Die Klima-Tschopperln vom Heldenplatz

Bis zu 30.000 Schüler gingen in Wien fürs Klima auf die Straße. Von Erwachsenen werden sie seither dafür verspottet und klein geredet. Zu Recht?
Dachten unsere Eltern damals eigentlich auch so über uns? Redeten sie mit uns auch so von oben herab? Sahen sie in uns auch solche Würschteln? Nach dem „Klimastreik" habe ich mir viele Kommentare durchgelesen, auf Twitter, auf Facebook, in Foren und in Zeitungen und das hat mich erstaunt. Vielerorts werden die Schüler als Tschopperln dargestellt, als Ahnungslose, Verblendete, Verpeilte. Als süße Naivlinge, die globalisierte Energydrinks konsumieren, Starbucksbecher halten und auf iPhones starren, während sie Klimaschutz einfordern.

Man möge die Klimarettung den Profis überlassen, richtete ein Politiker der Jugend aus. Schüler sollten in die Schule gehen, etwas lernen. Sie sollten sich vor Augen halten, dass ihre Designerklamotten und ihre Handys nicht vom Himmel fielen, sondern klimaschädlich von weit her kämen und es sollte ihnen bewusst sein, dass sie Urlaubsflüge nach Thailand oder Florida ja doch auch chicer fänden als etwa zum Paddeln an den Neusiedler See zu fahren.

Trotteln und kleine Scheißer

So stand es zwar nicht da, aber so war es wohl gemeint: Lauter naive Trotteln und kleine Scheißer, unfähig, weiter zu denken als bis zum Smartphonerand. Die wollten einfach Spaß haben, schulfrei, eine Gaudi, die sind ja noch so jung und so unreif und so blöd, was wissen sie schon vom Leben? Mir war nicht bewusst, dass Eltern so über ihre Kinder denken. Oder meinen sie damit immer den Nachwuchs der Nachbarn, den eigenen finden sie ohnehin ganz okay, ein bisschen handysüchtig halt. Eltern, die aufs Smartphone starren, verurteilen Kinder, die aufs Smartphone starren.

Natürlich hat das alles zwei Seiten, mindestens. In der „Zeit" las ich ein interessantes Streitgespräch zwischen drei klimaschützenden Kindern und Eltern. Die Erwachsenen (eine Hebamme, ein Kinderpsychiater) warfen sich ziemlich in den Staub. „Papa, fühlst du dich schuldig?" fragte ein Mädchen gegen Ende hin. „Ja. Das ist ein Scheißgefühl", antwortete der Papa, wohl damit der Zorn der Nachkommenschaft sich nicht zu unbändig über ihm entlädt und mutmaßlich auch ein bisschen anbiedernd in vermeintlicher Jugendsprache. Schließlich stellte sich heraus, dass das Mädchen, das die Eltern am härtesten in die Mangel genommen hatte, sich jeden Tag mit dem Auto in die Schule bringen und abholen lässt.

CommentCreated with Sketch.126 Kommentar schreiben Arrow-RightCreated with Sketch. „Ha", werden jetzt viele sagen, „ertappt. Wasser predigen, aber Wein trinken". Mag sein, aber war das früher anders? Jugend darf das, impulsiv sein, rebellisch, in sich widersprüchlich, fordernd. Magistratsbeamte können dann alle später immer noch werden.

Meine erste Demo

Ich muss etwas ausholen. Als Schüler war ich nie auf einer Demo. Ich wollte schon, aber so etwas gab es damals in Kärnten noch nicht. Ich glaube, Demos waren zu dieser Zeit schon erfunden, aber wir wussten es nicht. Wir hatten ja kein Internet und kein WhatsApp.

Wenn ich mich genau erinnere, war ich doch auf einer Demo, zumindest so in der Art. Am 24. März 1982, ein Mittwoch übrigens, verschwand ich am späteren Vormittag aus der Schule, unentschuldigt. Ein paar meiner Klassenkollegen gingen mit mir, wir waren alle wild entschlossen, hatten Plakate in der Hand und ein paar Gerätschaften dabei, um Lärm zu erzeugen, aber einige Schüler verließ der Mut schon nach ein paar Metern und sie kehrten aus Angst um, es war schließlich Maturajahr.

Ich aber ging vorneweg, den Kopf erhoben, schnurstracks hinein in die Klagenfurter Stadthalle. Dort spielte Österreich gegen Polen in der Eishockey-B-WM, wir gewannen 6:5, ohne mich hätte es vielleicht nur zu einem Unentschieden gereicht. Am Ende war das zwar egal, denn die DDR gewann die B-Weltmeisterschaft und wir wurden nur Zweiter, aber immerhin: Ich hatte mich für das Land aufgeopfert, stimmlich zumindest.

So ähnlich argumentierte ich mein unentschuldigtes Fernbleiben auch in der Schule, damals war das noch etwas, was sich im Zeugnis übel niederschlagen konnte, aber alles ging gut aus (außer für die Chinesen vielleicht, die stiegen ab). So knapp vor der Matura wollte die Schule wohl keinen Wickel (oder ortsüblicher ka Wickale) und wir einigten uns darauf, dass meinem Abgang in die Stadthalle ein „kommunikatives Missverständnis" zugrunde gelegen war. „Kommunikatives Missverständnis" - bitte was hätte ich anderes werden können als Journalist?

Gegen Wettrüsten und Hainburg

In Wien dann war ich auf ein paar Demos, nicht auf vielen, denn ich mag eigentlich keine Menschenansammlungen, meine Definition davon ist mehr als fünf Personen. Für mich ist das viel, für eine Demo eine recht bescheidene Teilnehmerzahl. Aber ich war dabei, als am 22. Oktober 1983 in Wien 100.000 für den Frieden auf die Straße gingen, in der Hainburger Au schaute ich im Dezember 1984 vorbei, als es am Opernballtag 1987 auf der Straße krachte, stand ich mitten unter den Demonstranten, aber da schon als Reporter.

Manche dieser Kundgebungen hatten recht rasch Erfolg, einige langfristig, manche gar keinen. Die Friedensdemos konnten nicht verhindern, dass in Europa Pershing-II-Raketen und Cruise-Missiles stationiert wurden, aber die Stimmungslage brachte es mit sich, dass es in Österreich schließlich Zivildienst gab.

Apokalypse, Mörder

Freitag war ich wieder auf einer Demo, gleich zweimal, einmal ziemlich am Anfang, dann gegen Ende hin. Ich wollte wissen, was anders ist heute, wenn es nicht mehr gegen ein Kraftwerk und gegen das Wettrüsten geht, also nicht mehr um „Petting statt Pershing", wie damals auf den Schildern stand.

Was mir schnell auffiel: Es waren mehr Menschen da, als ich gedacht hatte. Die meisten standen vor einer kleinen Bühne, aufgebaut vorm Denkmal von Erzherzog Karl am Heldenplatz, jemand sang, dann redete einer, dann sang eine und so weiter, wenn etwas gefiel, wurde gejohlt. Viele saßen im Gras oder gingen in Gruppen umher. Auf der Bühne nannte einer der Redner Politiker „Mörder" und malte die Apokalypse aus, diesmal war es keine in Türkis-Blau, zumindest nicht vordergründig.

Was ich auch sah: Klima ist ein breites Thema, eine große Projektionsfläche, ein Hut, in den viel passt, eigentlich alles: vegane Ernährung, Tierschutz, Kampf gegen Armut, gegen rechts. Niemand ist gegen das Klima. Manchen ist es wurscht, wenn es heißer wird und einige halten das auch für normal und nicht von Menschen verschuldet, aber grundsätzlich ist niemand gegen das Klima. Also keiner sagt „dieses depperte Klima", es gibt auch kein Ausreisezentrum für das Klima, ab dem dritten heißen Tag bekommt das Klima auch nicht weniger Geld.

Kein neues Woodstock

Einige an diesem Freitag hatten Plakate gemalt, hielten sie hoch und schritten mit fröhlichen Gesichtern umher wie Eisverkäufer. „I want a hot date, not a hot planet", stand da und „Make climate great again" oder „Wir sind jung, wir sind laut, weil ihr uns die Jugend klaut", „Klima ist wie Bier, warm ist scheiße", „Mei Klima ist net deppert". Auf einem Spruchband las ich den Vorschlag „Klima retten, Kapitalismus entsorgen". Die kommunistische Unterwanderung wurde greifbar, jedenfalls war mir klar, dass dies später irgendwo thematisiert werden würde und ich wurde nicht enttäuscht.

Die Stimmung war fröhlich. Nein, es war kein Woodstock, es hatte nicht die Energie einer Friedensdemo, nicht die Kraft der Anti-Atombewegung, nicht die Zielgerichtetheit von Hainburg. Die Szene wirkte unschuldig, einige Schüler standen etwas verloren herum, andere nutzten den Event eher zum Flirten, wiederum andere aßen Apfelspalten aus Tupperwaredosen, eingepackt womöglich von der Mama für die Demo, und nuckelten an Trinkflaschen. Viel trinken ist wichtig, Menschen drohen ja im mitteleuropäischen Raum ständig zu verdursten, deswegen zuzeln sie im öffentlichen Raum ständig an Flüssigkeitsbehältnissen.

„Klimaerwärmung führt zu Dürre, Dürre führt zu Hunger, Hunger führt zu Krieg, Krieg zerstört die Welt", rief ein Redner von der Bühne aus in die Menge, die fröhlich aufjuchzte. Greta Thunberg kam vielfach vor, ihre Slogans wurden wiedergegeben, jede Bewegung hat ihre Helden, ihre Heldinnen. Den Klimaschutz führt nun eine 16-Jährige aus Schweden an, die an Asperger leiden soll, über Depressionen zum Thema kam und im Herbst den Nobelpreis bekommen soll. Auch die Welt der Auszeichnungen ist schnelllebig geworden.

Greta, greater Zorn

Greta zieht nun den Hass der Älteren auf sich. Sie sei ferngesteuert, ein Mittel zum Zweck, hinter ihr stünden eine Eislaufmutter und ein erfolgloser Vater, der nun über das Kind seine Selbstverwirklichung erfahre. Mit Greta würden üble Geschäfte gemacht, PR-Agenturen werkten im Hintergrund, über einen Fond wurde berichtet, der mit ihrem Namen Millionen einsackte. Viele Kommentare, die über die junge Schwedin geschrieben wurden, sagen freilich mehr über die Verfasser aus, ihre Verlustängste, Einfluss, Macht und ihr gesetztes Leben abgeben zu müssen, als über Greta.

Mag sein, dass ein paar Körnchen oder vielleicht sogar mehrere von dem stimmen, was über sie verbreitet wird, es ist wichtig und nötig, dass darüber recherchiert und berichtet wird. Aber unterm Strich bleibt, dass eine 16-Jährige mehr in der Sache weitergebracht hat als die meisten anderen auf der Welt, die sich beruflich damit beschäftigen. Die Klimarettung den Profis überlassen? Okay, nur zu, macht! Aber schließt das Engagement von Profis den Druck von der Straße, von Schülern aus, die ja mit dieser Welt später einmal allein zurechtkommen müssen? Selbst wenn, der Wecker hat längst geklingelt. Greta wird great, eine große Bewegung, ob es manchen gefällt oder nicht.

Als ich um 14.30 Uhr noch einmal auf den Heldenplatz kam, war nur mehr Erzherzog Karl da. Die Demo sollte eigentlich noch laufen, aber alle waren weg. Vor dem Reiterdenkmal stand ein weißer Kastenwagen, in den die Bühne und die Lautsprecher verladen worden waren, ein Lastenrad wäre vielleicht passender gewesen. Am Steuer saßen zwei jüngere Menschen, schauten auf ihre Smartphones, der Dieselmotor lief eine ganze Weile und nebelte das Denkmal nach und nach ein. Stottert noch, dieser Klimaschutz.

(Autor: Christian Nusser)

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