24. Februar 2022. Ein Tag, der Wolodimir Selenski für immer im Gedächtnis bleiben wird. Nicht nur, weil sein Land seit mehr als 60 Tagen unter Russlands brutalen Angriffskrieg leidet. Mehr noch: Am ersten Tag des Krieges soll es die russische Armee beinahe zweimal geschafft haben, den ukrainischen Präsidenten und seine Familie gefangen zu nehmen. Erinnerungen, die Selenski noch lange verfolgen werden.
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Der ukrainische Präsident hat im Interview mit dem US-amerikanischen Magazin "Time" über die ersten Stunden des Krieges gesprochen. Der "Time"-Journalist Simon Shuster hat wochenlang auf dem Gelände des Präsidenten recherchiert. Shuster hat etliche Interviews geführt - auch mit Selenski selbst. Dank Shuster können die ersten 24 Stunden des Krieges aus der Sicht des ukrainischen Präsidenten rekonstruiert werden.
Die Bombardierung in Kiew hatte bereits in der Früh begonnen. Sofort soll Selenski gemeinsam mit seiner Frau zu ihrer 17-jährigen Tochter und ihrem neunjährigen Sohn gegangen sein. "Wir haben sie aufgeweckt", zitiert ihn die "Time". Seine Kinder sollten sich zur Flucht bereit machen. "Es war laut. Da drüben gab es Explosionen", erinnert sich Selenski.
Schnell wurde klar, dass die Präsidentenbüros nicht die sichersten Orte waren. Ein russisches Einsatzkommando sei mit Fallschirmen über Kiew abgesprungen. Mit nur einem Ziel: Selenski und seine Familie zu töten oder in Gefangenschaft zu nehmen. Das hatte ihm das ukrainische Militär mitgeteilt, nach Aussagen des ukrainischen Stabschefs Andriy Yermak.
Die Präsidentengarde versuchte alles, um das Gelände im Regierungsviertel zu verbarrikadieren. Dazu nutzten sie, was sie finden konnten - von Polizeibarrikaden bis hin zu Sperrholzplatten. Im Laufe des Tages eilten Freunde und Verbündete an Selenskyi Seite. Auch Ruslan Stefanchuk. Er ist der Parlamentspräsident. Im Falle von Selenski Tod übernimmt er das Kommando.
Als Stefanchuk zum ersten Mal seit Kriegsbeginn Selenski traf, soll er keine Angst in seinem Gesicht gesehen haben. Stattdessen soll er im Gesicht des ukrainischen Präsidenten nur eine Frage gelesen haben: "Wie konnte das sein?" Laut der "Time" konnte keiner der beiden wirklich verstehen, was gerade passiere. "Wir haben gespürt, wie die Ordnung der Welt um uns herum zusammenbricht," wird er zitiert.
Stefanchuk eilte an diesem Tag noch hinunter zum Parlament und leitete eine Abstimmung ein. Im ganzen Land sollte das Kriegsrecht verhängt werden. Selenski unterzeichnete das Dekret noch am selben Nachmittag.
Als es am ersten Abend des Kriegs dunkel wurde, brachen Schießereien im Regierungsviertel aus. Sofort schalteten die Wachen alle Lichter innerhalb des Geländes aus. Selenski und seine Verbündeten bekamen kugelsichere Westen und Sturmgewehre in die Hand gedrückt. Nur wenige wussten mit den Waffen etwas anzufangen.
Der Präsidenten-Berater Oleksiy Arestovych konnte mit der Waffe umgehen. Er ist ein Veteran des ukrainischen Militärgeheimdienstes. "Es war ein absolutes Irrenhaus", so Arestovych. "Automatik für alle." Gegenüber dem "Time"-Journalisten erzählt er, dass russische Soldaten zweimal versucht hatten, das Gelände zu stürmen. Selenski selber offenbart Shuster, dass zu diesem Zeitpunkt seine Frau und Kinder noch im Regierungsviertel versteckt waren.
Angesichts der gefährlichen Situation für den ukrainischen Präsidenten und seiner Familie, machten amerikanische und britische Kräfte Selenski ein Angebot. Er und seine Verbündeten sollten evakuiert werden, um eine Exilregierung in Sicherheit aufzubauen. Keiner von Selenski Beratern erinnert sich daran, dass er dieses Angebot jemals ernsthaft in Betrachtung gezogen habe. Über eine sichere Verbindung teilte er den Amerikanern seine Entscheidung mit, die um die ganze Welt ging. "Ich brauche Munition, keine Mitfahrgelegenheit."