Seit nun mehr als drei Wochen herrscht in Europa wieder Krieg. Das erste Mal seit dem zweiten Weltkrieg versucht ein Land gewaltsam wieder, ein anderes einzunehmen. Die Bilder, die täglich den Schrecken aus der Ukraine zeigen, erzählen nur einen Bruchteil des Leids der (Zivil-) Bevölkerung am Schauplatz der russischen Aggressionen. Seit Beginn den Überfalls der Armee von Wladimir Putin auf das Nachbarland sind zwei Journalisten der Nachrichtenagentur "AP" die einzigen internationalen Berichterstatter in Mariupol – ihre Erzählungen gehen unter die Haut.
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"Hier liegen die Leichen der Kinder, die unter dem ständigen Trommelfeuer des Granatfeuers in diesen engen, eilig in die gefrorene Erde von Mariupol gegrabenen Graben geworfen wurden", beginnen Mstylav Chervov, Evgeniy Maloletka (Fotograf) und Lori Hinnant ihre Schilderungen aus Mariupol. Sie beschreiben die Körper der Kinder – beispielsweise jenen des 18 Monate alten Kirill, dessen Wunde am Kopf zu viel für seinen kleinen Körper war. Ein Mädchen im Pyjama mit Zeichentrick-Einhörnern, nicht älter als sechs Jahre, ist eines der ersten Todesopfer des Angriffs – sie starb nach einem russischen Raketenangriff.
Ein würdevolles Begräbnis erfahren die jungen Kriegsopfer nicht, dafür ist keine Zeit, kein Platz, keine Sicherheit. In einem Massengrab am Rande der Stadt werden sie neben Dutzend anderen Leichen gestapelt. Ein Mann verdeckt ihre Körper mit einer blauen Plane.
"Das Einzige, was ich will, ist, dass das hier zu Ende ist", sagt der Arbeiter Volodymyr Bykovskyi den Journalisten, während er zerknitterte schwarze Leichensäcke aus einem Lastwagen zog. "Verflucht seien sie alle, diese Leute, die das angefangen haben!". Die 430.000-Einwohner-Stadt hat die volle Wucht der Aggressionen von Putin abbekommen, mittlerweile ist sie eingekesselt und russische Raketen und Granaten prasseln nahezu unaufhörlich nieder. Die flehenden Appelle, humanitäre Korridore zu errichten, um der Zivilbevölkerung die Chance zu geben, die Stadt zu verlassen, verstummen im Bombenhagel von Mariupol.
Am Mittwoch versuchten erneut rund 30.000 Menschen ihr Glück und flohen nach Angaben von ukrainischen Behörden aus der Stadt. Die umliegenden Straßen sind jedoch bereits vermint und der Hafen blockiert. Die Lebensmittel gehen zur Neige, und die Russen haben die Versuche der humanitären Organisationen, sie zu liefern, gestoppt. Wasser ist mittlerweile zu einem spärlichen Luxusgut geworden und die Zurückgebliebenen schmelzen Schnee, um etwas zu trinken zu haben. Eltern lassen mittlerweile ihre Neugeborenen immer öfter im Krankenhaus zurück, da sie die Hoffnung haben, dass ihnen zumindest hier geholfen wird bzw. der Strom und die Versorgung länger hält.
Die Kälte, die die Lage noch dramatischer macht, veranlasst die Bewohnerinnen und Bewohner dazu, ihre Möbel zu verbrennen und ihr Hab und Gut als wärmendes Element in den Flammen zu versenken. Der Tod ist doch steter Begleiter in Mariupol – offiziell sind 2.500 Menschen während der Angriffe gestorben. Die AP-Journalisten berichten jedoch, dass durch den ständigen Kugelhagel ein genaues Zählen nicht mehr möglich sei. Entgegen der russischen Beteuerungen die Zivilbevölkerung zu verschonen, würden jedoch auch Dutzende und Aberdutzende tote Kinder neben ihren Müttern in den Straßen der Stadt liegen.
Während Mariupol vor dem russischen Angriff eine blühende Stadt war, die alles hatte, um als lebenswert bezeichnet zu werden, entfleucht nun das Leben immer mehr. Zu Beginn des Krieges machten sich 100.000 auf, um die Stadt zu verlassen, für einige war es jedoch bereits damals zu spät.
Am 27. Februar raste bereits ein Krankenwagen mit einem kleinen, regungslosen Mädchen, das noch keine 6 Jahre alt war, in ein städtisches Krankenhaus. Ihr braunes Haar war mit einem Gummiband aus ihrem blassen Gesicht gestrichen, und ihre Pyjamahose war von russischem Beschuss blutig. Ihr verwundeter Vater kam mit ihr, sein Kopf war bandagiert. Ihre Mutter stand draußen vor dem Krankenwagen und weinte.
Die Ärzte und Krankenschwestern drängten sich um sie, einer gab ihr eine Spritze. Ein anderer versetzte ihr einen Schock mit einem Defibrillator. Ein Arzt in blauem Kittel, der ihr Sauerstoff einflößte, schaute direkt in die Kamera eines AP-Journalisten, der in den Wagen gelassen wurde, und fluchte. "Zeigen Sie das Putin", stürmte er mit wütenden Ausdrücken. "Die Augen dieses Kindes und die weinenden Ärzte." Sie konnten sie nicht retten. Die Ärzte bedeckten den winzigen Körper mit ihrer rosa gestreiften Jacke und schlossen sanft ihre Augen. Jetzt ruht auch sie im Massengrab.