Nummer eins der Bestenliste

Erfolgsroman erzählt von seltener Gesichtsblindheit

Mit dem Roman "Prosopon" erobert Anna Felnhofer Platz 1 der ORF-Bestenliste. "Heute" hat mit ihr über die seltene Gesichtsblindheit Prosopagnosie.
Anna Wallinger
08.06.2026, 06:00
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Mit ihrem Roman "Prosopon" hat Anna Felnhofer die Spitze der ORF-Bestenliste im Juni erobert. Im Gespräch mit "Heute" erzählt die Autorin, warum sie die wenig bekannte Gesichtsblindheit Prosopagnosie ins Zentrum ihres Romans gestellt hat – und was sie an dem Thema so fasziniert.

Ein Roman über Identität und Verlust

Im Zentrum von "Prosopon" steht ein siebenjähriger Junge, der nach einem Unfall im Krankenhaus um sein Leben kämpft. Welche Rolle sein Vater Jakob und dessen Prosopagnosie bei dem Unglück spielen, ist Gegenstand behördlicher Ermittlungen.

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Während die Mutter nach Antworten sucht, setzt sie Stück für Stück das Leben ihres Partners zusammen – und stößt auf einen Menschen, dessen Welt ohne Gesichter, ohne Kontinuität und ohne festen Halt auskommen muss.

Anna Felnhofer beschäftigt sich beruflich eigentlich mit ganz anderen Fragen. Die Klinische Psychologin forscht an der MedUni Wien an Virtual-Reality-Anwendungen und setzt diese bei Kindern und Jugendlichen ein. Mit Menschen, die an Prosopagnosie – umgangssprachlich auch Gesichtsblindheit genannt – leiden, arbeitet sie in ihrer wissenschaftlichen Arbeit nicht. Dennoch begegnete ihr die kognitive Wahrnehmungsstörung vor rund 20 Jahren. "Ich kann nicht mehr genau sagen, in welchem Kontext, aber ich weiß, dass es mich damals schon sehr interessiert hat – primär aus literarischer Sicht."

Was bleibt vom Ich ohne Gesicht?

Prosopagnosie ist eine neurologische Wahrnehmungsstörung. Betroffene können Gesichter zwar sehen und ihre Merkmale wahrnehmen, haben jedoch Schwierigkeiten, Gesichter als bestimmte Personen zu erkennen, sie sich einzuprägen oder wiederzuerkennen. Selbst enge Freunde, Familienmitglieder oder das eigene Spiegelbild können in extrem ausgeprägten Formen nicht identifiziert werden.

Dieses Thema ließ Felnhofer nicht mehr los. Besonders faszinierte sie dabei die Frage, wie Menschen überhaupt ihre Identität entwickeln, wenn sie Gesichter nicht erkennen können: "Wie bildet eine Person, die betroffen ist, ein Ich aus, wenn sie kein Bild von sich hat?", fragt sich die Autorin.

In ihrer wissenschaftlichen Arbeit beschäftigt sich die Autorin mit VR-Brillen, die bei Kindern und Jugendlichen zum Einsatz kommen.
Nina Rechnitzer

Bei schweren Ausprägungen der Störung können Betroffene sogar ihr eigenes Gesicht nicht erkennen. "Sie wissen zwar, dass sie das sind, weil sie vor dem Spiegel stehen, aber sie können mit dem Gesicht nichts anfangen", erklärt Felnhofer. Auch auf Fotos würden sich manche nicht wiedererkennen. Gleichzeitig betont sie, dass die Erkrankung sehr unterschiedlich ausgeprägt sein kann – von leichten Formen bis hin zu Extremfällen.

Für ihren Roman entschied sie sich bewusst für eine besonders schwere Ausprägung. "Ich fand es spannend, das im Rahmen einer Geschichte durchzuspielen", sagt sie. Dabei interessierten sie auch ganz alltägliche Fragen: Wie verliebt sich jemand, der Gesichter nicht erkennen kann? Wie gestaltet sich die Beziehung zum eigenen Kind?

Wenn Eltern ihr Kind in der Menge nicht erkennen

Tatsächlich berichten manche Betroffene laut Felnhofer davon, ihr eigenes Kind in einer Menschenmenge nicht sofort erkennen zu können: "Wir wissen aus Erfahrungsberichten, dass Menschen mit Prosopagnosie ihr Kind teilweise nicht erkennen, wenn sie es von der Schule abholen", erzählt sie.

Vor allem soziale Situationen können herausfordernd werden: Andere Eltern werden nicht gegrüßt, Bekannte übersehen. Für Außenstehende wirkt das oft kühl oder arrogant. Dabei sei das Gegenteil der Fall. Die meisten Betroffenen entwickeln ausgeklügelte Strategien, um Menschen dennoch auseinanderhalten zu können. "Sie lernen andere anhand der Stimme, der Frisur, der Ohrenform, der Kleidung oder des Gangbildes wiederzuerkennen."

Warum die Diagnose oft spät kommt

Die häufigste Form der Prosopagnosie ist angeboren. Kinder lernen von klein auf, mit der Einschränkung umzugehen, und kennen keinen anderen Zustand. "Deshalb kann es lange dauern, bis eine Diagnose gestellt wird", erklärt Felnhofer. Hinzu komme, dass die Wahrnehmungsstörung in der Öffentlichkeit noch wenig bekannt sei. Dabei gehen Schätzungen davon aus, dass zwei bis drei Prozent der Bevölkerung betroffen sein könnten. "Das wäre eigentlich sehr viel", sagt die Autorin.

Oft fällt die Störung erst auf, wenn Betroffene wiederholt in unangenehme Situationen geraten. Spezielle Tests, etwa zum Wiedererkennen bekannter Personen, können schließlich Klarheit schaffen.

Erzählt aus Sicht der Partnerin

Obwohl Prosopagnosie im Mittelpunkt des Romans steht, wird die Geschichte nicht aus der Perspektive des Betroffenen erzählt. Hauptfigur Jakob leidet an Gesichtsblindheit, die Erzählerin ist jedoch seine Partnerin und die Mutter ihres gemeinsamen Kindes. "Ich habe selbst keine Prosopagnosie. Das heißt, ich kann mich nur herantasten, wie es einer betroffenen Person gehen muss", erklärt Felnhofer ihre Entscheidung für diese Perspektive.

Schuld, Verantwortung und Wahrnehmung

Ein zentrales Thema des Romans ist die Frage nach Schuld. "Wie kann jemand verantwortlich sein, wenn er die andere Person gar nicht wahrnehmen kann? Und welche Gefahren entstehen dadurch?" Situationen, die Felnhofer in ihrem Roman durchspielt.

Im Buch schildert sie etwa eine Szene, in der Jakob nach einem Unfall auf einem Boot zwei bewusstlose Brüder vor sich hat. Einer von ihnen benötigt dringend eine Insulinspritze. Da Jakob die Brüder nicht unterscheiden kann, steht er vor einer folgenschweren Entscheidung.

"In diesem Fall ist es nicht seine Schuld, aber Menschen mit dieser Wahrnehmungsstörung sind Situationen ausgeliefert, denen andere nicht ausgesetzt sind", sagt die Autorin.

Nach ihrem vielfach ausgezeichneten Debüt "Schnittbild" legt Anna Felnhofer mit "Prosopon" einen Roman vor, der sensibel und sprachgewaltig um Fragen von Identität, Wahrnehmung und Verantwortung kreist. Kein Wunder also, dass das Buch nun auf Platz eins der ORF-Bestenliste gelandet ist.

{title && {title} } wall, {title && {title} } 08.06.2026, 06:00
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