Der südkoreanische Geheimdienst hat nun klargestellt, dass es keinerlei Hinweise darauf gebe, dass sich der nordkoreanische Machthaber einer Herz-OP unterzogen haben könnte. Doch wie waren die Spekulationen überhaupt aufgekommen?
Der Chef des südkoreanischen Geheimdienstes stellte am Mittwoch vor einem Parlamentsausschuss noch einmal klar: Es gebe keinerlei Anzeichen dafür, dass sich der nordkoreanische Machthaber Kim Jong-un (auf 36 Jahre geschätzt) einer Herzoperation unterzogen oder gesundheitliche Probleme habe.
Kim sei dieses Jahr 17-mal öffentlich aufgetreten, normalerweise zeige er sich im ersten Halbjahr über 50-mal. Auf Nachfrage, ob dies mit einem Ausbruch des Coronavirus auch in Nordkorea zu tun haben könnte, antwortete Suh Hoon: "Es kann nicht ausgeschlossen werden, dass es einen Ausbruch in Nordkorea gibt." Dem nordkoreanischen Regime zufolge kommt das Virus bis heute nicht vor im Land.
Der Diktator war im April 20 Tage von der öffentlichen Bildfläche verschwunden. Als er dann sogar an einer der bedeutendsten Jahresfeierlichkeiten Nordkoreas fehlte – dem Geburtstag seines Großvaters Kim Il-sung –, begannen Berichte über den angeblich schwindenden Gesundheitszustand des übergewichtigen Machthabers die Runde zu machen.
Ausgangspunkt der Nachricht war das auf Nordkorea spezialisierte, unter anderem durch amerikanische Spenden finanzierte, südkoreanische Webportal "Daily NK". Kim habe sich am 12. April einer Herzoperation unterzogen, so das Portal. Der amerikanische Fernsehsender CNN und später die Nachrichtenagentur Bloomberg beriefen sich auf Quellen in der amerikanischen Regierung und meldeten, Kim befinde sich nach einer Operation in einem lebensbedrohlichen Zustand. Das Weiße Haus sei sich nicht sicher über seinen derzeitigen Gesundheitszustand, hieß es. Demgegenüber wies Südkorea immer wieder darauf hin, dass es für die Spekulationen kaum Anhaltspunkte gebe.
Kim wirkte dann aber sehr lebendig, als er am Wochenende auf einmal wieder auftauchte und eine Düngefabrik einweihte. "Diese Entwicklung ist unangenehm für CNN und viele Medien weltweit, aber auch für eine Reihe von Geheimdiensten, die in den letzten Wochen wie irre etwas über Kims Zustand herauszufinden versuchten", schreibt die "Washington Post".
Auch dem Portal "Daily NK", das am Anfang der Gerüchtekette stand, dürfte es unbehaglich zumute sein. Ein Artikel erklärt ausführlich die Schwierigkeiten, die sich in Nordkorea bei der Informationsauswertung stellen. Robert Lauler, Redaktor des mehrsprachigen Mediums, gestand zudem ein, dass bei der Übersetzung vom koreanischen Artikel ins Englische ein Fehler passiert ist: "Eine kardiovaskuläre Prozedur" sei überspitzt und wenig genau mit "Herzoperation" übersetzt worden.
In der Zwischenzeit haben sich einzelne CNN-Mitarbeiter für die Fehlinformationen entschuldigt, und auch zwei ehemalige nordkoreanische Überläufer gestanden Fehler ein. "Ich bin mir bewusst, dass einer der Gründe, wieso Sie mich wählten, die Erwartung ist, dass ich akkurate Analysen und Prognosen bei nordkoreanischen Themen abgebe. Ich fühle Schuld und schwere Verantwortung", sagte Thae Yong, der mittlerweile Parlamentarier in Südkorea ist. Er hatte im April berichtet, dass Kim seinen Quellen zufolge "weder allein stehen noch laufen" könne.