Mitten in der Nacht rennt ein elfjähriger Novak Djokovic durch die Straßen von Belgrad. Um ihn herum herrscht Panik, seine Familie ist plötzlich weit vor ihm – dann stürzt der spätere Tennis-Superstar zu Boden. 27 Jahre später spricht Djokovic über jene dramatischen Minuten während der NATO-Luftangriffe auf Jugoslawien.
"Es war ein schrecklicher Anblick", erinnert sich der mittlerweile 39-Jährige in der neuen Prime-Video-Dokumentation "Novak Djokovic: Der Wolf im Winter". Der Film erscheint kurz vor den US Open und gibt tiefe Einblicke in die Kindheit des 24-fachen Grand-Slam-Champions.
Im März 1999, wenige Wochen vor seinem zwölften Geburtstag, erschütterten Explosionen die serbische Hauptstadt. Weil das Wohnhaus der Familie keinen Schutzraum hatte, mussten Djokovic und seine Angehörigen in ein anderes Gebäude flüchten.
"Es war zwei oder drei Uhr morgens. Es war dunkel. Man sieht Menschen herumlaufen, in Panik", erzählt Djokovic. Jeder habe versucht, sich irgendwie in Sicherheit zu bringen.
Dann passierte es: Djokovic stolperte und fiel hin. Seine Familie bemerkte es offenbar nicht und lief weiter. "Ich sah meine Familie 40, 50 Fuß vor mir wegrennen. Ich versuchte zu schreien: 'Helft mir, helft mir.'"
Doch niemand hörte ihn. Als sich der junge Djokovic umdrehte, sah er nach eigenen Angaben ein Flugzeug und zwei Bomben, die in der Nähe eines Krankenhauses einschlugen. Er selbst stand im Regen und in der Dunkelheit. Auch sein Bruder Marko erinnert sich in der Dokumentation an die Angst dieser Zeit. Die Familie habe sich nachts gemeinsam in einer Ecke versteckt und gehofft, dass nichts passiere.
Noch im selben Jahr verließ Djokovic Serbien und ging nach München, um in der Tennisakademie von Niki Pilic zu trainieren. Doch der Traum von der Profikarriere brachte die Familie finanziell an ihre Grenzen.
Djokovic erzählt, dass sein Vater sogar Geld von "sehr falschen Leuten" beziehungsweise Kriminellen geliehen habe, um die teure Ausbildung seines Sohnes zu ermöglichen.
Eines Tages habe sein Vater die Familie zusammengerufen und zehn D-Mark auf den Tisch gelegt. Mehr sei nicht übrig gewesen. Trotzdem versprach er seinem Sohn, alles für dessen Traum zu tun – unter einer Bedingung: Djokovic müsse sich dem Tennis zu 100 Prozent verschreiben.
"Ich musste ernster, härter und stabiler werden, mehr ein Mann als ein Junge", blickt Djokovic zurück. "Ich musste mit 13 Jahren irgendwie ein Elternteil sein. Ich konnte meine Gefühle nicht mehr ausdrücken. Und ich war ein Kind."