv rassistisch. Versuche, den Mann zu beruhigen, scheiterten. Am Ende musste ein Hausverbot ausgesprochen werden, berichtet am Montag die "Kleine Zeitung".
Die betroffene Pflegekraft wollte den Vorfall selbst nicht öffentlich machen. "Der Kollegin war das unangenehm, sie wollte keine große Sache draus machen", sagt Stettin. "Aber es ist eine große Sache", heißt es in dem Bericht weiter.
Im Spital wird deshalb über zusätzliche Maßnahmen zum Schutz der Mitarbeiter nachgedacht. Eine Ombudsstelle steht zur Diskussion. Schulungen zur Deeskalation gibt es bereits. Auch Angebote zur Stärkung der psychischen Widerstandskraft werden angeboten.
Viele Betroffene versuchen dennoch, die Angriffe im Alltag auszublenden. "Normalerweise prallt das ab", erzählt eine Pflegekraft. "Wir spannen den Regenschirm auf und lassen den Regen draufprasseln." Doch auch rassistische Beschimpfungen gehören zum Alltag. Eine Patientin beschwerte sich lautstark über eine Wartezeit und erklärte, sie müsse als Österreicherin sofort drankommen. Die "Ausländer hätten das Land schon lange genug ausgesaugt", soll sie gesagt haben.
Als die Pflegekraft erklärte, dass nach Dringlichkeit behandelt wird, hörte die Frau nicht auf. Schließlich reagierte die Mitarbeiterin anders. "Dann habe ich die Maske etwas runtergenommen und gesagt, ich sei selbst Ausländerin", erklärt sie gegenüber der "Kleinen Zeitung". Die Patientin entgegnete darauf nur, sie gehöre ja nicht zu "denen". Auslöser für Konflikte sind laut Spitälern häufig lange Wartezeiten. Auch Alkohol oder Drogen spielen immer wieder eine Rolle. Dazu kommen Diskussionen rund um Besuchszeiten.
Am LKH Graz werden solche Vorfälle seit Jahren systematisch erfasst. Mitarbeiter können Übergriffe über ein internes Online-Meldetool dokumentieren. Dabei wird unterschieden, ob es sich um verbale oder körperliche Gewalt handelt. 2025 wurden 76 Vorfälle von Mitarbeitern gemeldet, weitere 68 vom Sicherheitspersonal. Seit 2024 ist Security rund um die Uhr in der Notaufnahme stationiert.
Schwere körperliche Übergriffe seien zuletzt etwas zurückgegangen. Dennoch bleibt die Lage angespannt. Deshalb werden regelmäßig Schulungen angeboten, um aggressive Situationen frühzeitig zu entschärfen. Zusätzlich gibt es stille Alarmknöpfe auf den Telefonen, mit denen Mitarbeiter rasch Hilfe holen können. Auch eine Umfrage unter steirischen Spitalsärzten zeigt, wie verbreitet das Problem ist: Fast zwei Drittel berichten von verbaler Gewalt im Job. Ein Viertel sagt, bereits körperliche Angriffe erlebt zu haben.
Eine Pflegekraft bringt in der "Kleine Zeitung" am Ende auf den Punkt, was sich viele im Spital wünschen: "Wenn ich mir etwas von den Patienten wünschen könnte, dann wäre das Höflichkeit und Umsicht. Wir wissen, dass Menschen in einer Ausnahmesituation sind, wenn sie in ein Spital kommen. Aber sehr oft haben wir Patienten zu versorgen, die vielleicht unsere Hilfe gerade dringender notwendig haben."