Silvano Beltrametti galt als einer der großen Hoffnungsträger des Schweizer Skisports. Doch am 8. Dezember 2001 änderte ein Sturz in Val d'Isere alles. Mehr als 20 Jahre später spricht der heute 46-Jährige offen über Todesangst, radikales Loslassen und ein Leben, das anders verlaufen ist, aber nicht weniger Sinn hat.
Schon in den ersten Minuten nach dem Unfall ging es für Beltrametti nicht um Medaillen, sondern ums nackte Überleben. Er wusste, dass jede Sekunde zählt. "Ich musste wach bleiben, sonst sterbe ich", sagt er heute im "watson"-Interview. Als er wieder zu sich kam, sei ihm sofort klar gewesen: "Es geht ums Überleben. Ich habe mich für das Leben entschieden."
Die Diagnose folgte wenig später brutal klar: "Dann kam vom Mannschaftsarzt die niederschmetternde Diagnose, als er zu mir ins Zimmer kam und sagte: Silvano, es sieht nicht gut aus, du wirst dein Leben lang im Rollstuhl sitzen. Dein Rückenmark ist komplett zertrennt. Das war eine brutale Ohrfeige. Die Wahrheit so klar ins Gesicht gesagt zu bekommen, war aber auch ein wichtiger Schritt für mich."
Besonders prägend war eine Begegnung auf der Intensivstation in Nottwil: Neben ihm lag ein 14-jähriges Mädchen, nach einem Unfall vollständig gelähmt. "Das war der Moment, in dem ich den Gedanken hatte: Es könnte alles noch viel schlimmer sein", sagt Beltrametti. Ein Gedanke, der ihn bis heute begleitet und trägt.
Beltrametti spricht nicht von Bitterkeit, sondern von Relativierung. Von Dankbarkeit. Von der Fähigkeit, Glück neu zu definieren. Der frühere Speed-Spezialist betreibt heute mit seiner Frau ein Berghotel, fährt Monoskibob, jagt, arbeitet lange Tage und empfindet Zufriedenheit dort, wo früher der nächste Sieg gezählt hätte. "Mir gelingt es vielleicht besser, schöne Momente wahrzunehmen", sagt er. Selbst Dinge wie ein Händedruck seien für ihn nicht selbstverständlich.
Auch mit dem Begriff "Schicksal" geht Beltrametti ungewöhnlich nüchtern um. Ja, viele kleine Faktoren hätten zu seinem Unfall geführt: "Ich habe einen Fahrfehler gemacht, den ich in 1000 Fahrten vielleicht einmal mache. Es war eine relativ einfache Stelle. Es hat mich so blöd verdreht, dass ich genau die 10 bis 15 Meter vor dem Sicherheitsnetz nicht mehr reagieren konnte, weil ich auch leicht in der Luft war. Das sind Zehntelsekunden, in denen du weißt: Jetzt klöpfts. Wenn ich das Netz leicht abgedreht getroffen hätte, hätte es mich auf die Piste geschleudert. Aber ich traf es frontal und habe das Netz mit den Ski einfach aufgeschnitten. Dahinter prallte ich gegen einen Eisenpfeiler des Hochsicherheitsnetzes und landete auch noch auf einem spitzigen Stein."
Ja, er habe sich gefragt, warum das passieren musste. Doch er bleibt nicht in dieser Frage hängen. "Ich musste loslassen und neu anfangen", sagt er rückblickend. Und: "Ich lebe. Und ich habe ein gutes Leben."