Für Forscherin stellt Koran Männer und Frauen gleich

Theologin und Historikerin Fatma Akay-Türker findet, der Koran sei in Sachen Gleichbehandlung ein geradezu revolutionäres Werk.
Theologin und Historikerin Fatma Akay-Türker findet, der Koran sei in Sachen Gleichbehandlung ein geradezu revolutionäres Werk.Lukas Beck
Der Koran würde Frauen und Männer gleichstellen, die Islamische Glaubensgemeinschaft Österreich nicht, prangert Historikerin Fatma Akay-Türker an.

2019 trat sie als Frauensprecherin der Islamischen Glaubensgemeinschaft Österreich (IGGÖ) in der Hoffnung an, das Frauenbild zu modernisieren. Jetzt kritisiert die Theologin und Historikerin Fatma Akay-Türker in ihrem soeben erschienen Buch "Nur vor Allah werfe ich mich nieder" strukturelle Frauenfeindlichkeit in der IGGÖ, die es so nicht einmal in der Türkei gäbe. Sogar die Landespolizeidirektion Wien ist alarmiert.

Modernes Frauenbild im Koran

"Die IGGÖ ist vom Rest der Welt abgekapselt wie Marmelade in einem geschlossenen Marmeladenglas", sagt Akay-Türker, die im Vorjahr aus Protest dagegen ihr Amt zurücklegte. Anhand ihrer eigenen Erfahrungen schreibt sie von Ausgrenzung und Geringschätzung. "Sie entwickelt sich nicht weiter. Sie modernisiert sich nicht. Sie verharrt in der Vergangenheit."

Die kämpferische Muslimin legt ein mutiges Buch über verhärtete patriarchale Strukturen vor, das aus Sicherheitsgründen mit besonderer Aufmerksamkeit der Landespolizeidirektion Wien startet. Sie zeigt, dass der Koran Frauen und Männer in Wirklichkeit gleichstellt und alles andere falsche Traditionen sind.

Von der IGGÖ zensuriert

Es gäbe keine anderslautenden Passagen, sagt sie. Was durchaus ungewöhnlich sei, weil es zur Zeit des Propheten etwa aufgrund von Kriegen sechsmal mehr Frauen als Männer gab und der Wert der Frauen dementsprechend gering war. Vielehe war so möglich. Der Koran sei deshalb in Sachen Gleichbehandlung ein geradezu revolutionäres Werk. "Wenn ich so argumentiert habe, war das Beste, was mir passieren konnte, dass ich ausreden durfte", sagt Akay-Türker, "aber danach war es, als hätte ich nie gesprochen.“

Die muslimische Ex-Funktonärin sieht strukturelle Frauenfeindlichkeit bei der Islamischen Glaubensgemeinschaft Österreich
Die muslimische Ex-Funktonärin sieht strukturelle Frauenfeindlichkeit bei der Islamischen Glaubensgemeinschaft ÖsterreichLukas Beck

Ihr erster öffentlicher Auftritt im Namen der IGGÖ, bei dem sie über die Stellung der Frau im Koran sprach, wurde so gleichzeitig ihr letzter. Sogar ihre Position zum Weltfrauentag "zensurierte" die IGGÖ demnach, übrig geblieben sei ein Foto mit Frauen darauf und der Satz "Wir sind die Frauen der IGGÖ". Theologische Diskussionen mit ihr hätten die Repräsentanten der IGGÖ grundsätzlich verweigert.

"Die IGGÖ muss in der Gegenwart ankommen"

Dabei hat Autorin selbst erlebt, welche emanzipatorische Kraft der Koran hat. In ihrem Buch erzählt sie, wie sie selbst privat Opfer von Unterdrückung wurde. Obwohl sie Alleinverdienerin war, verfügte ihr Mann über beide Bankomatkarten und sie musste ihn um Geld bitten, wenn sie welches brauchte.

"Die IGGÖ ist vom Rest der Welt abgekapselt wie Marmelade in einem geschlossenen Marmeladenglas"

Die kämpferische Muslimin, die inzwischen geschieden ist: "Es war der Koran, der mir den Mut gab, mich dagegen aufzulehnen und einen anderen Weg einzuschlagen. Es ist höchste Zeit, dass auch die IGGÖ den Mut hat, in der Gegenwart und in der Wirklichkeit anzukommen", so Akay-Türker.

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