Die gängigsten Vorurteile gegen Flüchtlinge

Flüchtlinge sind zahlreichen Vorurteilen ausgesetzt.
Flüchtlinge sind zahlreichen Vorurteilen ausgesetzt.Bild: Franz Neumayr
Das Thema Flüchtlinge und Asylwesen ist zu einem der emotionalsten und bestimmendsten in Österreich geworden. Ein Faktencheck.

Während großteils eine sachliche Diskussion über das Flüchtlingsthema herrscht, sind Medien mit Vorurteilen in Kommentaren und Reaktionen konfrontiert. Die häufigsten Vorurteile haben wir uns angesehen. Folgende Fragen wurden am öftesten von Usern veröffentlicht.

"Warum sind auf Flüchtlings-Fotos nur Männer, keine Frauen und Kinder zu sehen?"

Schlepper verlangen Unsummen dafür, Flüchtende in andere Länder zu bringen - unter teils lebensgefährlichen, sogar tödlichen Bedingungen bei der Fahrt. Oft legen Familien für die Schlepper ihr gesamtes Hab und Gut zusammen und schicken jenes Familienmitglied los, das einerseits die besten Überlebenschancen hat und andererseits in einem sicheren Land am ehesten dazu fähig ist, eine neue Existenz aufzubauen.

Der Vorwurf des "im Stich Lassens" ist fehl am Platz. Frau und Kinder bleiben oftmals in Massenflüchtlingslagern zurück. Der Traum der Flüchtlinge ist, später mit dem angesparten Geld, das vorher für die Flucht der anderen Familienmitglieder gefehlt hat, die Familie auf einem sicheren Weg nachholen zu können. In der Realität ist dies aber kaum verwirklichbar, die wenigsten Betroffen schaffen dies.

"Warum hat jeder Flüchtling ein Handy?"

Sündteure Handys, geschenkt vom Staat auf Steuerzahlerkosten - das ist ein Mythos, der sich bei vielen beharrlich hält. Die Realität sieht gänzlich anders aus. Flüchtlinge besorgen sich die Handys, wenn sie nicht bereits vorher vorhanden sind, für ihre Flucht, denn sie sind der einzige Weg, mit ihren Liebsten in Kontakt zu bleiben und die oftmals gefährliche Fahrt aus den Krisengebieten schaffen zu können.

Vielfach herrscht auch die Mär - auch in Bezug auf gut gekleidete Flüchtlinge - dass diese in Österreich alles geschenkt bekommen würden. Obwohl es gerne behauptet wird, entspricht das nicht der Wahrheit. Flüchtlinge müssen nicht arm sein (zumindest in dem Ausmaß, dass sie sich nicht ein Smartphone leisten können). Viele flüchten nicht aus Geldnot, sondern weil es in ihren Heimatländern zu gefährlich wird. Weil sie weg vom Krieg oder Verfolgung und nicht mehr um ihr Leben fürchten wollen.

"Warum sind sie so faul und gehen nicht arbeiten?"

Solche Fragen werden detailliert vom Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen UNHCR beantwortet. Viele Flüchtlinge und generell Asylsuchende wollen während ihres Asylverfahrens arbeiten - schließlich geht es für sie nicht zuletzt darum, sich finanziell um ihre Familien zu kümmern. Die Behauptung, sie seien faul, liegt meilenweit von der Wahrheit entfernt. Im Großteil der Fälle dürfen sie einfach nicht arbeiten, sagt das Asylgesetz.

Für Asylsuchende ist es laut "UNHCR" in Österreich aufgrund der rechtlichen Lage kaum möglich, eine Arbeitsbewilligung zu bekommen". Annehmen dürfen sie gemeinnützige Tätigkeiten, was auch in vielen Fällen passiert. Arbeiten dürfen Betroffene schließlich erst, wenn ihr Asylverfahren postiv abgeschlossen wurde. Bis dahin kann es Jahre dauern. Im Arbeitsleben Fuß zu fassen, stellt dann in der Realität aber eine überaus schwierige Aufgabe dar.

"Warum werfen sie mit Essen, wollen nur Geld und können nur fordern?"

Immer wieder werden Fälle weiterverbreitet, in denen sich Asylwerber und Flüchtlinge "undankbar" zeigen würden. Gerne bemüht wird hier ein Fall, wo Flüchtlinge mit Essen und sich geworfen und Geld gefordert haben sollen. Abseits davon, dass viele dahingehende Berichte nicht der Wahrheit entsprechen, ist eine Verallgemeinerung auf "alle Flüchtlinge" einfach nur Angstmache vor Fremden.

Unbestritten ist, dass es solche Fälle tatsächlich geben mag. Dabei dürfen aber nicht die Hintergründe außer Acht gelassen werden. Speziell Kriegsflüchtlinge, die mit Folter, Vergewaltigung, Mord, Vertreibung und Verfolgung konfrontiert waren, sind schwer traumatisiert. Bei einer Unterbringung in Österreich in Massenunterkünften auf engstem Raum mit Menschen unterschiedlichster Kulturen und einer fehlenden privaten Aussichten ist eine psychologische Ausnahmesituation nachvollziehbar. In solchen Fällen von "Undankbarkeit" zu sprechen, ist meist die Folge von Unwissenheit.

"Warum bekommen Flüchtlinge so viel Geld/mehr Geld als Österreicher?"

Die kurze Antwort ist: bekommen sie nicht. Asylsuchende ohne Geld und Arbeit bekommen die "Grundversorgung", aber keine Mindestsicherung, keine Familienbeihilfe, kein Kinderbetreuungsgeld. Bei der "längeren Version" unterscheidet man zwei Versorgungsmodelle. Asylwerber, die selbstständig wohnen, bekommen monatlich maximal 320 Euro, müssen damit alle Kosten wie Miete, Heizung, Strom und Essen zahlen.

Bei Asylsuchenden, die in organisierten Unterkünften leben, in denen auch für Essen gesorgt wird, bekommen sie 40 Euro pro Monat ausbezahlt. Andere Geldzahlungen gehen an den Unterkunftgeber für Miete, Versorgung und ähnliches. In keinem Fall bekommen sie mehr als ein Österreicher - hier liegt die Mindestsicherung bei maximal 795 Euro. Bei einer fünfköpfigen Familie (Mutter, Vater und drei minderjährige Kinder) bekommt die österreichische Familie laut "UNHCR" mindestens 2.200 Euro, die ausländische Familie 910 Euro monatlich.

Asylberechtigten schließlich, also Personen, die einen positiven Asylbescheid bekamen, stehen die gleichen Sozialleistungen wie allen anderen Österreichern zu. Hier wird politisch aber ebenfalls an einer Kürzung für Ausländer gearbeitet und diese wurde teils bereits umgesetzt.

"Warum wird Österreich mit Asylsuchenden überschwemmt?"

Von einer "Überschwemmung" kann keine Rede sein. 2014 gab es laut "UNHCR" insgesamt rund 22.700 offene Asylverfahren. Innerhalb der vergangenen fünf Jahre haben haben jährlich zwischen 11.000 und 17.500 Menschen um Asyl angesucht. 2015 waren es nach Auskunft des Innenministeriums 88.340 Personen auf der Höhe der Flüchtlingkrise, 2016 hat sich die Zahl mit 42.073 mehr als halbiert. 2017 ist ein weiterer Rückgang zu verzeichnen, bis Ende Oktober wurden 21.130 Anträge gezählt. Zudem wird nur ein Teil zum Asylverfahren überhaupt anerkannt.

Dazu zwei Vergleiche: Erstens - 1956 nahm Österreich über 170.000 Menschen während der Ungarn-Krise und in den 90er Jahren 90.000 Menschen im Bosnien-Krieg auf. Im zweiten Vergleich zeigt die "UNHCR", was tatsächlich eine horrend hohe Zahl an Flüchtlingen wäre: Im Flüchtlingslager Dadaab in Kenia befinden sich zeitweise über 350.000 Menschen.

"Warum nehmen wir in Österreich jeden Asylsuchenden auf?"

Bei jeder Person, die in Österreich einen Asylantrag stellt, wird untersucht, ob Österreich oder ein anderes Land für den Asylantrag zuständig ist. In einem inhaltlichen Verfahren wird dann festgestellt, ob Asylgründe vorliegen - dies kann bis zu mehrere Jahre dauern. Das Innenministerium legt eine Statistik für 2013 vor: Von 16.675 rechtskräftigen Asylentscheidungen waren 4.133 positiv. Nur ein Teil bekommt also tatsächlich Asyl. 2016 wurden von 63.176 Asylanträgen 26.517 positiv angenommen, 25.487 abgelehnt.

"Das sind doch alles nur Wirtschaftsflüchtlinge?"

Falsch: Die meisten Asylanträge werden von Personen gestellt, deren Heimatländer unter Krieg leiden oder in denen die Betroffenen Angst um ihr Leben haben müssen beziehungsweise Verfolgung und anderen Formen der Gewalt ausgesetzt sind. Laut Innenministerium kamen Asyl-Erstanträge 2014 vor allem von Menschen aus Syrien und Afghanistan sowie der Russischen Föderation. Sie machten mehr als die Hälfte aller Asylsuchenden aus.

2016 stammten die meisten Asylgesuche von Syrern, Irakern und Afghanen. Bei Syrern wurden 95 Prozent der Anträge zum Verfahren zugelassen, bei Irakern und Afghanen waren es 25 bzw. 29 Prozent. Wenn Asylgründe wie Verfolgung oder andere Formen der Bedrohung nicht vorliegen und in den Herkunftsländern der Betroffenen keine Gefahr droht, wird kein Asyl gewährt. (rfi)

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