"Eine Wildkatze aufzufinden, ist praktisch unmöglich"

Wildkatze
WildkatzeMatthias Neuhaus
Im Interview mit "20 Minuten" erzählt der Naturfotograf Matthias Neuhaus von seinen Begegnungen mit Luchsen, Wildkatzen und Baummardern.

Matthias Neuhaus (34) aus Bettenhausen bei Herzogenbuchsee fotografiert und beobachtet Tiere in freier Wildbahn, vorwiegend im Solothurner Jura in der Schweiz. Seit 15 Jahren betreibt er dieses Hobby als Ausgleich zu seinem Büroalltag. Im Interview erzählt Neuhaus, wie viele Stunden er für ein gutes Luchsfoto aufbringt und wie er sich fühlt, wenn er seine Fotofallen nach neuen Bildern checkt.

Sie halten sich in riesigen Wäldern auf, unternehmen nächtliche Spaziergänge und sind ständig draußen, auf der Jagd nach dem perfekten Bild. Sie müssen ein Naturmensch sein.

Matthias Neuhaus: Ich brauche die Natur wie die Luft zum Atmen. Egal, ob bei Tag oder Nacht, Sommer oder Winter, bei brütender Hitze oder bei Schneesturm. Ein paar Tage nicht in der Natur, und ich kriege Entzugserscheinungen.

In den Wäldern treffen Sie auf Schlangen, Gämse und Luchse. Welche Tiere haben es Ihnen besonders angetan?

Seit ich das erste Mal in die Augen eines Luchses blicken durfte, bin ich total in dieses Tier vernarrt. Jede dieser wenigen Begegnungen ist irgendwie magisch. Aber grundsätzlich fasziniert mich die Natur generell. Da gibt es immer wieder spezielle Entdeckungen wie beispielsweise eine überraschende Begegnung mit einer Wildkatze oder einem Baummarder.

Wildkatzen läuft man im Wald nicht sehr häufig über den Weg. Ist es schwierig, die Tiere aufzuspüren?

Wildkatzen sind dämmerungs- und nachtaktiv und dazu sehr scheu. Sie sind perfekt getarnt, haben einen lautlosen Gang und legen ein unberechenbares Verhalten an den Tag. Das macht das Auffinden der Tiere praktisch unmöglich.

Dennoch konnten Sie schon mehrere Wildkatzen fotografieren, sogar tagsüber. Wie haben Sie das geschafft?

Mit Fotofallen kann man den Standort etwas eingrenzen. Ein frisch gemähtes Feld mit zahlreichen Mäusen zieht nicht nur den Fuchs an, sondern mit etwas Glück auch eine Wildkatze.

Wie lässt sich eine Wildkatze überhaupt von einer Hauskatze unterscheiden?

Da sich Wildkatzen zunehmend mit verwilderten Hauskatzen paaren, liefert nur ein Gentest hundertprozentige Garantie. Phänotypische Merkmale sind unter anderem ein buschiger, stumpfer, schwarzer und geringelter Schwanz und ein verwaschenes Fell.

Sie arbeiten oft mit Fotofallen. Mit welchen Gefühlen checken Sie am nächsten Tag jeweils die Aufnahmen?

Ich fühle mich jeweils wie ein Kind beim Geschenkeauspacken. Manchmal ist eine Riesenüberraschung drin, und manchmal hat die Falle nicht einmal funktioniert. Es kommt auch vor, dass das Tier nicht so in die Falle tappt, wie ich es mir vorgestellt habe. Beispielsweise wenn es aus einer anderen Richtung kommt.

Gibt es das perfekte Foto? Welche Eigenschaften muss das perfekte Bild haben?

Wenn das Bild bei mir ein Lächeln ins Gesicht zaubert, bin ich sicher nah dran. Aber besser geht es natürlich immer.

Auf welches Foto sind Sie besonders stolz?

Der Luchs im Nebel. Die mystische Stimmung und der neugierige Blick passen perfekt zu der Raubkatze.

Man bekommt Lust, selbst in die Natur zu gehen und Tiere zu beobachten, wenn man Ihre Fotos sieht. Das Hobby ist aber sicherlich auch mit viel Aufwand verbunden.

Definitiv. Für ein gutes Luchsfoto verbringt man ein paar Tausend Stunden in der Natur. Aber als «Aufwand» betrachte ich es nicht. Ich bin für jede Minute dankbar, die ich im Wald verbringen darf. Die Wahrscheinlichkeit, ein Reh oder eine Gämse anzutreffen, ist natürlich viel höher. Aber auch hier braucht es Geduld und Zeit.

Wissen Sie, wo sich welche Tiere aufhalten oder ist das reine Glückssache?

Wenn man Tag und Nacht in der Natur ist, lernt man auch ihre Sprache. Geräusche, Geruch, Trittsiegel und auch das Wetter bieten gute Anhaltspunkte, auf welche Tiere man treffen könnte. Eine große Portion Glück gehört natürlich auch dazu.

Wie groß ist die Chance, dass ein Anfänger einen Luchs oder eine Wildkatze in freier Wildbahn fotografieren kann?

Zufälle gibt es immer wieder. Je mehr Zeit man in der Natur verbringt und von ihr lernt, desto höher werden auch die Chancen auf eine Sichtung. Aber Garantien hat man keine. Natur bleibt die Natur.

Sie schreiben in Ihrem Instagram-Profil, dass es Ihnen wichtig ist, während Ihren Exkursionen die Umgebung zu respektieren. Was meinen Sie damit?

Viele Wildtier-Fotografen spielen mit unfairen Mitteln und kennen keine Grenzen. Alles nur für das perfekte Foto. Manche Fotografen füttern die Wildtiere oder drapieren Amphibien von Hand für ein gutes Bild. Davon möchte ich mich klar distanzieren.

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